Kürzlich war es wieder mal so weit, sagt Thomas Kärger. Das Flugzeug stand startbereit in Tegel, alle Passagiere und Crew-Mitglieder waren an Bord, erzählt der Flugkapitän. „Aber wir konnten nicht starten, weil das Gepäck war noch nicht da war.“ Erst nach einer Stunde war es verladen, und die Maschine konnte die Abstellposition verlassen.

Vorfälle dieser Art häufen sich, klagt Kärger. „Die Situation bei den Bodenverkehrsdienstleistern in Tegel ist auch aus unserer Sicht derzeit unbefriedigend“, bestätigt Daniel Tolksdorf, Sprecher der Flughafengesellschaft FBB. Der Dienstleister Wisag gelobt Besserung – nicht zum ersten Mal.

Massive Ausfälle beim Personal

Als Thomas Kärger mit sechs Jahren erstmals mit dem Flugzeug verreiste, war ihm klar: „Ich will Pilot werden.“ Sobald er zehn war, fuhr der Junge aus dem Hansaviertel nach der Schule mit dem Bus zum Flughafen Tempelhof . Bald wurde er Dauergast in den Cockpits und im Crewraum der US-Airline PanAm. 1985 begann Kärger seine Laufbahn als Pilot, seitdem ist er ein begeisterter Flieger. Die meisten Jahre seines Berufslebens startete und landete er auf dem Flughafen Tegel, für dessen Erhalt sich der Berliner einsetzt.

„Inzwischen habe ich allerdings den Eindruck, dass dieser Flughafen bewusst schlecht gemacht werden soll“, so Kärger. „Es gibt massive Ausfälle beim Personal “ – bei jenen Mitarbeitern, die zum Beispiel Bordkarten ausstellen, Koffer ins Flugzeug laden und aufs Gepäckband stellen oder Flugzeuge einweisen. „Die Situation ist unbefriedigend bis ungenügend“, klagt der Flugkapitän.

„Es ist nicht lange her, da musste ich mit laufenden Triebwerken vor der Abstellposition warten, weil kein Einweiser zur Stelle war“, berichtet Kärger. Die Maschine war pünktlich gelandet. Doch 20 Meter vor dem Ziel am Terminal stellte sich eine Verspätung ein, die nicht nur die Passagiere dieses Fluges betraf. „Es gab Folgeverspätungen, der Umlauf stimmte nicht mehr.“ Zudem wurde viel Kerosin unnütz verbrannt.

„Jeder will immer billiger fliegen, am Ende stehen die ausgepressten Abfertiger.“ 

Kärger kann es verstehen, warum bei den Bodenverkehrsdienstleistern Personal fehlt und der Krankenstand hoch ist. Die Bezahlung sei schlecht, die Arbeit hart. Das sei auch auf anderen Flughäfen so. In Tegel komme aber dazu, dass die stressbedingte Belastung auf dem stark genutzten, zum Teil mit alter Technik ausgestatteten Flughafen besonders hoch ist. „Die Mitarbeiter kippen einfach um und sind weg.“

Ein Insider sagt: „Da geht sie hin, die Abfertigungsqualität in unserer Geiz-ist-Geil-Gesellschaft. Jeder will immer billiger fliegen, am Ende stehen die ausgepressten Abfertiger.“ Sie sind nicht bei der FBB angestellt, sondern bei Dienstleistern, die von den Fluggesellschaften mit Ausschreibungen gesucht werden. „Jede Airline orientiert sich am günstigsten Angebot“, mit möglichst niedrigen Personalkosten. Laut Tarif bekommen die Mitarbeiter etwas mehr als elf Euro brutto pro Stunde.

Wisag stockt Personal auf

Der Luftverkehr nehme zu, sagt Wisag-Sprecherin Jana Eggert. Je voller die Flughäfen sind, desto anfälliger werden sie für Störungen. „Verbunden mit kurzfristigen Fluganpassungen, Streichungen und einem erhöhten Gepäckaufkommen kann eine Verzögerung der Bearbeitungsprozesse leider nicht immer verhindert werden“, bedauert sie. „Wir arbeiten kontinuierlich und mit aller Kraft daran, neues Personal zu rekrutieren und für eine Tätigkeit am Flughafen zu begeistern.“ Obwohl der deutsche Arbeitsmarkt „nahezu gesättigt“ sei, gelang in Tegel eine Aufstockung.

Von Januar bis August dieses Jahres sei die Zahl der Beschäftigten im Bereich Passage, der zum Beispiel für das Check-in zuständig ist, von 260 auf 346 gestiegen. An der „Rampe“, wo unter anderem Koffer verladen und Flugzeuge eingewiesen werden, nahm die Zahl von 733 auf 770 zu. Außerdem habe die Wisag Mitarbeiter von Frankfurt am Main nach Tegel versetzt, Weiterbildungsangebote wurden aufgestockt.

„Am besonders verkehrsreichen letzten Ferienwochenende haben wir die Bodenverkehrsdienstleister mit eigenem Personal unterstützt“, fügte Daniel Tolksdorf hinzu. „Falls Einweiser fehlen, übernimmt die FBB die notwendigen Sicherungsmaßnahmen mit eigenem Personal.“

„Wir gehen davon aus, dass die Maßnahmen in Verbindung mit der Tatsache, dass die Hauptverkehrszeit an den Flughäfen im Oktober endet, zu einer deutlichen Entspannung der Situation führen“, sagt Jana Eggers von der Wisag. Flugkapitän Kärger hofft das auch. Aber das Grundsatzprobleme bleibe, sagt er: „So lange sich die Bezahlung nicht bessert, bleiben die Leute zu Hause.“