Die Flüchtlingsfrage spaltet nun auch die Hauptstadt. Laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Forsa im Auftrag der Berliner Zeitung glaubt inzwischen jeder zweite Berliner, Deutschland sei mit der erwarteten Zahl von Flüchtlingen in diesem Jahr – gerechnet wird mit etwa einer Million Menschen – überfordert. Das sind sechs Prozentpunkte mehr als noch vor einem Monat. Tatsächlich ist die Mehrheit in dieser Frage inzwischen gekippt: Aktuell meinen nur noch 47 Prozent der Berliner Befragten, die Bundesrepublik könne die Aufnahme und Versorgung der Geflüchteten schaffen. Im September glaubte dies noch eine Mehrheit von 54 Prozent.

Berlin liegt im Trend

Berlin liegt damit im Trend der bundesweiten Umfragen. Allerdings scheint die Zuversicht, die Probleme bei Registrierung, Unterbringung und Integration Zehntausender zu bewältigen, in der größten deutschen Stadt doch weiter verbreitet zu sein als im Durchschnitt. Im Oktober hatte etwa das Umfrageinstitut YouGov festgestellt, dass 56 Prozent der Bundesbürger die Asylbewerberzahlen für zu hoch halten – zehn Punkte mehr als im Vormonat.

Forsa befragte telefonisch 1003 repräsentativ ausgewählte Berliner zwischen dem 19. und dem 29. Oktober. Im Ostteil der Stadt ist die Skepsis gegenüber der Aufnahmefähigkeit etwas höher (53 Prozent) als im Westen (48). Zudem ist unter Männern die Überzeugung, die Aufgabe sei zu schaffen, deutlich häufiger zu finden (55 Prozent) als unter Frauen (40). Auch sind Jüngere optimistischer als ältere Befragte: Von den über 60-Jährigen sehen 58 Prozent eine Überforderung, unter den 30- bis 44-Jährigen gibt es nur 43 Prozent Skeptiker.

78 Prozent der Berliner mit Hauptschulabschluss glauben an eine Überforderung

Besonders krass sind die Unterschiede, wenn das Bildungsniveau berücksichtigt wird. So glauben 78 Prozent der Berliner mit Hauptschulabschluss an eine Überforderung Deutschlands. Unter Hauptstädtern mit Abitur oder Studium sind es lediglich 38 Prozent, nicht einmal halb so viele. Auch unter Menschen mit mittlerem Schulabschluss ist eine klare Mehrheit von mehr als zwei Dritteln (70 Prozent) der Meinung, die Belastung sei zu hoch, während nur 29 Prozent das Gegenteil sagen.

Dabei gründet sich die Skepsis offenbar nicht auf schlechten Alltagserfahrungen: Mehr als 90 Prozent der Befragten geben an, entweder gar keine (47 Prozent) oder keine negativen Begegnungen (45) mit Geflüchteten zu haben. Gestört fühlten sich lediglich sieben Prozent der Berliner. In den politischen Lagern ist die Stimmung meist uneindeutig: Je etwa die Hälfte der Anhänger von CDU, SPD und Linken sieht eine Überforderung. Nur die Grünen zeigen mehrheitlich Zuversicht: Mit 77 Prozent glauben ihre Wähler am häufigsten daran, dass die Flüchtlingszahlen zu bewältigen sind.

Unterdessen bemüht sich der rot-schwarze Berliner Senat intensiv um die Ankommenden. Arbeits- und Integrationssenatorin Dilek Kolat (SPD) stellte am Montag ein Zehn-Punkte-Programm für die Arbeitsmarktintegration Geflüchteter vor. Eine Aufstockung von Landesmitteln soll sichern, dass vom ersten Tag an möglichst alle an Volkshochschulen Deutsch lernen. Zudem soll ein frühes „Profiling“ dazu führen, dass Qualifizierungen erkannt und ausgebaut werden. Dies sei eine Herkulesaufgabe, erklärte Kolat.

Sozialsenator Mario Czaja (CDU) sagte am Montag bei der Besichtigung einer neuen Unterkunft im Flughafen Tempelhof, ein Ende des Zustroms sei nicht absehbar. Flüchtlinge am Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lageso) werden seit Montag von Charité-Ärzten versorgt. Die Kosten trägt das Land Berlin.