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Jetzt gehen die Tegel-Fans in die Offensive. Mit Hilfe eines Volksbegehrens wollen sie erreichen, dass der letzte Flughafen innerhalb des Berliner Stadtgebiets erhalten bleibt und nicht wie geplant geschlossen wird. „Die Unterschriftensammlung hat begonnen“, berichtete der Initiator, Marius Valentin. „Bis Juli müssen sich mindestens 20.000 Unterstützer finden, damit wir bei der Landeswahlleiterin die Einleitung des Volksbegehrens beantragen können. Ich bin sehr zuversichtlich, dass wir das schaffen.“

Für Beobachter war es nur eine Frage der Zeit, dass der Flughafen Tegel Gegenstand eines Plebiszits wird. „Seine Zukunft ist ein Thema, das zahlreiche Berliner emotional bewegt“, hieß es am Mittwoch in Kreisen der Flughafengesellschafter. „Auch wir sehen, dass sich eine Nostalgiewelle entwickelt.“

Marius Valentin verbindet mit dem Flughafen freudiges Herzklopfen und Heimatgefühle. „Wenn ich in Tegel ankomme, weiß ich: Ich bin wieder zu Hause, ich bin wieder in Berlin“, erzählte der 22-jährige Treptower, der seine Ausbildung zum Bürokaufmann demnächst abschließt. Mit seinem Tower und dem nicht minder markanten sechseckigen Terminal A gehöre TXL zu den Wahrzeichen der Stadt. „Dagegen hat der Flughafen Schönefeld keine Atmosphäre“, sagte Valentin. Wann immer es gehe, versuche er ihn zu vermeiden und von Tegel zu fliegen.

„Der neue Flughafen BER in Schönefeld wird das zu erwartende Fluggastaufkommen nicht allein stemmen können. Tegel muss bleiben, damit die Passagierzahlen weiter steigen können“, so der TXL-Fan. Tegel liege mitten in der Stadt, sei von vielen Bezirken einfach und schnell zu erreichen. Für den BER gelte das nicht. „Er ist für Berlin-Touristen wie Geschäftsleute gleichermaßen eine Zumutung.“ Damit Berlin attraktiv bleibt, müsse Tegel weiter betrieben werden. „Was ist eine Metropole ohne einen Flughafen?“

„Ich weiß, dass ich mit meiner Meinung nicht allein stehe“, sagte Valentin. Über Facebook hat er Dutzende von Mitstreitern gewonnen. Das nächste Treffen beginnt am Sonnabend um 14.30 Uhr im Cafè Alex am Fernsehturm.

Im Internet ist Valentins Petition „Für den Erhalt des Flughafens Tegel als Hauptstadtflughafen“ zu lesen. Für sie haben sich bereits mehr als 1 200 Unterstützer gefunden.

Extra in die Flugschneise gezogen

„Über so ein Goldstück wie Tegel wären andere Städte froh“, heißt es im Petitionsblog. „Die Berliner waren schon so dämlich und haben Tempelhof vor die Hunde gehen lassen“, so ein anderer Kommentator. „Bald wollen wir auf die Straße gehen, um weitere Unterschriften zu sammeln“, kündigte Valentin an.

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Nach der Zulassung des Volksbegehrens warten allerdings anspruchsvollere Aufgaben auf die Tegel-Fans. Denn falls das Abgeordnetenhaus ihren Antrag wie zu erwarten mehrheitlich ablehnt, müssten sie in der zweiten Stufe innerhalb von vier Monaten rund 173.000 gültige Unterschriften sammeln. Käme es darüber hinaus zum Volksentscheid, müssten sogar 25 Prozent der Berliner Wahlberechtigten für den Weiterbetrieb Tegels stimmen – mehr als 600.000 Menschen.

An dieser Hürde waren die Fans des Flughafens Tempelhof gescheitert. Zwar hatten beim Volksentscheid am 27. April 2008 rund 530.000 Berliner für die Offenhaltung votiert, aber das reichte nicht aus. Übrigens nutzten damals auch viele Gegner des Flugbetriebs ihre Chance, ihre Meinung kund zu tun: 39,6 Prozent stimmten beim Entscheid mit Nein.

Valentin weiß, dass viele Anwohner die Schließung herbeisehnen. Doch nicht jeder sehe TXL negativ: „Einige in unserer Gruppe sind extra nach Reinickendorf in die Tegeler Einflugschneise gezogen, um möglichst nahe am Geschehen zu sein.“

Auch werde der Krach nicht aus der Welt verschwinden, wenn der Flughafen stillgelegt wird. „Fluglärm gibt es auch, wenn alles nach BER fliegt, es trifft nur andere Menschen“, heißt es im Petitionsblog.

Die Rechtslage, die spätestens sechs Monate nach der Inbetriebnahme der beiden BER-Startbahnen die Schließung Tegels vorsieht, ist für Valentin nicht in Beton gegossen. „Die Planung für den Luftverkehr, auf der sie basiert, ist fast zwei Jahrzehnte alt. Es ist nicht mehr zeitgemäß, daran festzuhalten“, sagte er.

„Eine Quelle der Gefährdung“

„Wir wissen, dass ein großer Teil der Berliner für den Weiterbetrieb Tegels ist“, entgegnete Reinhardt Wilk von der Bürgerinitiative gegen das Luftkreuz auf Stadtflughäfen. „Dieser Flughafen sei so nah und gut zu erreichen. Das mag ja stimmen. Aber er belastet auch mehr als 300.000 Menschen in der Umgebung mit Fluglärm, und er ist eine Quelle der Gefährdung. Wir können von Glück sprechen, dass es noch keinen Absturz gegeben hat. Tegel muss endlich stillgelegt werden.“

Auch die Flughafengesellschafter weisen die Forderung der Tegel-Fans zurück. „Wir sind uns mit dem Bund und Berlin unverändert darin einig, dass Tegel wie geplant geschlossen wird“, hieß es in Brandenburg. 2004 habe der Senat die Betriebsgenehmigung widerrufen und 2006 die Entwidmung des Flughafenareals verfügt. Dabei bleibe es. Für die Zeit bis zur Stilllegung 2014 oder 2015 werde TXL aber modernisiert.

So entsteht eine Anlage, mit deren Hilfe verlorenes Gepäck den Besitzern leichter zugeordnet werden kann. 20 Millionen Euro werden investiert. Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit wollte nicht mehr so viel Geld ausgeben. Doch der neue Chef des Flughafen-Aufsichtsrats, Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck, setzte den höheren Betrag durch.