Die Jugend Berlins stört sich kaum am Kopftuch oder anderen religiösen Symbolen, sogar im Staatsdienst – ganz im Gegensatz zu den Älteren. Ein so klar nach Altersgruppen differenziertes Ergebnis gibt es selten bei einer Umfrage, wie sie jetzt das Meinungsforschungsinstitut Forsa für die Berliner Zeitung durchgeführt hat: Unter jungen Leuten haben 80 Prozent, also vier von fünf, kein Problem damit, wenn eine muslimische Lehrerin ein Kopftuch trägt. Unter Älteren lehnen dies 70 Prozent ab. Ebenso wie bei der jüngsten CDU-Mitgliederbefragung, in der sich vor allem die älteren Christdemokraten gegen die Homo-Ehe aussprachen, könnte man also sagen: Das wächst sich raus.

Doch bis zu einer möglichen Änderung des Berliner Neutralitätsgesetzes mit seinem strikten Verbot aller religiösen Symbole im Staatsdienst dürfte es noch harte Debatten geben. Denn über alle Parteipräferenzen und Konfessionen hinweg äußern sich die Berliner gespalten zum Thema Kopftuch und Glaubensfreiheit im Staatsdienst.

So finden etwa Katholiken, selbst eine Minderheit in Berlin, das Kopftuch bei Lehrerinnen zu überdurchschnittlichen 58 Prozent in Ordnung, während Protestanten (mit 45 Prozent) und Konfessionslose (48) weniger Toleranz zeigen. Auch sind die Mehrheiten unter CDU-Anhängern (61 Prozent gegen das Kopftuch in der Schule) oder unter Grünen-Wählern (58 Prozent dafür) jeweils nicht so groß, dass die jeweilige Gegenmeinung keine Rolle mehr spielt.

Derzeit lässt Innensenator Frank Henkel (CDU) die Verfassungstauglichkeit des Neutralitätsgesetzes prüfen, nachdem das Bundesverfassungsgericht Anfang des Jahres ein pauschales Kopftuchverbot für Lehrerinnen aufgehoben hatte. Der Wissenschaftliche Parlamentsdienst des Abgeordnetenhauses hatte im Auftrag der SPD-Fraktionsspitze ein Gutachten geschrieben, in dem die Änderung der Berliner Regelung empfohlen wird: Ein allgemeines Verbot religiöser Symbole im Schuldienst sei im Lichte der neuen Karlsruher Entscheidung „nicht zulässig“.

Für eine Änderung spricht sich der SPD-Fraktionschef Raed Saleh aus, eher dagegen sind Integrationssenatorin Dilek Kolat und Schulsenatorin Sandra Scheeres (beide SPD). Eine Entscheidung im Senat wird erst nach der Sommerpause erwartet. Manche, etwa der SPD-Abgeordnete Erol Özkaraca, wollen es lieber auf Klagen ankommen lassen als das Gesetz zu ändern. Ob es dazu kommen würde, ist offen. Derzeit wollen nur drei Referendarinnen mit Kopftuch Lehrerin werden – was sie an einer Berufsschule oder bei einem freien Träger auch problemlos sein könnten.

Von den Hauptstädtern ist laut amtlicher Statistik jeder fünfte (19 Prozent) evangelisch, knapp jeder zehnte (neun Prozent) katholisch – und nur ein paar weniger muslimisch (acht Prozent). Die große Mehrheit, 63 Prozent, ist konfessionslos oder gehört einer anderen Glaubensrichtung an. Dennoch sind christliche Symbole auch unter den multireligiös-toleranten Berlinern häufiger akzeptiert als muslimische: So sagen genau zwei Drittel (66 Prozent) der Hauptstädter, ein sichtbares Kreuz sei für eine Lehrkraft in Ordnung – beim Kopftuch finden das aber lediglich 50 Prozent. Umgekehrt lehnen nur 31 Prozent der Befragten ein großes Kreuz als religiöses Zeichen ab – während insgesamt 46 Prozent kein Kopftuch im Schuldienst wollen.

Dabei sehen wiederum zwei Drittel der Berliner (67 Prozent) das Kopftuch vor allem als religiöses Symbol – ein Zeichen des politischen Islam erkennt darin insgesamt nur jeder Fünfte.