Herr Güllner, ein Jahr vor der Abgeordnetenhauswahl sagen 53 der Berliner, die SPD gewinnt. Ist die Sache schon gelaufen?

Nein, auf keinen Fall. Wahlen sind immer erst am Wahltag gelaufen! Aber durch den Bürgermeisterwechsel ist die Ausgangslage für die SPD deutlich besser und für die CDU eher schlechter geworden.

Die Berliner sind mit der großen Koalition zufriedener als noch vor einem Jahr. Hat Sie das überrascht?

Nein. Wir stellen generell fest, dass die Menschen eine größere Konsenserwartung an die Politik haben, als die Parteien unterstellen. Die Parteien meinen immer, sie müssten Streit provozieren und Profil zeigen. Die Leute wollen eher, dass sie sich zusammenraufen.

SPD und CDU streiten sich doch, siehe Ehe für alle. Und ungelöste Probleme gibt es zuhauf. Trotzdem steigt die Zufriedenheit?

Wenn SPD und CDU sich nicht streiten würden, stünde die große Koalition noch besser da.

Bleibt die Frage: Warum sind die Werte für Rot-Schwarz jetzt besser?

Hier zeigt sich die Fortsetzung des Müller-Bonus. Man wusste ja zunächst nicht, ob dieser Bonus nur ein gewisses Aufatmen nach dem Wowereit-Rücktritt war. Aber er scheint nachhaltig zu sein.

An der Person des Regierenden macht sich die Beliebtheit einer Koalition fest?

In gewisser Weise schon. Anders als Wowereit wirkt Müller nicht polarisierend. Er geht relativ nüchtern an die Kommunalpolitik heran. Im Moment entspricht das eher den Erwartungen als ein Holterdipolter-Stil.

Rot-Rot wünschen sich im Moment nur zehn Prozent der Berliner, selbst eine Dreierkonstellation ist beliebter. Warum?

In der letzten rot-roten Koalition sind die Linken nicht sonderlich aufgefallen. Die Frage, welche Konstellation die Leute sich wünschen, ist aber ohnehin zweitrangig. Auf lokaler Ebene spielen ideologische Konfliktlinien eine viel geringere Rolle als im Bund. Hauptsache, die regieren ordentlich.

Die SPD liegt weiter unter 30 Prozent, trotz der gestiegenen Werte für den Regierenden. Koppelt Müller sich von seiner Partei ab?

Mit Blick auf das nächste Jahr ist das die entscheidende Frage. Man darf gespannt sein, ob die SPD klug genug ist, sich hinter Michael Müller zu stellen.

Sollte die CDU sich lieber einen anderen Spitzenkandidaten suchen?

Ich könnte jetzt etwas oberflächlich sein und Ja sagen. Aber die Frage ist: Wen hat die CDU außer Frank Henkel?

Die Grünen wollen ein Spitzenteam in den Wahlkampf schicken. Wäre eine eindeutige Kandidatin besser?

In der Geschichte der Grünen haben Personen eigentlich nie eine Rolle gespielt. Selbst Joschka Fischer, der als Galionsfigur galt, wurde da überschätzt. Das Geheimnis der Grünen ist, dass sie eine Wertegemeinschaft sind. Ob sie eine Kandidatin, vier Kandidaten oder fünf Kandidaten aufstellen, ist eigentlich egal.

Das Gespräch führte Regine Zylka.