Bleibt bis zum Herbst in Betrieb: der Flughafen Tegel. 
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BerlinEine gute Nachricht für Tegel-Fans, eine schlechte Nachricht für Anwohner. Der Flughafen Tegel wird nun doch nicht vorzeitig geschlossen, sondern bleibt bis zur geplanten endgültigen Schließung am 8. November 2020 in Betrieb. Pläne, ihn aus Kostengründen vorzeitig zu schließen, werden nicht mehr verfolgt. „Der Flugverkehr steigt schneller an, als wir das noch vor wenigen Wochen gedacht haben“, sagte Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup am Mittwoch. Damit Fluggäste Abstand halten können, werde unter Corona-Bedingungen mehr Platz als bisher benötigt. Deshalb bleibe Tegel bis zur Eröffnung des BER im Herbst 2020 offen.

Etwa zehn Wochen lang hat die Covid-19-Pandemie den Flugverkehr praktisch zum Erliegen gebracht. In Tegel sank die Zahl der Passagiere im April im Vergleich zum Vorjahr um fast 99 Prozent. „Inzwischen haben wir täglich wieder rund 3000 Fluggäste auf beiden Berliner Flughäfen, vor kurzem gab es sogar einen Tag mit rund 4000“, so der Flughafenchef. Nachdem die Bundesregierung angekündigt hat, die bisherigen Reisebeschränkungen ab 15. Juni weitgehend aufzuheben, erwartet er eine weitere Zunahme des Flugverkehrs. Ab Mitte Juni sei Reiseverkehr in viele europäische Länder wieder möglich. Airlines reagieren bereits. So habe die Lufthansa mit ihren Töchtern Eurowings, Swiss und Austrian angekündigt, ab Juli wieder mehr Flüge nach Berlin anzubieten. Easyjet, Ryanair,  Turkish Airlines, Wizz Air, KLM, Air France und Qatar Airways wollen die Hauptstadt wieder ins Programm aufnehmen.

Waren für Mittwoch insgesamt 17 Starts in Tegel und Schönefeld angekündigt, wird für Mitte Juni mit etwa 40 Flügen pro Tag gerechnet. „Für Ende Juli erwarten wir täglich bereits wieder mehr als hundert Flugverbindungen mit 15.000 bis 20.000 Passagieren“, sagte Lütke Daldrup. Zwar reiche auch diese Zahl nicht heran an die Zeit vor der Pandemie, als die Berliner Flughäfen im Schnitt von etwa 100.000 Fluggästen pro Tag genutzt wurden. Dennoch wäre es schwierig, den Verkehr ausschließlich in Schönefeld abzufertigen, hieß es.

Besonders strikte Vorschriften herrschen an den Sicherheitskontrollen. War es früher möglich, pro Kontrollspur stündlich 100 bis 150 Passagiere abzufertigen, ist die Kapazität nun auf etwa ein Viertel geschrumpft. „Wir brauchen viel Platz, weil wir kein Gedränge wollen“, sagte Lütke Daldrup. Deshalb werde unter anderem das sechseckige Terminal A in Tegel wiedereröffnet. Dass der innerstädtische Flughafen wegen Corona über den November hinaus offen bleibt, schloss er aus. „Tegel hat 100.000 Quadratmeter Fläche, der BER 400.000. Dort ist genug Platz.“

Dennoch wird die stark verringerte Kapazität der Sicherheitskontrollen den Wiederanstieg des Flugverkehrs hemmen, hieß es bei der Gewerkschaft Verdi. Dort wird befürchtet, dass allein das Unternehmen Wisag, das für Kontrollen und andere Bodenverkehrsdienste zuständig ist, in Berlin rund tausend von 1600 Stellen durch Kündigung abbauen wird.

„Es ist gut, dass es nach Wochen der Unsicherheit nun Klarheit gibt“, sagte Sandra Courant von der Lufthansa. „Jetzt müssen in Tegel rasch die nötigen Vorbereitungen getroffen werden, damit der Betrieb dort unter den erhöhten Hygiene- und Abstandsregeln geordnet wieder hochgefahren werden kann.“

„Tegel bleibt offen. Nichts anderes haben wir seit Wochen gefordert. Der Druck hat etwas gebracht“, meinte Oliver Friederici von den Christdemokraten. „Die Verschiebung der Schließung Tegels ist nur aufgeschobenes Chaos“, so FDP-Fraktionschef Sebastian Czaja. „Die FBB hat durch ihren Zickzackkurs bewiesen, dass auch bei ihr sich Zweifel an der Richtigkeit einer Schließung bilden. Hoffentlich findet sie noch rechtzeitig zur Vernunft. Denn wenn in TXL das Licht ausgeht, verliert ganz Berlin an Strahlkraft.“

