Leere am Flughafen Tegel: Wo sich noch vor Kurzem Menschen und Fahrzeuge drängten, ist nichts mehr los.
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BerlinOb der Flughafen Tegel wegen der Coronakrise vorübergehend geschlossen wird, soll während der zweiten Hälfte des Monats April erneut entschieden werden. Zwar bereitet die Flughafengesellschaft FBB weiterhin den Antrag auf Befreiung von der Betriebspflicht vor. Doch anders als geplant wird sie ihn vorerst nicht bei der Luftfahrtbehörde einreichen, hieß es am Montag. Damit bleibt der Flughafen im Nordwesten Berlins in Betrieb – obwohl er wegen zurückgegangener Passagierzahlen inzwischen ein monatliches Defizit in Höhe von sieben bis acht Millionen Euro erwirtschaftet. Zuvor hatte Tegel hohe Gewinne verbucht.

Wie berichtet hatte sich Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup dafür eingesetzt, den Betrieb in Tegel vorübergehend einzustellen – für zunächst zwei Monate bis Ende Mai. So sollten die Verluste begrenzt werden, hieß es. Der Flughafen Schönefeld wäre groß genug, um den verbliebenen Verkehr abzuwickeln. Mit einer Kapazität von bis zu 30.000 Passagieren am Tag könnte er mehr als das Zehnfache des jetzigen Gesamtberliner Fluggastaufkommens abwickeln. Überdies verfüge er über ein Frachtzentrum und sei rund um die Uhr ohne Nachtflugverbot in Betrieb. Die FBB entwickelte ihre Vorstellungen auch vor dem Hintergrund, dass die Luftfahrtbranche weltweit Kapazitäten abbaut. So wird in Paris der Flughafen Orly geschlossen.

Am Montag beriet zunächst der Flughafen-Aufsichtsrat während einer außerordentlichen Sitzung über den Wunsch der FBB, den Berlins Finanzsenator Matthias Kollatz (SPD) bereits öffentlich unterstützt hat. Bei der Telefonkonferenz am Morgen wurde klar, dass fast alle Mitglieder des Gremiums den Argumenten Lütke Daldrups Verständnis entgegen brachten – auch der Delegierte des Bundesfinanzministeriums und die Brandenburger Mitglieder.

Tegel ist „kritische Infrastruktur“

Doch der Vertreter des Bundesverkehrsministeriums bekräftigte, was schon vorher durchgesickert war: Eine vorübergehende Stilllegung Tegels wäre mit Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) nicht zu machen, erklärte er. Bei diesem Meinungsbild blieb es bei der routinemäßigen Versammlung der Flughafengesellschafter, die am Montagvormittag folgte. „Man einigte sich darauf, das Thema nach Ostern erneut zu behandeln“, erklärte Aufsichtsratschef Rainer Bretschneider.

Scheuer fürchtet offenbar das politische Signal, das von einer Betriebseinstellung ausgehen könnte, berichtete ein Aufsichtsratsmitglied. Wenn Tegel geschlossen würde, könnte es  für andere Verkehrsanlagen bald ähnliche Wünsche geben. Doch es dürfe nicht dazu kommen, dass öffentliche Infrastruktur heruntergefahren wird. Auf keinen Fall sollte ein öffentliches Unternehmen, an dem der Bund beteiligt sei, bei diesem Thema vorpreschen.

Diskutiert wurde auch, ob die neue Bundesverordnung zur Bestimmung Kritischer Infrastrukturen einer Schließung Tegels entgegenstünde. Nach dieser Regelung müssten Flughäfen, auf denen bisher über 20 Millionen Passagiere abgefertigt wurden, in Betrieb bleiben. Darauf wies Scheuers Gesandter hin. Tegel wurde im vergangenen Jahr von mehr als 24 Millionen Fluggästen genutzt.  

Andere Aufsichtsratsmitglieder entgegneten, dass der Flugverkehrsstandort Berlin als Einheit betrachtet werden müsse. Berlin wäre weiterhin aus der Luft erreichbar, weil Schönefeld ohne Einschränkung offen bliebe. Dort wären nun auch Regierungsflüge möglich, nachdem das Regierungsterminal dem Bund übergeben worden sei.

