Niedergörsdorf - Es ist Sonntag. In den Dörfern des niederen Flämings rund um Jüterbog geht es ruhig und gemächlich zu. Am Himmel über diesen Dörfern allerdings ist ordentlich was los. Bunte Punkte kreisen lautlos über dem weiten, flachen Land. Es sind Drachen- und Gleitschirmflieger, die vom Flugplatz Altes Lager in Niedergörsdorf aufgestiegen sind.

Der ehemalige Militärflugplatz im Süden Brandenburgs ist die Heimstatt des Vereins Drachenflieger-Club Berlin. Rund 200 Mitglieder, die vor allem aus Berlin und Brandenburg, aber auch aus anderen Regionen Deutschlands kommen, machen ihn zu einem der größten Vereine in Deutschland, in denen Drachen- und Gleitschirmpiloten ihrer Leidenschaft nachgehen. Mit seinem Flug- und Vereinsleben, mit einer Flugschule und mit regelmäßigen Wettkämpfen ist der Platz zu einem wahren Mekka des motorlosen Segelns geworden.

Ruhig wie im Aquarium

In den nächsten zwei Wochen richtet der Verein zum Beispiel wieder seine alljährlichen „German Flatlands“ – die deutschen Flachland-Meisterschaften – aus, zu denen rund 130 Piloten aus dem In- und Ausland erwartet werden. „Laien wundert es immer wieder, dass wir hier so stark vertreten sind“, sagt der stellvertretende Vereinsvorsitzende Mike Füllgraebe, „aber man braucht nun mal keine Berge, um sich mit Hänge- oder Paragleitern in die Luft zu schwingen.“ Kleine Ultraleicht-Flugzeuge und Schleppwinden übernehmen die Starthilfe. Sie ziehen die Drachen- und Schirmflieger am Seil in die Höhe.

Sven Sommerkamp hängt waagerecht eingepackt in einem Sack unterm Schirm im Karbongestänge seines Drachens. Das mit Rädern ausgestattete Fluggerät steht hinter der motorisierten Dragon-Fly-Maschine von Jürgen Röder auf der Betonpiste. Flugzeug und Drachenflieger sind mit einem Seil aneinander gekettet. Beide werden gleich im Verbund aufsteigen. Auf einer Höhe von gut 1000 Metern wird sich Sven Sommerkamp ausklinken und allein den Lüften anvertrauen. „Heute ist es da oben ruhig wie im Aquarium“, sagt der Hamburger, der schon einen Flug hinter sich hat. „Da kann man wenig Strecke machen. Aber das macht nix. Ich fühle mich trotzdem bei jedem Flug fast wie ein Vogel.“

Sommerkamp kommt regelmäßig nach Niedergörsdorf. „Das ist ein perfekter Platz“, sagt er, „die Thermik stimmt meistens, und du triffst immer super Leute.“ Er streckt seinen rechten Arm zur Seite aus. Das ist das Zeichen für das Schleppflugzeug, dass es losgehen kann. Das Fliegerdoppel nimmt Geschwindigkeit auf. Das Seil strafft sich, nach ein paar Metern schrauben sich Schlepper und Drachen in die Höhe.

Gleich nebenan bereitet sich Rainer Häner auf einer langen, flach gemähten Grasfläche auf den Start vor. Der Potsdamer ist Gleitschirmflieger. Er braucht die betonierte Startbahn nicht. Hinter ihm liegt sein Gleitschirm weit ausgebreitet auf der Wiese. Mit unzähligen Schnüren ist er am Gurtzeug befestigt, das sich Rainer Häner über den Oberkörper gezogen hat. Das Entscheidende für den Start in der weiten Ebene ist auch hier das Seil, das vor ihm auf der Erde liegt. Das gehört zu einer Schleppwinde, die Hunderte Meter entfernt steht. „Das Teil zieht mich hoch“, sagt Rainer Häner und hängt sich das Seil vor der Brust ein.

Der wahre Meister

Der Windenstart ist vor allem den etwas langsameren Paragleitern vorbehalten, die ihren Weg in die Wolken mit einem kurzen kräftigen Anlauf zu Fuß antreten. Die Maschine wird von einem Zweierteam betrieben, das über Funk miteinander verbunden ist. Ein Starthelfer steht beim Piloten. Der andere sitzt auf der Maschine und zieht auf Kommando das rund 1500 Meter lange Seil ein. Rainer Häner schaut mit skeptischem Blick zum Himmel. „Zu wenig Wind, zu wenig Thermik“, sagt auch er. „Aber egal, Hauptsache, ich bin wieder oben. Wie heißt es so schön: Gleitschirmfliegen ist eigentlich kein Hobby. Das ist eine Sucht.“ Jedes Mal, wenn er scheinbar schwerelos über dem Fläming kreise, erlebe er die Faszination, ein Teil der Elemente zu sein. „Das ist pures Glück“, sagt er und gibt das Zeichen, dass er startklar ist. Kommandos erklingen, das Seil ruckt an, Häner rennt los, der Schirm öffnet sich und zieht ihn sanft nach oben.

Unentwegt ziehen das Ultraleicht-Flugzeug und die Schleppwinde die Drachenflieger und Gleitschirmpiloten in die Höhe. So sieht für Mike Füllgraebe ein perfekter Vereins- und Flugtag aus – reger Betrieb am Himmel und angeregtes Fachsimpeln auf dem Boden. „Man merkt, dass die Wettkämpfe bevorstehen“, sagt Mike Füllgraebe. „Die Mädels und Jungs wollen noch ein bisschen Flugpraxis sammeln.“ Er beobachtet den Himmel und erspäht neben den bunten Schirmen und Segeln seiner Vereinsleute einen größeren Greifvogel, der scheinbar regungslos durch die Lüfte gleitet. „Schau dir den an“, sagt der Drachenpilot, der es immerhin schon in einem Ritt vom Flugplatz Altes Lager bis zum Harz geschafft hat, voller Anerkennung, „Der findet selbst an solchen lauen Tagen sein Polster. Ist halt ein Vogel. Von dem kann man sich immer noch was abschauen.“