Berlin60 Jahre nach dem ersten Linienflug startet am Sonntag, gegen 15 Uhr, die letzte Maschine in Tegel. Auch für Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup ist es Zeit, Abschied zu nehmen.

Können Sie sich noch an Ihren ersten Flug ab Tegel erinnern?

Nein, leider nicht mehr. Ich weiß nur, dass es in den 80er-Jahren gewesen sein muss. Ich lebe seit 1985 in Berlin, und von da an bin ich auch mit dem Flugzeug verreist. Als ich 1979 nach West-Berlin fuhr, um mit einigen anderen Studenten den Schinkel-Preis entgegenzunehmen, sind wir allerdings noch auf dem Landweg gekommen – in einem alten VW Käfer auf der Transitstrecke über Helmstedt.

Welche Rolle spielte der Flughafen in West-Berlin vor der Maueröffnung 1989?

Eine sehr wichtige! Tegel war für West-Berlin das Tor zur Welt. Für die Menschen in der eingemauerten Teilstadt symbolisierte der Flughafen Freiheit. Allerdings muss man auch wissen, dass Flugreisen damals verhältnismäßig teuer waren. Die meisten Menschen nutzten deshalb den Landweg – auch wenn die Kontrollen der DDR an den Transitstrecken zuweilen nervig waren und lange dauern konnten. Daran, wie es an den Übergangsstellen voranging, ließ sich gut ablesen, wie es aktuell um die innerdeutschen Beziehungen stand.

Was macht Tegel so besonders?

Tegel ist ein Drive-in-Flughafen. Er atmet die Begeisterung für das Auto, die aus den USA nach Deutschland gekommen war. Mit dem Auto kann man fast ans Gate fahren.

Die „kurzen Wege“ gibt es doch nur in Terminal A.

Über die Jahre stieg die Zahl der Fluggäste deutlich an. Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 wurden die Sicherheitsvorkehrungen verschärft, das erhöhte den Platzbedarf. Zusätzliche Gebäude wurden erforderlich. Trotzdem wurde es immer voller.

Im vergangenen Jahr haben 24,2 Millionen Fluggäste TXL genutzt. Wie groß ist die bauliche Kapazität?

10,2 Millionen Passagiere pro Jahr. Wer zum Beispiel im vergangenen Sommer mit mehr als tausend anderen Fluggästen in Terminal C in der Schlange vor der Sicherheitskontrolle stand, der konnte hautnah erleben, wie überlastet Tegel war. Vor Corona operierten unsere Flughafenmitarbeiterinnen und -mitarbeiter an der Grenze des Machbaren. Es klappte dort nur, weil das Team so gut eingespielt war und sich alle sehr engagierten. Doch klar war auch, dass es so nicht weitergehen konnte.

Mit welchen Herausforderungen hatten Flughafenbetreiber und Airlines zuletzt zu kämpfen?

Berliner Zeitung/Markus Wächter
Seit März 2017 ist er Chef der Berliner Flughäfen: Engelbert Lütke Daldrup.

Da könnte man viele Punkte nennen. So gibt es in Tegel keine zentrale Gepäckförderanlage. Das System ist dezentral, das bedeutet viel Handarbeit. Koffer und Taschen müssen getragen werden. Ein anderes Beispiel: Mit weniger als 50 Standplätzen für Flugzeuge waren die Parkpositionen vor Corona sehr knapp. Es bestand immer die Gefahr, dass Tegel verstopfte, dass sich Staus bildeten. Und auf dem Vorfeld war es ziemlich eng.

Immer wieder wird beklagt, dass der Flughafen schäbig wirkt. Warum hat die FBB nicht mehr investiert?

