Wer fliegt als Nächstes am BER? Für Flughafenchef Karsten Mühlenfeld könnte der heutige Mittwoch zum Schicksalstag werden. Am Abend trifft sich der Aufsichtsrat der Flughafengesellschaft in Berlin, um  zu beraten, ob der Vorsitzende der Geschäftsführung  bleiben darf – oder ob er gehen muss.

Die Gesellschafter sind sauer, weil Mühlenfeld den BER-Projektleiter Jörg Marks seines Postens enthoben hat –  ohne Rücksprache mit ihnen. „Ein Affront“, hieß es. Schon werden Pläne diskutiert, wie es  ohne Mühlenfeld weitergehen könnte – und es gibt Gespräche mit Marks, ob er zum BER zurückkehren würde. Ebenfalls am Dienstag wurden Einzelheiten zu den Vorgängen in der vergangenen Woche bekannt.

Offizielle Mitteilungen gab es dazu nicht. Doch nach Informationen der Berliner Zeitung ärgern sich vor allem der Bund und Berlin  über die Art, wie Mühlenfeld mit ihnen kommuniziert hat – zu spät, unvollständig und ohne wichtige Beteiligte von Anfang an einzubeziehen.

Überraschende SMS am Abend

Eigentlich schien alles klar zu sein am 7. Februar, als der Aufsichtsrat zu seiner jüngsten ordentlichen Sitzung zusammenkam. Der Regierende Bürgermeister Michael Müller, der dem Gremium vorsitzt, fragte dort, ob Mühlenfeld, die Finanz-Geschäftsführerin Heike Fölster und Technik-Chef  Marks das Vertrauen  der Aufsichtsräte genießen. Die Antwort war einstimmig und eindeutig: ja! So trennte sich die Runde, im Vertrauen darauf, dass auch Marks am BER weiterarbeitet.

Umso überraschender war die SMS, die Mühlenfeld am 20. Februar dem Vernehmen nach um 18.45 Uhr verschickte. „Ich möchte Sie auf diesem Weg vorab informieren, dass ich morgen Herrn Marks von seiner Tätigkeit bei der FBB freistellen werde“, war da zu lesen. Das Projekt bedürfe eines Neuanfangs – ohne dass Mühlenfeld ins Detail ging. Später teilte er mit, dass Marks Bautermine  nicht eingehalten habe.

Die SMS sorgte umgehend für Verstimmung – nicht nur bei den  drei Adressaten, sondern auch bei einem Beteiligten, der die SMS nicht erhalten hatte. Empfänger waren Engelbert Lütke Daldrup und Rainer Bretschneider, ihres Zeichens Flughafenkoordinatoren von Berlin  und Brandenburg, sowie  Rainer Bomba, Staatssekretär im Verkehrsministerium. Dagegen ging Michael Müller leer aus, obwohl er als Aufsichtsratschef einen höheren Rang hat. Den SPD-Politiker kontaktierte Mühlenfeld an jenem Abend erst um 22.19 Uhr: „Lieber Herr Müller, offensichtlich ist meine SMS nicht bei Ihnen angekommen.“

Viele Freunde hat Mühlenfeld nicht mehr

In diesem Stil ging es weiter. Dem Vernehmen nach konnte Mühlenfeld erst nach deutlichen Worten der Kritik dazu bewegt werden, sich am 21. Februar mit dem Regierenden zu treffen. Er hatte eingewandt, dass sein Terminplan voll sei. Vereinbart wurde, Marks Freistellung aufzuschieben. Zunächst sollte sich der Präsidialausschuss am 22. Februar mit der Personalie Marks befassen.

Erst während der außerordentlichen Sitzung ließ der Flughafenchef die Katze aus dem Sack: Christoph Bretschneider, dessen Lebenslauf zahlreiche Berufsstationen aufweist, werde das Projekt BER leiten. Der 56 Jahre alte Maschinenbauingenieur und Unternehmensberater werde sofort anfangen, hieß es. Obwohl Lütke Daldrup, Bretschneider und Bomba versuchten, Mühlenfeld von seiner Entscheidung abzubringen, wurde Marks am 23. Februar von Mühlenfeld freigestellt.

