Berlin - Wo nichts ist, da muss man viel herbeireden. Aber auch nicht zu viel: Michael Müller (SPD), neuer Stadtentwicklungssenator und zugleich Parteichef der Berliner Sozialdemokraten, ist auf der Suche nach positiven Themen bereits fündig geworden. In sein Ressort fällt ja vieles, was vor allem Ärger macht. S-Bahn, ICC, Umweltzone zum Beispiel. Aber auch manches, was Spaß machen könnte: die „Tempelhofer Freiheit“ etwa, also die Entwicklung des riesigen ehemaligen Flughafenareals samt denkmalgeschütztem Gebäude. Größer als der Tiergarten, fast so groß wie der Central Park in New York, berühmt und mit großer Geschichte.

Glücksfall für die Stadt

Seit der Flughafenschließung im Oktober 2008 sind für die insgesamt rund 400 Hektar, davon 250 Hektar Freifläche, so viele Ideen, Konzepte, Projekte, Pläne und Überschriften zusammengeschrieben worden, dass kaum jemand noch wirklich durchblickt. Wiesenmeer, Kaltluftschneise, Gesundheitsquartier, Eventstandort, Bühne des Neuen, Zukunftstechnologien, interreligiöser Dialog, Internationale Gartenbauausstellung, Internationale Bauausstellung, sozial verträglicher Wohnungsbau. Alles soll nach Tempelhof, möglichst schnell. Das Gelände, tagsüber geöffnet für Freizeitnutzungen und hoch beliebt, ist so groß und so wenig festgelegt, dass jedem etwas einfällt.

Am Mittwoch tagte der Ausschuss für Stadtentwicklung im Flughafengebäude, zuvor gab es eine Busfahrt mit Senator, selbst gebürtiger Tempelhofer, übers Gelände. Alle skizzierten Wohn- und Gewerbequartiere wurden abgefahren, Lerchennist- und Hundeauslaufgebiete waren zu bewundern, ebenso die „Pioniernutzung“ genannten gärtnerischen Selbstversuche auf Paletten und in Bastkörben nahe der Oderstraße. „Es gibt viele Ideen“, sagt Müller.

Unter seiner Vorgängerin Ingeborg Junge-Reyer wurden sie vor allem gesammelt aufeinandergestapelt – denn nach der gerade im Westen der Stadt umstrittenen Schließung vor mehr als drei Jahren hatte die Senatsverwaltung noch so gut wie keine Idee, was kommen könnte. Was Müller schon damals kritisierte. „Diese Fläche ist ein Glücksfall für die Stadt“, sagt er. Er wolle aber weder einen „Bauchladen“ noch alles in Frage stellen. Sondern die bisherigen Planungen prüfen und „genau anschauen, was wir wann machen“.

Mit Blick auf die Baukräne

Dabei setzt Müller schon ein paar Akzente. So möchte er, dass mit dem Bau der Zentral- und Landesbibliothek (ZLB) am Tempelhofer Damm für geschätzte 270 Millionen Euro spätestens 2016 begonnen wird. Die könne eine „Impulsinvestition“ für das Gelände sein, weil die Stadt so zeige, dass sie sich engagiere. Außerdem stellt er in Frage, ob im Norden am Columbiadamm unbedingt ein „Gesundheitsquartier“ entstehen müsse. „Mir fallen spontan zehn andere Orte in der Stadt ein, wo das auch geht.“ Und für die Internationale Bauausstellung (IBA), geplant 2020 unter anderem in Tempelhof, hätte Müller gern ein soziales Thema wie „Wohnen und Mieten“.

In Tempelhof werden dieses Jahr erst einmal Flächennutzungspläne geschrieben. 2013 beginnen der Ausbau des Parks und die Vorbereitung der Internationalen Gartenbauausstellung (IGA) 2017. Wenn das klappt, kann man von der Blumenschau direkt auf die Kräne auf der Baustelle der neuen Metropolenbibliothek blicken.