Opposition und Wirtschaft gegen Schließung

In den vergangenen Tagen hatten aber auch die Opposition im Berliner Abgeordnetenhaus und Wirtschaftsverbände die erwogene Schließung Tegels kritisiert. Aus „grundsätzlichen standortpolitischen Erwägungen“ dürfe ein solcher Schritt nicht in Betracht kommen, warnten zum Beispiel die Unternehmensverbände Berlin-Brandenburg. Wenn der Luftverkehr nach der Coronakrise wieder zunehme, würden beide Berliner Flughäfen für den „wirtschaftlichen Aufholprozess“ gebraucht, hieß es.

Die Flughafengesellschaft hatte aber stets betont, dass der Betrieb in Tegel innerhalb von zwei Wochen wieder anlaufen könnte. Die FBB bekräftigte auch, dass die Betriebseinstellung temporär bleiben soll. Eine endgültige Stilllegung wäre rechtlich erst dann zulässig, wenn beide Start- und Landebahnen des neuen Flughafens BER in den Betrieb gehen. Weiterhin gelte, dass in Tegel erst am 8. November 2020 die Lichter ausgehen sollen. Auch während einer vorübergehenden Betriebseinstellung werde die Anlage streng bewacht, und die Gebäude würden funktionsfähig gehalten.

Unterdessen sind die Fluggastzahlen in Berlin weiter gesunken. Am Wochenende wurden die Flughäfen Tegel und Schönefeld nr noch von insgesamt rund 2500 Passagieren pro Tag genutzt. Wie berichtet ist das Aufkommen schon in der vergangenen Woche unter fünf Prozent gefallen.

Experte: „Glänzende Zahlen werden nicht wieder erreicht“

Die früheren Nutzungszahlen werden sich bis zur geplanten endgültigen Schließung Tegels nicht wieder einstellen, sagte der Flughafenexperte Dieter Faulenbach da Costa. „Die glänzenden Zahlen der vergangenen Jahre werden auf absehbare Zeit nicht wieder erreicht“, sagte er der Berliner Zeitung. "Wird der Flughafen Tegel jetzt geschlossen, sollte er geschlossen bleiben." 

Der Flughafenchef habe die Baustelle BER mitsamt der dazugehörigen Behörden in den Griff bekommen, würdigte Faulenbach da Costa. Der neue Airport werde deshalb im Oktober 2020 den Betrieb aufnhmen. „'Dank' Corona wird er in absehbarer Zeit nicht an Kapazitätsgrenzen stoßen“, so der Planer, der die Flughafenpolitik in Berlin und Brandenburg kritisch begleitet hat. Das von ihm befürchtete „Desaster“, dass der BER funktional und von seiner Kapazität her nicht ausreichen werden, trete nun nicht ein. Lütke Daldrup sollte aber die Zeit nutzen, um zur "stringenten und funktionalen Planung des Planfeststellungsbeschlusses zurückzukehren", mahnte er.

Zusätzlich bis zu 300 Millionen Euro für die FBB

Berlin, Brandenburg und der Bund stellen der Flughafengesellschaft FBB 2020 Einmalzahlungen von bis zu 300 Millionen Euro zur Verfügung. Das hat die FBB-Gesellschafterversammlung am Montag ebenfalls beschlossen. Schon vor der Krise war klar, dass die FBB neue„Kapitalzuführungen“ braucht. Im Businessplan für 2021 bis 2024 ist ein Finanzierungsbedarf von 792 Millionen Euro ausgewiesen. Er soll zur Hälfte mit Krediten gedeckt werden.

„Ich freue mich, dass die Gesellschafterversammlung den Businessplan der FBB bestätigt hat“, sagte Flughafenchef Lütke Daldrup am Montag. "Mit der beschlossenen Gesamtfinanzierung haben wir eine solide Basis dafür, nach der Bewältigung der Corona-Krise und der Eröffnung des BER die Flughafengesellschaft aus den roten Zahlen zu führen. Wichtig ist auch, dass die Gesellschafter die FBB in der aktuellen Notlage zusätzlich unterstützen werden. Diese Entscheidung bestätigt unsere bisherigen Anstrengungen, in der aktuellen Situation so kostensparend wie möglich zu agieren, um diese harte Zeit für das Unternehmen überstehen zu können. Uns geht es sowohl in der Krise als auch danach immer darum, der Hauptstadtregion den Flugbetrieb zu bieten, den die jeweilige Gesamtsituation erfordert.“