Berlin - Wie ernst ist die Finanzlage der Flughafen Berlin Brandenburg GmbH, kurz FBB? Droht die Insolvenz? Diese Diskussion ist am Freitag erneut aufgeflammt. „Insolvenz ist aus meiner Sicht ein völlig falscher Begriff. Von einer kurzfristigen Zahlungsunfähigkeit kann nicht die Rede sein“, sagte Engelbert Lütke Daldrup, der Chef des Staatsunternehmens, der Berliner Zeitung. „Wir sind bis Ende 2021 ausfinanziert.“ Doch für die Zeit danach müssten sich Berlin, Brandenburg und der Bund darüber Gedanken machen, wie sie der hohen Verschuldung der FBB begegnen.

Das Unternehmen müsse beurteilen, ob es „überschuldet“ sei, warnte dagegen Hansrudi Lenz, Professor für Betriebswirtschaftslehre, Wirtschaftsprüfungs- und Beratungswesen an der Universität Würzburg, in einer Analyse für die Redaktion rbb24 Recherche. Die FBB werde bis 2023 nicht in der Lage sein, ihre jährlichen Zins- und Tilgungszahlungen sowie die wegen Corona beantragten Gesellschafterdarlehen in Höhe von gut 750 Millionen Euro aus dem Cashflow der Gesellschaft, den erwirtschafteten Überschüssen, zu bedienen, gab Lenz zu bedenken.

Aus seiner Analyse ergibt sich außerdem, dass das Eigenkapital der FBB in Höhe von aktuell 1,1 Milliarden Euro spätestens 2023 aufgezehrt sein wird. Neben der Verschuldung und den erwartbaren Verlusten in den kommenden Jahren müsse das Unternehmen außerdem das Anlagevermögens neu bewerten. Dies könne je nach Höhe der außerplanmäßigen Abschreibungen dazu führen, dass das Eigenkapital schon früher aufgebraucht wird.

Aus Lenz‘ Untersuchung ergibt sich einem Bericht der Deutschen Presse-Agentur zufolge außerdem, dass das Eigenkapital der FBB in Höhe von aktuell 1,1 Milliarden Euro spätestens 2023 aufgezehrt sein wird. Neben der Verschuldung und den erwartbaren Verlusten in den kommenden Jahren müsse das Unternehmen außerdem das Anlagevermögens neu bewerten. Dies könne, je nach Höhe der außerplanmäßigen Abschreibungen, dazu führen, dass das Eigenkapital schon früher aufgebraucht wird.

Ähnliche Analysen zur Finanzlage des Flughafenbetreibers hat es schon mehrmals gegeben – mit ähnlichen Schlussfolgerungen. Finanzsenator Matthias Kollatz (SPD) äußerte sich unter anderem im Mai 2020 dazu. Ein von der Opposition zitiertes Gutachten von Wirtschaftsprüfern, wonach die FBB ein Sanierungsfall sei, bis zu 1,8 Milliarden Euro zusätzlichen Finanzbedarf habe und andernfalls vor der Insolvenz stehe, beruhe auf falschen Daten und Annahmen und sei „sachfremd“, so der Senator damals. „Es macht keinen Sinn, ein Drama zu erfinden, das es so nicht gibt“, sagte Kollatz.

Auch am Freitag fielen die Reaktionen entspannt aus. „Es gibt keine neue Situation“, sagte Flughafensprecher Hannes Hönemann der Berliner Zeitung. Es sei klar, dass auch die FBB unter der Coronakrise leidet. So sei die Zahl der Passagiere im Vergleich zum selben Zeitraum 2019 unter die Zehn-Prozent-Marke gefallen. Doch mit den Gesellschaftern sei vereinbart, wie das Unternehmen die Krise übersteht.

