Ein CDU-Politiker bezeichnete den Flughafen Tegel einst als „Vereinigte Hüttenwerke“.
Foto: imago images/Jürgen Ritter

BerlinFür die meisten auswärtigen Passagiere ist Tegel ein Horror – für viele Berliner dagegen der Flughafen der Herzen. Damit ist absehbar, dass Tränen fließen werden, wenn der Flugbetrieb endet, was nach jetzigem Stand in knapp zehneinhalb Monaten am 8. November 2020 geschehen soll. Lange Zeit war ungewiss, ob die Flughafengesellschaft FBB solchen Abschiedsgefühlen einen angemessenen Rahmen schafft. Doch nun ist klar: Es wird ein Abschiedsfest geben. Das sagte Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup im Interview mit der Berliner Zeitung. Dagegen werde es zur Eröffnung des Flughafens BER, die kurz zuvor am 31. Oktober 2020 stattfindet, keine Party geben.

„Es ist uns sehr wichtig, Tegel Danke zu sagen, und wir hoffen, dass möglichst viele Menschen dabei sind“, sagte Lütke Daldrup. Darum bereite das Unternehmen „etwas Besonderes“ zum Abschied vor. Der 8. November 2020, an dem zum letzten Mal Linienflugzeuge in Tegel starten werden, sei für die Region „ein besonderer Tag, und er wird sicher auch ein festlicher Tag sein“. „Der Flughafen Tegel hat eine Seele“, stellte der Flughafenchef fest. „Viele Berliner hängen an ihm, sie verbinden persönliche Erinnerungen mit ihm. Der Flughafen geht auf die Zeit der Berlin-Blockade 1948/49 zurück. Er ist ein wichtiger Teil der Berliner Geschichte.“

Der erste Linienflug startete 1960

In der Tat. 1948 wurde auf dem ehemaligen Raketenschießplatz im Nordwesten Berlins die damals längste Start- und Landebahn Europas angelegt. Dort landeten zunächst britische und US-amerikanische Transportflugzeuge, die West-Berlin mit Hilfsgütern versorgten. Der zivile Verkehr begann, als 1960 der erste Linienflug in Tegel startete. 1974 wurde dann das sechseckige Terminalgebäude eröffnet, der erste Entwurf des damals jungen Planerbüros von Gerkan, Marg und Partner.

Die Architekturikone ist inzwischen von weiteren Gebäuden umstellt – weshalb ein CDU-Politiker Tegel einst als „Vereinigte Hüttenwerke“ bezeichnete. Mit inzwischen mehr 22 Millionen Fluggästen und fast 190 000 Flugbewegungen pro Jahr wirkt die Anlage, die angesichts der geplanten Verlagerung des Flugverkehrs zum BER jahrelang nur notdürftig gepflegt wurde, überlastet.

Die Resonanz ausländischer Gäste ist oft negativ

Auf der Bewertungsseite von Skytrax, auf der Vielflieger Erfahrungen austauschen, überwiegen negative Kommentare. „Dieser Flughafen ist eine Schande“, schrieb ein britischer Fluggast am 10. Dezember. Tegel sei sehr schlecht ausgestattet, letztlich sei dieser Flughafen ein Container (englisch „portacabin“). Er könne nicht glauben, wie sich Deutschland dort Besuchern vorstellt. Melanie Carmichael, ebenfalls aus Großbritannien, notierte am 17. November: „Dies ist ohne Zweifel ein ekelerregender, schmutziger und deprimierender Flughafen. Ich werde ihn nie wieder benutzen.“

Ab November 2020 wird es dieses Bild nicht mehr geben.
Foto: imago images/Jürgen Ritter

Für viele Berliner zählt anderes: Tegel ist kompakt, die Wege sind kurz – auch die Anfahrtswege aus dem Norden und Westen Berlins. Wenn der Flugbetrieb am BER in Schönefeld konzentriert wird, müssen viele Berliner längere Fahrten in Kauf nehmen, gestand der Flughafenchef ein. „Andere werden kürzere Wege haben“, sagte Lütke Daldrup. „Aus meiner Sicht ist etwas anderes entscheidend: dass die Region endlich einen Flughafen bekommt, der eine vernünftige Schienenverkehrsanbindung hat, und in dem die Wege vom Bahnhof zum Gate sehr kurz sind. Die Züge halten am BER direkt unter dem zentralen Terminal T1.“

Kein regulärer Betrieb mehr

Nach dem Abschiedsfest bleibt der Flughafen Tegel knapp sechs Monate betriebsfähig, erklärte Lütke Daldrup. Die Anlage wird bewacht. „Es wird aber definitiv keinen regulären Flugbetrieb mehr geben“, betonte er. „Weder die Deutsche Flugsicherung noch wir haben das Personal, um Tegel und den BER mehr als ein paar Tage lang gleichzeitig zu betreiben. Für einen solchen Parallelbetrieb würden zum Beispiel mehr Fluglotsen benötigt, und unsere Flughafen-Feuerwehr müsste viele zusätzliche Schichten besetzen.“

Eine sechsstellige Zahl von Berlinern und Brandenburgern kann sich darauf einrichten, dass sie ab Mai 2021 nicht mehr unter Fluglärm leiden müssen. Dagegen müssen sich die BER-Anlieger darauf einstellen, dass ihre Belastung im November 2020 enorm ansteigt.