Der langgestreckte Eingeschosser fällt auf im Kreuzberger Straßenbild. Mit den neobarocken Schnörkeln auf der Fassade, dem prächtigen Eingangsbereich und den großen vergitterten Fenstern. Auch die Freiflächen rechts und links vom Haus an der Fontanepromenade 15, auf denen eine Schule und eine Kita etwas versetzt von der Straße stehen, wirken ungewohnt im Kiez am Südstern. Dort stehen üblicherweise vier- bis fünfgeschossige Mietshäuser dicht an dicht.

Das alte Haus, das seit sechs Jahren leer stand und in dem seit einigen Tagen Bauarbeiter tätig sind, ist kein gewöhnliches. Errichtet im Jahr 1906 als Verbandshaus der Fuhrwerks-Genossenschaft, wurde es ab 1950 als Gotteshaus genutzt. Die Mormonen-Gemeinde lud dorthin ein, bis sich die Gemeinde auflöste.

Doch die geschichtliche Bedeutung des Hauses entstand vorher: Von 1938 bis 1945 war dort die „Zentrale Dienststelle für Juden“ des Berliner Arbeitsamtes untergebracht, eine zivile Behörde, in der Menschen zur Zwangsarbeit und damit häufig zur Vernichtung ausgewählt wurden. Jüdische Männer und Frauen, denen das Betreten von Arbeitsamtsräumen untersagt war, mussten sich dort melden. Betroffene, über deren Schicksal letztlich die Gestapo entschied, sprachen von „Schikanepromenade“. Schätzungen gehen von bis zu 26.000 jüdischen Zwangsarbeitern in mehr als 230 Betrieben aus. An diese dunkle Geschichte erinnert seit drei Jahren eine zweisprachige Stele am Hauseingang.

Die Stele ist derzeit sorgsam verhüllt, auf einem Aushang ist zu lesen: „Umbau der früheren Sakralräume in Wohn- und Büroräume.“ Als Investor ist die Fontanepromenade 15 GbR angegeben. Das Unternehmen hatte das denkmalgeschützte Haus für knapp 800.000 Euro gekauft und baut jetzt aus. Die Initiative „Wem gehört Kreuzberg“ ist empört. „Wir halten es für einen Skandal, dass ein solch geschichtsträchtiger Ort der privaten Immobilienspekulation geopfert wird“, sagte ein Vertreter. Vielmehr sei es notwendig, dort einen Gedenkort zu installieren.

Im Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg hieß es, gegen einen Verkauf habe man wenig tun können. Man hoffe aber auf eine angemessene Nutzung. Die Eigentümerin war für eine Auskunft dazu nicht erreichbar. Es bleibt also auch offen, ob die Gedenkstele, die auf die dunkle Geschichte hinweist, bleibt.