Bei der Hitze schlafen viele Berliner bei offenem Fenster. Johannes Hauenstein muss sich das jedoch sehr gut überlegen. „Meist lassen wir das Fenster lieber zu“, sagt der Reinickendorfer. Denn seine Frau und er müssen damit rechnen, nachts vom Lärm startender und landender Flugzeuge geweckt zu werden. Sie wohnen nicht weit vom Flughafen Tegel entfernt, und dort ist die Zahl der Spät- und Nachtflüge gestiegen. „Die Nacht ist ein rechtsfreier Raum“, klagt Hauenstein. „Die Airlines tun, was sie wollen.“

Nachtflugverbot? Das gibt es auf dem Flughafen im Nordwesten Berlins nicht. Zwar gilt als Regel, dass zwischen 23 und 6 Uhr keine Flugzeuge starten und landen dürfen. Doch die Aufsichtsbehörde darf für verspätete Verkehrsflugzeuge Ausnahmegenehmigungen erteilen?– was auch geschieht. Ambulanzflüge, Flüge der Bundesregierung und Einsatzflüge der Polizei dürfen auch ohne Genehmigung stattfinden. Postflüge sind nachts ebenfalls erlaubt. Derzeit befördert Germanwings auf der Strecke Tegel–Stuttgart fünfmal in der Woche Post. Laut Flugplan hebt ein Airbus A 319 um 0.20 Uhr in Tegel ab, ein anderer trifft um 1.25 Uhr dort ein. Das bedeutet weiteren Lärm zu Zeiten, in denen die Anlieger schlafen wollen.

Politiker mit "keinerlei Unrechtsbewusstsein"

Nun zeigen die Zahlen der Flughafengesellschaft FBB: Der Verkehr zwischen 22 bis 5.59 Uhr nimmt zu. So gab es im vergangenen Jahr während dieser Zeit 7?930 Starts und Landungen in Tegel. Zum Vergleich: Im Jahr davor waren es noch 7?745.

Nach 23 Uhr fanden im vergangenen Jahr 1?185 Flüge statt. In 473?Fällen handelte es sich um verspätete Linienmaschinen – vor allem von Air Berlin (288 Flüge), Germanwings (92) und Lufthansa (32).

In diesem Jahr setzt sich der Trend fort. Im ersten Quartal wurden zwischen 22 und 5.59 Uhr 1?393 Starts und Landungen von Linien- und Charterflügen gezählt. Im ersten Quartal 2014 waren es 1?060.

Hauenstein ärgert vor allem, dass die Politiker, die Nachtflüge zuließen, „keinerlei Unrechtsbewusstsein“ hätten. Er hat auch etwas gegen Berliner, die für den Flughafen Tegel schwärmen, weil er so gut erreichbar ist: Das sei „asoziale Bequemlichkeit“.

Gerichtsverfahren gehen ins Leere

Gerichtsverfahren, die sich gegen den Fluglärm richten, gehen regelmäßig ins Leere. So erfuhr der Tegel-Anwohner Thomas Kassner aus Wedding vom Kammergericht, dass der 26. Zivilsenat beabsichtige, seine Berufung gegen ein Urteil des Landgerichts zurückzuweisen. Kassner hatte Hainan Airlines auf Schmerzensgeld und Schadenersatz verklagt. Er habe Hör- und Gesundheitsschäden erlitten, als eine Maschine der chinesischen Gesellschaft 2011 am Kurt-Schumacher-Platz über ihn hinweggeflogen sei. Das Landgericht hielt dies nicht für erwiesen?und wies die Klage ab.

„Die Beweislast wird umgekehrt“, sagte Hauenstein. Er hofft, das Tegel trotz der jüngsten Querelen am BER 2017 endlich geschlossen wird. Denn der Verkehr steigt immer weiter an. In diesem Jahr wurden von Januar bis Juli 105.886 Starts und Landungen registriert – 0,9 Prozent mehr als im selben Zeitraum des Vorjahres. Für 2015 erwartet die FBB 185.000 Flugbewegungen (+ 3,9 Prozent) und 21,1 Millionen Passagiere (+ 1,9 Prozent). Im Nordwesten Berlins bleibt es laut.