Flughafen Berlin Brandenburg: Verantwortliche vertuschen Missstände

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Manfred Körtgen, der für den BER-Bau zuständige Geschäftsführer, ist, anders als Schwarz, ein ruhiger, bedächtiger Mann. Ein Architekt, der in seiner Freizeit gern Klavier spielt. Sein Handwerk hat der gebürtige Rheinländer von der Pike auf gelernt, das Haus für sich und seine Familie hat er selbst entworfen. „Er ist ein echter Baumensch. Wenn er ins Erzählen kommt, staunt man, über wie viele Details des Flughafens er Bescheid weiß“, sagt ein Aufsichtsratsmitglied über den 59-jährigen, der 2010 noch die Zeit fand, an der Universität Kassel zu promovieren. Während der heißen Phase der Bauarbeiten in Schönefeld.

Körtgen ist aber nicht immer konziliant, wie der Ingenieur Andreas Fettchenhauer berichtet. Fettchenhauer sollte eine mehr als zehnköpfige Task Force leiten, die dazu auserkoren war, die Planungen der Haustechnik im Flughafen wieder voranzubringen. Das zuständige Planungsbüro war pleitegegangen und hatte einen Scherbenhaufen hinterlassen.

„Die Planungen waren unzureichend und die Versuche, das zu kompensieren, auch“, sagt Fettchenhauer. Nicht nur beim Brandschutz hätten sich Defizite gezeigt, auch bei anderen Sicherheitsanlagen. „Doch Herr Körtgen stoppte die Pläne für die Task Force. Ich habe wohl Stellungnahmen abgegeben, die nicht genehm waren.“ Zum 30. Oktober 2011 erhielt der Ingenieur einen Aufhebungsvertrag.

Gelbe Ampel warnt vor Verzögerung

Die Handwerker, die auf der Flughafen-Baustelle arbeiteten, sahen ebenfalls die Probleme. Viele von ihnen merkten schon im vergangenen Jahr, dass der ehrgeizige Zeitplan in Gefahr zu geraten drohte. Ein Bauarbeiter berichtete der Berliner Zeitung von chaotischen Zuständen. „Wir wollten im August 2011 auf der Baustelle anfangen, sollten aber erst mal Urlaub nehmen. Wochenlang konnten wir nicht loslegen, weil die Gewerke vor uns noch nicht fertig waren“, sagt er. Sein Trupp sollte die Arbeit im Oktober beenden, stattdessen sei das erst im Februar der Fall gewesen.

Auf der Baustelle sah der Arbeiter, dass viel durcheinanderging. „Was fertig geworden war, musste manchmal am nächsten Tag wieder eingerissen werden.“ Zum Beispiel, um Rohre einzubauen, die in Plänen nicht verzeichnet waren. „Es wurde zum Teil absolut falsch geplant“, sagt der Bauarbeiter. Um die Problembereiche zu verstecken, seien Wände gebaut worden, wenn Leute aus der Baubehörde zur Abnahme kamen.

Immer wieder hätten Handwerker die Bauleiter informiert. „Die wussten Bescheid. Wir bekamen nur zu hören, dass der Termin 3. Juni unbedingt gehalten werden muss, weil die Politiker das so wollen“, sagt der Bauarbeiter. Dabei sei Anfang des Jahres klar gewesen, dass die Vorgabe nicht mehr zu halten war.

Als er hörte, wie Matthias Platzeck am Dienstag bei der Pressekonferenz sagte, nun müsse der BER in der zweiten Augusthälfte 2012 fertig werden, sei er wütend geworden. „Das ist wieder total unrealistisch.“ Ein anderer Insider denkt genauso: „Was wir jetzt wirklich nicht brauchen, ist neuer Stress – und eine neue drohende Terminblamage. Der Monat August ist nicht haltbar. BER kann frühestens im September öffnen.“

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Am 20. April kam der Aufsichtsrat erneut zusammen. Diesmal trafen sich Wowereit, Platzeck und die anderen Mitglieder mit den Flughafen-Chefs Schwarz und Körtgen in einem vergleichsweise kargen Ambiente: dem kleinen Saal im Konferenzzentrum des Flughafens Schönefeld, einem Bau aus den 30er-Jahren. Erneut kamen Probleme mit dem Brandschutz zur Sprache.

„Zur Inbetriebnahme am 03.06.2012 ist aufgrund noch erforderlicher Einregulierungen kein vollautomatischer Betrieb der Entrauchungsanlage möglich“, heißt es im Controllingbericht 01/12, aus dem Körtgen vortrug, auf Seite 13. Ein „Interimskonzept“ werde erarbeitet und dem Bauordnungsamt vorgestellt. „Dieses ist zwingende Voraussetzung für die behördliche Abnahme.“ Inzwischen wurde bekannt, dass die zuständige Behörde dieses Konzept nicht akzeptierte.

Auch die Sicherheitstechnik und die Gebäudeautomation befänden sich auf einem „kritischen Weg“, warnte der Bericht. Nicht verwunderlich, dass am Rand des Kapitels „Technische Gebäudeausrüstung“ eine gelbe Ampel prangt. Dieses Symbol bedeutet: terminlich kritisch, wenn auch angeblich ohne Auswirkung auf die geplante Inbetriebnahme am 3. Juni. Eine Tabelle zeigt, in wie vielen Bereichen die Ziele für das erste Vierteljahr 2012 nicht erreicht worden sind. Die Technik für Heizung, Lüftung, Sanitär und Kälte sollte zu 92 Prozent fertig sein – tatsächlich waren es 85 Prozent. Auch der Metallbau und die Arbeiten an den Pavillons waren im Rückstand.

Klaus Wowereit fragte am 20. April nach, ob der Termin dennoch gehalten werden könne. Rainer Schwarz und Manfred Körtgen bejahten das, wieder einmal. „Es hieß: Das sei ein ehrgeiziges Ziel, aber noch zu schaffen“, sagt jemand, der dabei war. Kurz darauf bekräftigte Schwarz im Interview mit der Berliner Zeitung: „Es gibt keinen Anlass, daran zu zweifeln, dass der Flughafen pünktlich fertig wird und am 3. Juni in Betrieb geht.“

Ob ihn Fragen nach dem Termin nerven? „Ein wenig schon.“ Am Dienstag musste Schwarz bekannt geben, dass sich der Termin nicht halten lässt. Wowereit und Platzeck saßen neben ihm und erweckten den Anschein, als wären sie von der Bauverlängerung überrascht worden. Nun muss sich nicht nur der Flughafen-Chef ganz andere nervende Fragen gefallen lassen.