Warum junge Start-Up-Unternehmer von Berlin profitieren können

Der Hauptstandort müsse eben in der EU liegen, wo im Übrigen auch die Freizügigkeit für Angestellte gelte. „Mein Team kommt aus ganz Europa und der Welt. Wenn ich hier in England künftig für jeden meiner Mitarbeiter eine Aufenthaltsgenehmigung beantragen muss, lohnt sich das einfach nicht.“

Doch warum Berlin? „Der Standort ist einfach günstig“, sagt er. 25 Prozent Lohn könne er dort einsparen, und auch die Miete sei pro Arbeitsplatz 150 Euro billiger. Berlins Vorteil Nummer Zwei: Die Stadt ist hip. „Viele junge Talente wollen eigentlich nicht nach Deutschland, aber nach Berlin wollen viele. Die Stadt ist im Trend.“ Man könne deshalb gutes Personal in die Hauptstadt locken. Wie bei einer Präsentation spult Schneider die Vorteile des neuen Standorts ab.

Die britische Finanzaufsicht steht Risikogeschäften wohlwollender gegenüber

Sentimentalitäten spielen bei der Entscheidung keine Rolle. Es geht um Standortfaktoren. Schneider ist einer, der von einem Tag auf den anderen woanders hinziehen kann. Studiert und gearbeitet hat der promovierte Wirtschaftswissenschaftler unter anderem schon in Taipeh, Zürich, New York und Cambridge bei Boston. Der Hauptgrund, warum Schneider sich überhaupt in London niedergelassen hat, ist die britische Finanzaufsicht.

Die Financial Conduct Authority (FCA) steht den für Anleger oft riskanten Geschäftsmodellen der Fintech-Unternehmen wohlwollend gegenüber. Die Behörde prägte den Begriff „regulatorischer Sandkasten“. Die FCA verschafft Finanzdienstleistern damit in der Anfangsphase ihrer Unternehmungen Möglichkeiten zum Experimentieren mit ihren Geschäftsmodellen mit weniger Aufsicht und Regulation. Die FCA-Interimschefin Tracey McDermott sagte im Mai, die Aufsicht solle „mutiger“ sein, was die Aufgeschlossenheit gegenüber den neuen Geschäftsmodellen anginge, „auch wenn es so aussehen sollte, dass diese neuen Firmen Risiken in den Finanzsektor bringen würden.“

Und diese Risiken gibt es. Den kleinen Fintech-Unternehmen fehlen oft Sicherheiten, um ihre Geschäfte abzusichern. Viele Firmen bewegen sich in einem legalen Graubereich. Wie schnell es mit einem Fintech zu Ende gehen kann, zeigt der Fall Powa Technologies. Das 2007 gegründete Londoner Unternehmen, das eine mobile Bezahl-App anbot, kam auf ein Volumen von 2,7 Milliarden Dollar. Im Februar ging die Firma überraschend bankrott. 74 Angestellte verloren ihren Job. Hunderte Millionen Euro – von Investoren bereitgestelltes Geld – blieben verschollen.

Die Bafin sei eher Verbraucherschützer denn Dienstleister für Unternehmen

Die britische Finanzaufsicht möchte die Fintechs dennoch fördern. Schneider ist wie viele in seiner Branche ein Fan der FCA. „Die ist flexibel und hilft den Start Ups Möglichkeiten zu finden, wie Sie ihre Geschäftstätigkeiten legal gestalten können“, lobt er. Die deutsche Bafin sehe sich „eher als reiner Verbraucherschützer“ denn als Dienstleister für Unternehmen.