Die Gesellschafter fühlten sich erneut vor den Kopf gestoßen. Der Bund beantragte die außerordentliche Aufsichtsratssitzung, die am heutigen Mittwoch um 19 Uhr beginnt – und auf der über Mühlenfelds Zukunft entschieden werden soll. Viele Freunde hat der eigenwillige und wenig kommunikationsstarke Ingenieur, der zuvor Manager im Dahlewitzer Turbinenwerk von Rolls Royce war, nicht mehr.

Schon sein Antritt   2015 auf der Basis eines Fünf-Jahres-Vertrags war überschattet: Als der Aufsichtsrat über den von Brandenburg vorgeschlagenen Kandidaten befand, enthielt sich der Bund der Stimme. Auch Berlin hätte  auf dem obersten Posten  der Flughafengesellschaft lieber jemand anders gesehen: Michael Clausecker, zuletzt Chef des Bahnherstellers Bombardier.

Kehrt Jörg Marks zurück?

Auch danach blieb das Verhältnis zwischen Mühlenfeld und dem Bund angespannt. So verhakten sich beide Seiten  in einem lang andauernden Streit um den Interims-Regierungsflughafen, der in Schönefeld entstehen soll. Mit dem Terminal für Regierungsmitglieder und Staatsgäste hatte sich die Flughafengesellschaft über Jahre befasst – ohne dass das Projekt vorankam.  Zwei Anläufe waren nötig, bis  ein Bauunternehmen gefunden war. Zudem gab es Streit um die Nutzungsvereinbarung. Falls das Gebäude nicht  in fünfeinhalb Jahren fertig wird, verlangte der Bund Strafzahlungen. Erst als Berlin das Thema an sich zog, gelang eine Einigung – und der Bau begann.

Während der zwei Jahre, in denen Mühlenfeld Flughafenchef ist, gab es noch weitere Verstimmungen dieser Art. „Herr Mühlenfeld agiert immer noch wie der Manager eines privaten Unternehmens“, hieß es in Gesellschafterkreisen. Die Freistellung des BER-Projektleiters war  der Tropfen, der das Fass jetzt zum Überlaufen zu bringen droht. Nach Informationen der Berliner Zeitung denken die Flughafen-Gesellschafter darüber nach, wie es in Schönefeld weitergehen soll. Am Donnerstag wurden  „personelle Konsequenzen“ nicht mehr ausgeschlossen.

 Priorität hat für den Bund, Berlin und Brandenburg, dass das Flughafenprojekt   möglichst reibungslos weitergeht. Vorhandenes Know-how sollte dem BER unbedingt erhalten bleiben, hieß es. So wird dem Vernehmen nach mit Marks darüber gesprochen, ob er die Arbeit als Projektleiter wieder aufnimmt – was bedeuten würde, dass Mühlenfeld gehen müsste. Beide hätten keine gemeinsame Vertrauensbasis mehr, hieß es. Die bisherige Geschäftsführung habe Marks wiederholt   mit anspruchsvollen Terminvorgaben konfrontiert und ihm  zusätzliche Mitarbeiterstellen verweigert.

 Flughafenkoordinator Lütke Daldrup und Staatssekretär Bomba kennen sich am neuen Flughafen ebenfalls aus. Deshalb wird auch  darüber diskutiert, ob einer von ihnen Interims-Chef  werden könnte. In diesem Fall hat Lütke Daldrup offenbar gute Chancen. Weiter unten in der Prioritätenskala befindet sich die Variante, einen Externen auf Mühlenfelds Posten zu hieven.

Inzwischen hat sich Christoph Bretschneider, der aufs Jahr gerechnet eine Vergütung rund 450.000 Euro bekommen soll, seinem Team in der Flughafengesellschaft vorgestellt. Insider berichten allerdings, dass sein Auftritt Verunsicherung hinterließ. Bretschneider, so hieß es, liebe die deutliche Aussprache.