In Berlin sind mehr als die Hälfte der vorgesehenen Lebensmittelkontrollen ausgefallen.
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BerlinJede zweite Lebensmittelkontrolle in Berlin fällt aus, weil die Bezirke zu wenig Personal für den Verbraucherschutz haben. Zu diesem Ergebnis kommt eine umfassende Datenrecherche des Vereins Foodwatch, die am Mittwoch in Berlin vorgestellt wurde.

Behörden in Berlin dramatisch unterbesetzt

Den Ergebnissen zufolge schafft es keiner der zwölf Bezirke, die vorgegebene Zahl von Kontrollen in Restaurants, Bäckereien, Kantinen sowie Industrie- und Fleischbetrieben einzuhalten. Die Lage ist verheerend: Sieben Bezirke führten nicht einmal die Hälfte der vorgeschriebenen Kontrollen aus, in Spandau war es nur gut ein Viertel. Der Bezirk schneidet am schlechtesten ab, dahinter folgen Charlottenburg-Wilmersdorf, Friedrichshain-Kreuzberg und Lichtenberg. Foodwatch nennt die Situation in der Hauptstadt „katastrophal“.

Zwar steht kein einziges Bundesland in diesem Ranking gut da, aber in Berlin und Bremen ist die Lage besonders erschreckend. Im Bundesdurchschnitt konnte jede dritte Kontrolle nicht durchgeführt werden.

Der Personalmangel in den Bezirken ist auch eine Folge des Spardiktats aus den Nullerjahren unter Klaus Wowereit. In Neukölln zum Beispiel bräuchte man doppelt so viel Personal, um die EU-Vorgaben erfüllen zu können. Die acht Lebensmittelkontrolleure schaffen 2500 Kontrollen im Jahr, doch zu tun gibt es viel mehr. Benötigt würden 15 Personen.

Turgut Altug, Sprecher für Verbraucherschutz in der Grünen-Fraktion, betont, dass man die Bezirke finanziell gestärkt habe: „In welchem Bereich das zusätzliche Personal vor Ort eingesetzt wird – im Ordnungsamt, im Jugendamt oder bei der Lebensmittelkontrolle – ist jedoch Entscheidung jedes einzelnen Bezirks.“

Foodwatch fordert Einführung eines Transparenzsystems

Mit mehr Personal allein ließen sich die Probleme in Berlin jedoch nicht lösen: Foodwatch forderte Verbraucherschutzsenator Dirk Behrendt (Grüne) auf, das von ihm angekündigte Transparenzsystem schnell einzuführen. Berlin plant aktuell ein Gesetz, das es ermöglicht, Verbraucher transparent über die Ergebnisse von amtlichen Lebensmittelkontrollen zu informieren. Es soll verpflichtend für alle kontrollierten Betriebe gelten. Die Informationen sollen auch im Netz abrufbar sein.

„Es ist uns wichtig, dass Verbraucher möglichst transparent informiert werden, was sie kaufen. Das steht außer Frage. Uns liegt viel daran, dass hier alle erforderlichen Maßnahmen getroffen werden“, sagte ein Sprecher der Verbraucherschutzverwaltung. Dazu gehörten aber auch Bezirke, die personell gut ausgestattet seien. Nach Angaben der Senatsverwaltung für Verbraucherschutz soll ein entsprechender Gesetzentwurf Anfang 2020 in die Ressortabstimmung gehen. „So ein Gesetz hätte auch vom Bund kommen können, nun machen wir es eben selbst“, sagte der Sprecher.

Auch andere Verbraucherschützer warten sehnlichst auf derartige Kennzeichnungen – und sind zugleich keineswegs überrascht über das schlechte Abschneiden Berlins. „Die Lebensmittelkontrolleure in Berlin sind seit Jahren nicht ausreichend ausgestattet, sowohl personell als auch technisch“, sagte Britta Schautz, die bei der Verbraucherzentrale Berlin für den Bereich Lebensmittel und Ernährung zuständig ist. Den Kontrolleuren fehlten teilweise zum Beispiel Tablet-Computer, mit denen sie die Ergebnisse zeitsparend direkt vor Ort eingeben können. Zugleich gebe es in Berlin aufgrund der hohen Gastronomiedichte besonders großen Prüfbedarf.

Wie gefährlich dieser Zustand für die Verbraucher ist, sei schwer zu sagen. „Es kommt darauf an, welche Mängel durch die fehlenden Kontrollen unaufgedeckt bleiben“, sagte Schautz. Wenn zum Beispiel ein lebensmittelverarbeitender Betrieb ohnehin schon schlecht arbeite und sich dadurch Keime wie Listerien oder Salmonellen in den Produkten ausbreiteten, könne es durchaus lebensbedrohlich sein, wenn die Kontrolle ausbleibt.

Keime vor allem für Kinder, Senioren und Kranke gefährlich

„Wenn dagegen in einer Bäckerei unentdeckt bleibt, dass der Teig nicht ordnungsgemäß abgedeckt wird, ist das in der Regel weniger gravierend“, so die Expertin. Generell seien Lebensmittel aber ein hochsensibler Bereich, in dem unbedingt auf Hygiene geachtet werden müsse. „Vor allem für Kinder, Senioren und Menschen mit geschwächtem Immunsystem können Keime im Essen schnell zum Problem werden“, sagt Schautz.

Nach Angaben des Bundesverbandes für Lebensmittelkontrolleure fehlen bundesweit etwa 1500 Lebensmittelkontrolleure. Die Verbandsvorsitzende Anja Tittes sieht jedoch auch die Hersteller in der Pflicht: „Die Verantwortung für die Lebensmittelsicherheit liegt bei den Herstellern.“ Die Betriebe hätten sicherzustellen, dass von ihren Produkten keine Gefahr ausgehe.