Wenn es für Brickvest in den kommenden Wochen nach Berlin geht, will sich Schneider auch gar nicht erst mit der Bafin befassen. „Unsere Bankenlizenz und alle Regulierungen werden wir in Luxemburg oder Irland beantragen, während wir in Berlin das operative Geschäft betreiben.“ Acht Mitarbeiter will Schneider in Berlin anheuern. Zunächst will die Firma in Gemeinschaftsbüroräumen in der Friedrichstraße unterkommen. In London verbleibt dann nur noch ein Verbindungsbüro. Ein halbes Dutzend Mitarbeiter wollen mitkommen nach Berlin. Zum Beispiel Julia Gleich. Seit fünf Jahren wohnt die 33-Jährige mit ihrem Ehemann in London. Trotzdem haben beide kein keine Hemmungen, in kürzester Zeit Stadt und Land zu wechseln.

Julia Gleich betreut den Brickvest-Stand bei der Fintech Week. Hier treffen sich die Fintech-Unternehmen, um über die Zukunft ihrer noch jungen Branche zu diskutieren und sich zu vernetzen. Natürlich ist der Brexit im noblen Tower Bridge Hotel, wo die Branchenmesse sich im Untergeschoss ausgebreitet hat, ein großes Thema – auch beim Lammgulasch zwischen den Vorträgen. Positiv beurteilt das Votum hier niemand, nur bei der Bewertung der Folgen gehen die Meinungen an den verschiedenen Stehtischen mit bunten Plakaten auseinander. „Ich vertraue der britischen Regierung, dass sie einen guten Deal aushandelt, der den Unternehmen einen Zugang zum europäischen Binnenmarkt erhält“, sagt eine italienische App-Anbieterin. Ein nordirisches Start-Up fürchtet, dass die Grenze zu Irland geschlossen werden könnte. Einige Unternehmer wollen sich gar nicht äußern.

Werbende Senatorin

Diejenigen, die Ihre Produkte in der EU verkaufen, machen sich die größten Sorgen. Die Ungewissheit darüber, wie es nach dem Brexit weitergehen soll, beschäftigt sie – zumal die Regierung noch nicht kommuniziert hat, wie sie sich die künftigen Beziehungen zur Europäischen Union vorstellt. „Die Regierung scheint zurzeit eher mit sich selbst beschäftigt zu sein“, sagt Thomas Schneider.

In der deutschen Hauptstadt gibt es diese politischen Unsicherheiten nicht. Berlins Wirtschaftssenatorin Cornelia Yzer besuchte am Sonntag die Fintech Week, um für den Standort zu werben. Bereits kurz nach der Brexit-Abstimmung hatte sie 500 Unternehmen einen Brief geschickt, in dem sie die Vorzüge der Hauptstadt pries. „Das Interesse an Berlin ist groß“ sagt die Senatorin. Fast jeden Tag habe sie seit der Brexit-Entscheidung Interviews in britischen Medien zum Standort Berlin gegeben. Dutzende Kontakte gab es zu abwanderungswilligen Unternehmen.

Brexit bringt "einmalige Chance" für Berlin

Yzer wirbt mit Förderprogrammen und der bereits etablierten Start-Up-Szene. Man könne inzwischen in der Hauptstadt auch sehr gut mit Englisch zurechtkommen, ein Vorteil gegenüber Paris. Um noch effektiver um die Unternehmen zu werben, eröffnet die Senatsverwaltung im September ein Kontaktbüro für Unternehmen, die bislang noch in London ansässig sind.

„Nach dem Brexit ist nun die einmalige Chance für andere europäische Städte da, Unternehmen in ihre Stadt zu locken“, sagt Schneider nach dem Gulasch. „Wer schlau ist, nutzt sie aus“. Auf der Internetseite seiner Firma stehen bereits drei Stellenangebote für den neuen Standort. Schneider will das Personal schnell aufstocken, einen eigenen Firmensitz aufbauen und bleiben, so lange die Standortfaktoren stimmen. Und wenn Berlin Probleme macht oder eine andere Stadt bessere Bedingungen für seine Firma bietet – die Kartons sind schnell gepackt. Das Kapital geht eben dahin, wo es die beste Rendite gibt. Im vergangenen Juni hat Hongkongs Handelsminister Gregory So Berlin besucht. Er wollte bei den Start-ups der Hauptstadt für den Standort Hongkong werben.