Berlin - Auch „Harry Potter“ kann den Lärm nicht wegzaubern. Der kleine schwarz-weiße Hund zuckt nicht mal mehr, wenn die großen Verkehrsmaschinen mit 90 Dezibel Lärm etwa 150 Meter über ihm hinwegdonnern. Herrchen Klaus-Peter Held, der mit seiner Frau direkt in der westlichen Einflugschneise des Tegeler Flughafens wohnt, hat sich an den Krach gewöhnt. Aber er ist wütend. Seit 30 Jahren wohnt der 67-Jährige in der Hoka-Siedlung, und ihm und den Nachbarn wird seit Jahren versprochen, dass es bald vorbei ist mit dem gesundheitsschädlichen Lärm. Denn zeitgleich mit der Eröffnung des neuen Hauptstadtflughafens BER sollte Tegel schließen. Tatsächlich ist es in den vergangenen Jahren nur lauter geworden.

Die Nachricht, dass die BER-Eröffnung nun zum vierten Mal verschoben und frühestens 2014 stattfinden wird, macht das Ehepaar fassungslos. „Wir sind einiges gewöhnt. Aber dass es so schlimm wird, haben wir nicht gedacht“, sagt der ehemalige Feuerwehrmann. Trotz aller Skepsis hätten sie bei jedem angekündigten Eröffnungstermin immer noch Hoffnung gehabt, dass er auch gehalten wird, sagt seine Frau.

Für den 3. Juni 2012 hatten sie sogar eine Gartenparty organisiert, um das letzte Flugzeug zu verabschieden. Doch statt einer Freudenfeier mit Nachbarn gab es Durchhalteparolen. Jetzt beginnen die Helds daran zu zweifeln, dass sie das Ende des Tegeler Airports überhaupt noch erleben werden. „Ich glaube, dass Tegel noch zehn Jahre bleibt“, sagt Klaus-Peter Held. „Der BER ist ja jetzt schon zu klein.“

Weil der Hauptstadtflughafen Baustelle bleibt, müssen Tegel und Schönefeld mit dem weiter zunehmenden Flugverkehr fertig werden. In Tegel stieg das jährliche Passagieraufkommen seit 1991 von etwa 7 auf rund 17 Millionen. Die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung kündigte am Montag an, keine weiteren Ausnahmegenehmigungen für Flüge nach Tegel zu erteilen. „Wir nehmen die Sorgen der Anwohner ernst und versuchen, Nachtflüge zu reduzieren“, so eine Sprecherin.

Für Martin Lambert (CDU), Stadtrat für Stadtentwicklung in Reinickendorf, hat das BER-Debakel aber auch Vorteile: „Die Nachnutzung des Tegel-Areals kann jetzt noch sorgfältiger und gründlicher vorbereitet werden.“

Auf dem Flughafen Tegel sorgt die jüngste BER-Nachricht nicht gerade für Entsetzen. „Ich bin nicht traurig darüber, wenn er bleibt“, sagt Marliese Krause (63), die am Montag auf ihren Flug in ihre Heimatstadt München wartet. „Tegel ist näher an der Innenstadt.“ Dennoch sei sie verärgert, dass es Berlin nicht schaffe, den Airport fertigzubekommen. „Wir haben für Berlin schon so viel gezahlt“, sagt sie. Auch der 30-jährige Russel Alt findet Tegel praktischer. „Ich wohne in Schöneberg. Von da bin ich viel schneller in Tegel.“

Bei den Helds scheppert gerade Geschirr in den Schränken. Wieder eine Maschine, die im Landeanflug fast die Baumkronen streift. Am Nachmittag kommen die Jets teilweise im 90-Sekunden-Takt. Das kleine Haus hat vollen Schallschutz, trotzdem ist es drinnen laut. Klaus-Peter Held hat Schlafstörungen. „Die Windschleppen der landenden Flugzeuge lassen alles vibrieren“, sagt er. Starts und Landungen bis Mitternacht seien normal, aber selbst danach, in der Nachtruhephase bis 6 Uhr, seien immer wieder Jets zu hören, wie die Post-Maschine und die Flieger der Flugbereitschaft der Bundeswehr. Regelmäßig muss Held das Dach reparieren, der Wind holt die Ziegel herunter. Weil Pfirsiche und Pflaumen voller Öl und Abgaspartikel waren, hat er fast alle Obstbäume abholzen müssen.

Was ihn beim BER-Fiasko besonders aufrege, sagt der 67-Jährige, seien die fehlenden personellen Konsequenzen: „Die Verantwortlichen müssen zur Rechenschaft gezogen werden.“