Es stimmt nicht, dass es keine oder zu wenige Investitionen gab. Wir haben in Tegel jährlich im Schnitt fünf Millionen bis zehn Millionen Euro investiert. Dass das manchen nicht aufgefallen ist, könnte damit zusammenhängen, dass viel Geld hinter den Kulissen verbaut wurde. So haben wir zum Beispiel Rohre und Stromleitungen erneuert. Richtig ist allerdings auch, dass wir uns angesichts der finanziellen Lage der FBB auf das Nötigste konzentrieren mussten. Manch einer hätte kein Verständnis dafür gehabt, wenn wir drei Monate vor der Einstellung des Flugbetriebs noch Schönheitsreparaturen veranlasst hätten.

Wann können sich die Berliner zum letzten Mal von Tegel verabschieden?

Wir wissen, dass das Interesse groß ist. Seit Anfang Oktober haben mehr als 30.000 Menschen Eintrittskarten für die Besucherterrasse im Internet gebucht, inzwischen sind alle Tickets vergeben. An diesem Sonnabend sind die Terminals bis zum späten Abend zum letzten Mal für die Öffentlichkeit zugänglich. Ich weise aber schon einmal vorsorglich darauf hin, dass wir die Eingänge für Besucher schließen werden, falls zu viele Menschen in die Gebäude drängen. Eigentlich hatten wir eine große öffentliche Abschiedsveranstaltung in Tegel geplant, aber wegen der Pandemie wird es nichts dergleichen geben. Wenn am Sonntag, um 15 Uhr, mit einer Maschine der Air France noch einmal ein Flugzeug in Tegel startet, wird nur ein Event mit geladenen Gästen in sehr kleinem Rahmen möglich sein. Mehr als 50 Menschen werden nicht dabei sein können. Einer von ihnen wird der Regierende Bürgermeister Michael Müller sein, dem wir symbolisch den Schlüssel für das Gelände übergeben.

Werden in Tegel nach dem 8. November noch Flugzeuge starten und landen können?

Wir haben die Aufgabe, Tegel nach der Inbetriebnahme der zweiten Start-und-Landebahn am BER sechs Monate lang betriebsfähig zu halten – bis zum 4. Mai 2021. Das heißt aber nicht, dass dort ohne weiteres Flugzeuge starten und landen können. So wird es ab Montag in Tegel keine Flughafen-Feuerwehr mehr geben. Und es werden in Tegel nur noch wenige Menschen arbeiten. Sicherheitsleute bewachen den Zaun, Techniker sorgen dafür, dass die Technik betriebsbereit bleibt – das Stichwort lautet Stillstandswartung. Rein theoretisch sind wir in der Lage, den Betrieb in Tegel wieder hochzufahren. Das würde einer Vorlaufzeit von mehreren Tagen bedürfen.

In den ersten Tagen wurden am BER mehr Besucher als Fluggäste gezählt. Ist das nicht ein ungewöhnlicher Start für einen Flughafen?

Wir befinden uns auch in einer ungewöhnlichen Situation. Zunächst einmal freuen wir uns darüber, dass so viele Menschen den BER besuchen. Das Feedback, das wir von ihnen bekommen, ist fast ausnahmslos positiv. So ein Lob ist gut für die Seele, nachdem wir uns jahrelang Kritik und Beschimpfungen anhören mussten. Auf der anderen Seite spüren wir auch, dass die gesamte Luftfahrtbranche eine schwere Krise durchlebt. Die Aussichten bleiben trübe. Das ist sehr bitter.

Welches Aufkommen erwarten Sie für die kommenden Tage?

Nach der Einstellung des Flugbetriebs in Tegel wird der BER von diesem Sonntag an der einzige Verkehrsflughafen in der Region sein. Für den 8. November rechnen wir mit mehr als 10.000 Passagieren. Zuletzt wurden in Berlin an Novembertagen im Schnitt rund 80.000 Fluggäste abgefertigt.

Die Flaute betrifft auch Einzelhändler und Gastronomen im BER. Wie viele der 111 Mietflächen in Terminal 1 sind derzeit überhaupt in Betrieb?

Etwas mehr als 90. Damit das Engagement für die Mieter wirtschaftlich darstellbar bleibt, haben wir die Verträge angepasst. Die Mieten sind vom Umsatz abhängig.