Ende März 2020 hatte FBB-Chef Engelbert Lütke Daldrup einen ersten Vorstoß gestartet, Tegel vorübergehend zu schließen. Er bekam damals allerdings Gegenwind von zwei der drei Flughafengesellschafter. Das Bundesverkehrsministerium lehnte eine vorzeitige Stilllegung ab – unter anderem weil Flughäfen zur kritischen Infrastruktur gehören, die auch während der Pandemie funktionsfähig bleiben müsse. Ein weiteres Argument war, dass das neue Regierungsterminal in Schönefeld noch nicht eingerichtet sei – obwohl die FBB es dem Bund im Herbst 2018 übergeben hatte. Auch das Land Brandenburg, angesichts einiger Projekte bemüht um gute Stimmung beim Zuschussgeber Bund, sah damals den FBB-Plan für Tegel kritisch. Allerdings gestattete der Flughafen-Aufsichtsrat der Geschäftsführung, den Antrag auf vorübergehende Befreiung von der Betriebspflicht weiter vorbereiten.

Am 29. April war es soweit: Die FBB reichte den Antrag bei der Obersten Luftfahrt- und Luftsicherheitsbehörde – ein 16-seitiges Schriftstück. Danach sollte Tegel „alsbald, spätestens ab dem 1. Juni 2020, vorläufig bis zum 31. Juli 2020, 23.59 Uhr“ vom Netz genommen werden. Falls die Reisebeschränkungen andauern, wurde spätestens für den 10. Juli ein weiterer Antrag angekündigt.

Der Verkehr habe sich „dramatisch“ reduziert, heißt es in dem Schreiben. In der 16. Kalenderwoche (13. bis 19. April) wurden auf den deutschen Flughäfen nur noch 56179 Passagiere abgefertigt – 98,8 Prozent weniger als ein Jahr zuvor.

„Die Abfertigung des Luftverkehrs ist mit Blick auf die derzeit verfügbaren Überkapazitäten am Flughafen SXF ohne weiteres möglich“, so die FBB. In Schönefeld dürfe rund um die Uhr, 24 Stunden am Tag, geflogen werden. Zudem gebe es dort ein Medical Assessment Center, in dem Passagiere von Ärzten untersucht werden könnten. Auch ein Frachtzentrum sei dort vorhanden.

Wenn in Tegel kein Flugbetrieb mehr stattfindet, würde der operative Aufwand der Betreibergesellschaft von monatlich rund 8,5 Millionen auf 1,5 Millionen Euro sinken, rechnete das Unternehmen in dem Antrag vor. Normalerweise würden für den Betrieb insgesamt mehr als 600 Mitarbeiter je Schicht benötigt, ohne Flugbetrieb nur noch 35. Ohne Betriebspflicht müssten nur noch zwölf statt 20 Feuerwehrleute vorgehalten werden. Doch erst Mitte Mai gab der Bund seinen Widerstand auf. Am 20. Mai gab die Gesellschafterversammlung der FBB grünes Licht für eine vorzeitige Schließung. Doch da hatte der Luftverkehr bereits wieder begonnen zuzunehmen.

Weil Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) die geplante vorübergehende Stilllegung Tegels torpediert hat, müssten die Steuerzahler Kosten von 21 Millionen Euro tragen, twitterte „Danke Tegel, es reicht“ am Mittwoch. Tegel hätte längst geschlossen sein können, sagte Klaus Dietrich und Janik Feuerhahn vom Bündnis „Tegel schließen. Zukunft öffnen“. „Der Bund hat leider erfolgreich verzögert. Das ist ärgerlich. Jetzt wird es noch ein Sommer mit ohrenbetäubendem Fluglärm für die Anwohner. Unverständlich bleibt, warum der Abstand im Flughafen die Kapazitäten so stark einschränkt – und Minuten später im Flugzeug alle eng an eng sitzen dürfen.“

„Gern hätten wir die vorzeitige Schliessung von Tegel gefeiert und die Ruhe in der Einflugschneise genossen“, sagte Berend Hendriks von der Bürgerinitiative „Pankow sagt Nein zu Tegel“. Jetzt werde es nun doch nicht zu der erhofften „wohltuenden Lärmpause“ kommen. „Eine Dauerbeschallung auch nachts droht nun wieder“, so der Sprecher. Die Initiative fordert, zwischen 22 und 6 Uhr keinen Flugverkehr mehr zuzulassen und Inlandsflüge zu verbieten. „Mit diesem klimapolitischen Unsinn muss Schluss gemacht werden“, so Hendriks.