Die Zahl der Flüchtlinge, die nach Berlin kommen, steigt seit Monaten. Proteste wütender Bürger gegen die Einrichtung einer Asylbewerberunterkunft in Hellersdorf machten bundesweit Schlagzeilen. Exemplarisch für die Einwohner der Hauptstadt ist diese ablehnende Haltung aber nicht, wie eine Forsa-Umfrage im Auftrag der Berliner Zeitung ergab. Danach sind 38 Prozent der Befragten dafür, dass in Deutschland mehr Flüchtlinge aufgenommen werden. 53 Prozent meinen, dass der gegenwärtige Stand beibehalten werden sollte. Lediglich 19 Prozent der Berliner sagen, man sollte weniger Flüchtlinge aufnehmen.

Damit zeigen die Hauptstädter sich liberaler als die Bevölkerung im übrigen Bundesgebiet. In einer vergleichbaren Forsa-Umfrage für das Magazin Stern hatten Ende August deutschlandweit wesentlich mehr Menschen dafür plädiert, weniger Asylbewerber aufzunehmen, nämlich 32 Prozent. Nur elf Prozent meinten, Deutschland solle hier mehr Offenheit zeigen.

Zwischen Ost- und West-Berlinern gibt es kaum Unterschiede in der Haltung zu Flüchtlingen, wohl aber zwischen den Altersgruppen. Die 18- bis 29-Jährigen zeigen demnach weniger Aufnahmebereitschaft. 22 Prozent von ihnen sagen, dass Deutschland weniger Flüchtlinge als bisher unterbringen sollte, bei den über 60-Jährigen sind dies 18 Prozent. Das Bundesamt für Migration rechnet 2013 bundesweit mit 100.000 Asylsuchenden.

Kein Verständnis für Proteste

Angesichts des weltoffenen Selbstverständnisses der Berliner überrascht es nicht, dass die große Mehrheit der Befragten (65 Prozent) kein Verständnis für die Proteste und Demonstrationen gegen das Flüchtlingsheim in Hellersdorf hat. Nur 29 Prozent der Berliner können die Proteste nachvollziehen. In diesem Punkt zeigt sich aber ein deutlicher regionaler Unterschied. Während im Ostteil der Stadt 35 Prozent Verständnis für den Widerstand in der Bevölkerung äußern, sind es im Westteil nur 25 Prozent. Mit Abstand am meisten Verständnis äußerten die Anhänger der CDU: 46 Prozent von ihnen können die Proteste nachvollziehen. Für die repräsentative Erhebung befragte Forsa zwischen dem 17. und 26. September 1 003 Berliner.

Bis Juni hatten sich beim Berliner Landesamt für Gesundheit und Soziales rund neuntausend Flüchtlinge gemeldet. Sie bekamen eine Unterkunft in Berlin oder in anderen Bundesländern. Seit elf Monaten gibt es in der Hauptstadt aber auch ein illegales Flüchtlingscamp auf dem Kreuzberger Oranienplatz. Zwischen fünfzig und hundert Menschen leben dort in Zelten. Die Haltung der Berliner dazu ist gespalten: Jeweils 47 Prozent sprachen sich für beziehungsweise gegen eine Räumung aus. Berliner aus dem Ost-Teil wünschen sich eher, dass der Platz geräumt wird (52 Prozent). Die befragten West-Berliner, an Hausbesetzungen gewöhnt, sind offenbar lockerer und mehrheitlich gegen eine Räumung.

Es fällt zudem auf, dass Jüngere mehr Toleranz gegenüber dem Provisorium zeigen. Über 45-Jährige sind eher für die Auflösung des Camps, wie auch Anhänger von SPD und CDU. Anhänger der Grünen und der Linkspartei unterstützen den Fortbestand des illegalen Zeltlagers. Lösungen, wo man die Menschen unterbringen soll, gibt es bislang nicht. Im Senat steigt aber offenbar die Bereitschaft, sich um das Problem zu kümmern und dies nicht allein dem Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg zu überlassen. Entsprechend äußerte sich am Montag eine Sprecherin von Sozialsenator Mario Czaja (CDU).