Blankenfelde-Mahlow - Gerhard Krabel ist in Rente, aber zur Ruhe kommt er nicht. Der pensionierte Kraftfahrer hat eine neue Lebensaufgabe gefunden. Und die hat mit dem neuen Großflughafen Berlin-Brandenburg (BER) zu tun. Bald wird direkt über Krabels Haus in Blankenfelde-Mahlow alle zwei Minuten ein Flugzeug donnern. Der Rentner streitet seit fünf Jahren mit den Behörden um ausreichenden Lärmschutz. „Ich kann nachts oft nicht schlafen“, sagt der 65-Jährige. Seine Augen wirken müde.

Schallschutz - dieses Anliegen ist beim Dauerthema Hauptstadtflughafen ein wenig in den Hintergrund geraten. Gerade geht es um die Frage, ob der Eröffnungstermin Oktober 2013 wieder wackelt. Für die etwa 25 000 BER-Anrainer wäre eine erneute Verschiebung nicht schlecht. Denn ein Großteil der Menschen wartet immer noch darauf, dass ihr Haus mit Dämmfenstern, Lüftern und anderer Lärmschutztechnik ausgerüstet wird.

Blankenfelde-Mahlow gilt als die Gemeinde, die am stärksten vom Fluglärm betroffen sein wird. Schon jetzt liegt der Ort unter der Anflugschneise des Flughafens Schönefeld. Das Ehepaar Krabel wohnt im Waldweg, einer hübschen Siedlung mit hohen Bäumen. Auch ihr Haus ist aus Holz, was nicht sofort erkennbar ist. Die ganze Vorderfront ist jetzt aus Klinker, als Teil der Lärmschutzmaßnahmen. Auch ein Fenster und das Dach wurden erneuert, darunter liegt das Schlafzimmer des Ehepaars.

Das Problem ist die Rückseite des Hauses, für die bekommen die Krabels keinen Lärmschutz. Den gibt es nur für Wohn- und Schlafräume. Nicht für Küche, Bad oder Flur, wie sie bei den Krabels hinten zu finden sind. Dabei trennt Wohnzimmer und Küche nur eine Tür und ein kleiner Flur.

Auch das Schlafzimmer liegt nur zwei Meter von der ungedämmten Rückseite entfernt. Schwer vorstellbar, dass Fluglärm hier verebbt. „Der ganze Lärmschutz ist ein reiner Flickenteppich“, zürnt Gerhard Krabel. Er kämpft für eine Verbesserung. Seine Korrespondenz mit Behörden und Ingenieurbüros füllt Aktenordner.

Krabel sei ein „Musterbeispiel“ dafür, wie der Flughafen die Anwohner um ihre Rechte betrüge, meint Christine Dorn vom Bündnis Südost. Das Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg hat im Juni die Rechte festgelegt: In Innenräumen darf die Fluglärmbelastung am Tag 55 Dezibel nicht überschreiten. Das Brandenburger Verkehrsministerium - die Genehmigungsbehörde für den Flughafen - hatte daraufhin den Lärmschutz „nachgebessert“. Nun soll der Maximalpegel von 55 Dezibel bis zu 0,49 mal pro Tag überschritten werden dürfen. Das sind 180 Grenzüberschreitungen im Jahr.

„Das ist rechtswidrig. 0 heißt 0 - und nicht 0,49“, sagt Dorn, die auch dem Vorstand der Bundesvereinigung gegen Fluglärm angehört. Sie wirft der Landesregierung Tricksereien vor, um die Kosten möglichst gering zu halten. Allein der verbesserte Lärmschutz soll Mehrkosten von bis zu 600 Millionen Euro bedeuten.

Gegen die neue Regelung wurde erneut geklagt. Sprechen sich die Richter wieder für einen besseren Lärmschutz aus, wird die Landesregierung wohl den Weg der massenhaften Entschädigung gehen. „Dann zahlen wir Geld aus“, sagt Verkehrsstaatssekretär Rainer Bretschneider.

Es klingt, als hätten sich die Behörden schon vom Ziel eines umfassenden Lärmschutzes für die BER-Anrainer verabschiedet. Den Bürgern in Blankenfelde-Mahlow überbrachte Bretschneider vergangene Woche einen „Zuwendungsbescheid“ von knapp einer Million Euro. Mit dem Geld sollen alternative Modelle entwickelt werden, wie man „in einer Gemeinde optimal mit Fluglärm leben kann“. (dpa)