Dieses Buch ist eine Zumutung. Es geht um sinnlose Arbeit, merkwürdige Geschäftsführer und um einen unfertigen Flughafen, der wie eine Höhle wirkt. Es sind keine schönen Themen, und sie werden in einem trockenen Stil sowie mit enervierender Detailtreue beschrieben. Ein Lesevergnügen ist das nicht. Doch der Wirtschaftsingenieur Matthias Roth, der auf mehr als 170 Seiten von seiner Zeit als Angestellter der Flughafengesellschaft erzählt, hat eine wichtige Arbeit geleistet. Sein Buch „Der Hauptstadtflughafen“ liefert diverse Hinweise dazu, wie es zu dem Desaster um den Flughafen BER gekommen ist. Es ist eine notwendige Zumutung.

Von Anfang an hatte er ein komisches Gefühl, erinnert sich Roth, der von Juli 2010 bis Dezember 2011 bei der Flughafengesellschaft als Controller gearbeitet hat. „Abends schrieb ich meine Erlebnisse auf“, erzählt der Autor (Jahrgang 1974). Diese Notizen sind die Basis seines Buches.

Roth berichtet über lange Flure mit Büros, deren Türen fast immer geschlossen und über Chefs, die so gut wie nie zu sprechen sind. Kommunikation findet kaum statt, Kritik und Mitdenken sind unerwünscht, Zuständigkeiten häufig unklar.
Am 14. Tag zieht er eine erste Bilanz seines Daseins in Schönefeld: „Ein schlechter Traum, zu großen Teilen vollkommene Monotonie, Langeweile und Gleichförmigkeit“. Nach sieben Wochen Büro-Einerlei und sinnlosen Konferenzen will der Neue nur noch seine Ruhe haben.

Bitte nur noch mit Doktortitel

Nur selten wird klar, dass das Unternehmen eine Geschäftsführung hat. Roth schreibt über eine Mail, die er im September 2010 bekam: „Nummer 2, der für den Bau zuständige Geschäftsführer, hat seine Dissertation abgeschlossen und wünscht, zukünftig mit dem Doktortitel angesprochen zu werden.“ Gemeint ist offenbar Manfred Körtgen, der 2012 wegen der BER-Probleme gehen musste. Dessen Doktorarbeit findet Roth „mangelhaft und lieblos“.

Auch die Nummer 1, womit wohl der im Januar ebenfalls geschasste Rainer Schwarz gemeint ist, kommt nicht gut weg. Roth erzählt, wie er ihm einen Risikobericht vorstellt, in dem der Aufsichtsrat über die Schwierigkeiten der Air Berlin unterrichtet werden soll. „Nein, Moment!“ habe Nummer 1 entgegnet. „Wir bauen hier einen neuen Flughafen bald hauptsächlich für Air Berlin, wir können doch jetzt nicht sagen, die sind pleite und wir betonieren hier sinnlos Landschaft.“

Aus dem Risikobericht für den Aufsichtsrat muss das Thema gestrichen werden. Laut Roth gab es zwei Arten von solchen Berichten: Die Rapporte für die Geschäftsführung nannten alle Risiken, die für den Aufsichtsrat nur eine Auswahl.
„Solange alles geheim bleibt, muss sich niemand vor den Bürgern rechtfertigen“, zitiert Roth einen Kollegen. Dem Aufsichtsrat, in dem Berliner und Brandenburger Politiker sitzen, komme das zupass. „Aus politischer Sicht ist hier alles in Ordnung, wenn alles ruhig ist. Das ist der Grund, warum schlechte Nachrichten unterdrückt werden.“

Im November 2011 kann Roth endlich einmal die Baustelle BER besuchen. „Das Innere des zukünftigen Flughafens ist vor allem dunkel. Vereinzelt sorgt eine Baustellenleuchte für etwas Licht. In den engen und dunklen Gängen verliere ich sehr schnell die Orientierung.“ Noch eine schlechte Erfahrung.

Verwirrte Führungsmannschaft

In dem Buch (zu-Klampen-Verlag, 13,99 Euro) vergleicht Roth die Flughafengesellschaft mit einem Tanker: „Die Führungsmannschaft macht einen verwirrten Eindruck, und die Matrosen haben keine Vorstellung davon, worum es gerade geht.“ Er kündigt. Am letzten Tag fällt die Tür des Schönefelder Bürohauses hinter ihm zu. „Es ist dunkel, es ist kalt, es ist feucht. Es ist großartig.“

Heute führt Roth bei San Francisco ein Unternehmen, das kaufmännische Dienstleistungen anbietet. Der BER interessiert ihn weiterhin. Doch die Prognose ist schlecht: „Ich habe das Gefühl, dass sich dieses Projekt immer weiter verkantet.“