Berlin - Tagliatelle in Flusskrebssahne, kalte Gurkensuppe mit Flusskrebs oder Flusskrebs mit Pernod in Königinnenpasteten: Wer im Internet nach Krebsrezepten stöbert, dem läuft schnell das Wasser im Mund zusammen. Meist verweisen die Kochanleitungen dabei auf das Louisiana-Flusskrebsfleisch, das es in der 80-Gramm-Packung für 2,99 Euro im Supermarkt zu kaufen gibt.

Doch schon bald können Köche die roten Krustentiere auch aus der Region beziehen – genauer gesagt mitten aus dem Zentrum: Im Tiergarten hat in der vergangenen Woche zum ersten Mal die Krebsfangsaison begonnen.

Spandauer Fischer setzen auf den Tiergarten-Flusskrebs

Ein Fischereibetrieb jagt dort mit Reusen nach jenen Krebsen, deren Invasion in der Innenstadt im vergangenen Sommer Schlagzeilen machte. Touristen und Berliner staunten damals sehr, als sie auf gepflasterten Wegen des Tiergartens herumirrende Krebse entdeckten. Beim Berliner Naturschutzbund häuften sich skurrile Meldungen über „Skorpione“ oder „Garnelen“ auf dem Asphalt. Die milden Winter der vergangenen Jahre hatten die rapide Vermehrung der Tiere verursacht, und aufgrund der vielen Regenfälle im Sommer kamen sie dann aus ihren Verstecken gekrochen.

Das Familienunternehmen aus Spandau will nun die Ware mit den dornigen Scheren an Gastronomen und Privatleute verkaufen, etwa auf Märkten. Vom Senat fließt für das Fangen hingegen kein Geld. Von dort aber kam das Okay: Die Umweltverwaltung ließ die Tiere über den Winter auf eine Belastung mit Schwermetallen und Schadstoffen testen. Fazit von Berlins Wildtierbeauftragten Derk Ehlert: „Es werden keine Grenzwerte erreicht.“ Schon bald könnten die Delikatessen also auf den Speisekarten auftauchen.

Nicht nur kulinarische Gründe

Dass die Spandauer Fischer nun ihre Reusen im Tiergarten ausgelegt haben, hat aber nicht nur kulinarische Gründe. „Wir müssen die Ausbreitung der Krebse verhindern, denn die Gattung steht auf der EU-Liste der invasiven Arten“, erklärt Ehlert. Auf der Liste finden sich eingewanderte Tiere, die einheimischen Arten oder dem Ökosystem schaden können.

Der Rote Amerikanische Sumpfkrebs, so heißt die Spezies, kann die Fischbestände reduzieren und andere Tiere verdrängen. Er gilt als Vielfraß, ernährt sich von Fischlaich, Lurchen, Kaulquappen oder Insektenlarven. „Die Bestände gilt es zu schützen“, sagt Derk Ehlert. Auch übertragen die Krustentiere Infektionskrankheiten wie die Krebspest. Das ist in Berlin aber kaum möglich, da hier keine heimischen Krebse leben, die sich anstecken könnten.

Ursprünglich sind die leuchtend roten Bewohner des Tiergartens im Süden der USA Zuhause. Während die Tiere in ihrer natürlichen Umgebung etwa zwei Jahre alt werden, leben sie in Aquarien teils länger als fünf Jahre. Aufgrund ihrer schönen Färbung und der imposanten Scheren kaufen Kunden in Zoohandlungen besonders gern Sumpfkrebse. Deswegen kommt es auch immer wieder vor, dass Tiere flüchten oder dass Halter die Krebse aussetzen. Experten reden von falsch verstandener Tierliebe mit verheerenden Folgen, wenn die Krebse etwa Seen und Parks außerhalb ihrer Herkunftsgebiete übervölkern.

Strafe wegen Wilderei

Im Tiergarten gingen den Fischern vorige Woche rund 500 Exemplare in die Netze. „Im Britzer Garten, wo sich auch Rote Amerikanische Sumpfkrebse verbreitet haben, waren es sogar 1000 Tiere“, sagt Derk Ehlert. Insgesamt 20 Reusen nutzen die Fischer, um in beiden Parks die Delikatessen mit den Scherenhänden zu fangen. „Gut möglich, dass im Sommer weitere Orte und Reusen dazukommen, wenn wir irgendwo Krebse entdecken“, so der Wildtierexperte. Ehlert kann nicht schätzen, wie groß die Population in Berlin insgesamt sein mag. Die Fangerlaubnis gilt erst mal bis Ende 2018.

Die Erlaubnis ist unbedingt nötig. Denn wer im Tiergarten selbst mit dem Kescher sein Glück versucht, riskiert eine Geld- oder sogar eine Haftstrafe wegen Wilderei. Dagegen erscheinen die 2,99 Euro, die die Packung im Supermarkt kostet, doch gut investiert.