Flughafenchef Lütke Daldrup erläuterte, wie er die Lage sieht. „Für dieses Jahr hatten wir vor Corona rund 37 Millionen Passagiere prognostiziert. Tatsächlich waren es bis heute 8,96 Millionen. Bis zum Jahresende werden wir die Neun-Millionen-Marke überschreiten“, sagte er ebenfalls am Freitag. „Für 2021 erwarten wir gut zehn Millionen Fluggäste. Auch Anfang des kommenden Jahres werden wir nur knapp zehn Prozent des bisherigen Aufkommens haben. Wir hoffen, dass der Verkehr je nach Fortschritt bei den Impfungen in der zweiten Hälfte 2021 auf 50 Prozent von Normal zunimmt.“

Gesucht: eine Finanzstrategie für die Zukunft

Für dieses und das kommende Jahr seien mit den Gesellschaftern Vorkehrungen getroffen worden, so Lütke Daldrup weiter. „Um Ausfälle in diesem Jahr ausgleichen zu können, wurden 300 Millionen Euro bereitgestellt. Dabei handelt es sich um einen Coronazuschuss von 99 Millionen Euro und ein Gesellschafterdarlehen in Höhe von 201 Millionen Euro. Das Geld ist inzwischen bei uns eingetroffen.“ Für das kommende Jahr 2021 wurden mit den Gesellschaftern Darlehensverträge über 552 Millionen Euro geschlossen, und ein Darlehen über weitere 108 Millionen Euro wurde bereits 2018 vereinbart. „Damit stehen 2021 insgesamt 660 Millionen Euro bereit“, bilanzierte der FBB-Vorstandschef.

Doch die umfangreichste Diskussion steht aber noch bevor, sagte er. „Aktuell ist über die finanzielle Restrukturierung der FBB zu entscheiden, es geht um die beste Strategie, mit der sich die FBB aus ihrer hohen Verschuldung befreit. In den vergangenen Jahren haben die Gesellschafter das Unternehmen sehr knapp gehalten.“ Weil sich die Fertigstellung des BER verzögerte, musste die Flughafengesellschaft über 1,5 Milliarden Euro mehr investieren und über viele Jahre hinweg auf erwartete Einnahmen verzichten. „So baute sich eine Verschuldung auf, die sich vor Corona auf 2,8 Milliarden Euro bei den Banken summierte. Nun kommen weitere Gesellschaftsdarlehn von 200 Millionen plus 660 Millionen Euro hinzu“, so Lütke Daldrup. „Wir brauchen im kommenden Jahr eine Lösung, die auch Eigenkapital der Gesellschafter umfassen muss.“

Sebastian Czaja, Fraktionschef der FDP im Abgeordnetenhaus, kommentierte die Meldung. „Das BER-Desaster hat nun scheinbar einen zweiten Akt: Es steht der Verdacht des Subventionsbetrugs im Raum“, so Czaja. „Nachdem sich schon in den letzten Monaten immer wieder durch die schwindelerregende Höhe der von der FBB geforderten staatlichen Zuschüsse die Frage gestellt hat, ob dies tatsächlich nur aufgrund der Corona-Pandemie sein kann, dass der BER neue Milliarden braucht, wird jetzt die Vermutung, dass etwas faul ist, verfestigt.“

Die drei Flughafengesellschafter Berlin, Brandenburg und der Bund müssten dafür sorgen, dass die FBB Klarheit schafft, bevor die ersten Anzeigen bei der Staatsanwaltschaft zu Ermittlungen führen, forderte Czaja. „Der Senat muss umgehend erklären, wie die neu beantragten Corona-Darlehen überhaupt bis 2023 zurückbezahlt werden sollen. Jetzt ist die Zeit für ehrliche und offene Bekenntnisse, Tatsachen müssen auf den Tisch, die jeder Gesellschafter kennen müsste, die bisher aber nicht benannt wurden.“

"Es muss endlich Schluss sein mit den Ausreden und Winkelzügen“, sagte der FDP-Fraktionschef. Damit nicht noch mehr Geld für immer verloren geht, muss der Vorhang der vermuteten Verschleierung fallen, den Engelbert Lütke-Daldrup, der Aufsichtsrat und die Gesellschafter hochgezogen haben sollen.“

„Die Zahlen sind bekannt und auch Ergebnis der Expertenanhörung im Sonderausschuss BER im Oktober gewesen. Die Gesellschafter arbeiten an einer Lösung“, sagte der flughafenpolitische Sprecher der Brandenburger Landtagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen, Thomas von Gizycki. „Ziel muss es sein, die Flughafengesellschaft so weit zu entschulden, dass sie den Kapitaldienst wieder aus den eigenen Einnahmen bestreiten kann. Das wird vor dem Hintergrund der europaweiten Beihilferegelung nicht einfach. Wir Bündnisgrüne werden die Zustimmung zu einer Lösung auch immer davon abhängig machen, wie nachhaltig sie ist.“