Eigentlich ist das Schicksal des Flughafens Tegel besiegelt: Wenn der Hauptstadtflughafen BER eines Tages eröffnet – 2018 oder 2019  könnte es so weit sein – soll Tegel kurz darauf schließen. Auf dem alten Flughafen sollen Unternehmen angesiedelt werden, Teile der Beuth-Hochschule sollen ins Terminal ziehen, am Rand des Geländes könnten Tausende Wohnungen gebaut werden.

Doch angesichts der massiven Probleme an der BER-Baustelle gibt es offenbar große Unterstützung für den Vorschlag, den alten Flughafen offenzuhalten. In einer aktuellen Umfrage, die das Meinungsforschungsinstitut Forsa im Auftrag der Berliner Zeitung durchgeführt hat, sprechen sich 73 Prozent der Befragten dafür aus, Tegel als zweiten Flughafen weiter zu nutzen. Nur 24 Prozent sprechen sich  gegen einen Weiterbetrieb aus, 3 Prozent sind unentschieden.

Ist ein Weiterbetrieb möglich?

Die hohe Zustimmung ist überraschend. Die von der FDP unterstützte Volksinitiative für die Offenhaltung Tegels sammelt seit November Unterschriften für ihr Anliegen, doch die Resonanz ist bislang zurückhaltend. 174.000 Unterzeichner braucht die Initiative für ein Volksbegehren, bis Anfang voriger Woche kamen erst 85.000 zusammen, deren Gültigkeit nun geprüft wird.

Es ist auch umstritten, ob der Weiterbetrieb rechtlich möglich wäre. Im Planfeststellungsbeschluss für den BER ist festgehalten, dass Tegel ein halbes Jahr nach der Eröffnung des neuen Flughafens schließen muss. Zwar gibt es Juristen, die meinen, dass sich dieser Beschluss ändern ließe. Andere Experten stehen auf dem Standpunkt, dass für den Weiterbetrieb Tegels ein neues Planfeststellungsverfahren nötig wäre. Das wäre vermutlich mit so hohen Auflagen für den Lärmschutz verbunden, dass die Offenhaltung praktisch unmöglich wäre. Trotz dieser Bedenken sprechen sich neben der FDP die AfD und seit Kurzem auch die CDU für den Weiterbetrieb Tegels aus. Zudem unterstützt die Flughafengesellschaft Ryanair die Kampagne, während die Lufthansa die Schließung Tegels empfiehlt.

Jenseits der Tegel-Debatte ist seit der erneuten Verschiebung der BER-Eröffnung offenbar das Misstrauen gewachsen gegen die Flughafenpolitik der drei BER-Gesellschafter – neben Berlin sind auch Brandenburg und der Bund an dem Vorhaben beteiligt.  Im Januar hatte Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) erklärt, dass eine Eröffnung des BER in diesem Jahr nicht mehr möglich ist. Technische Probleme, vor allem  mit der Sprinkleranlage und der elektronischen Steuerung der Türen,  hatten die bisherige Planung obsolet gemacht. Die Flughafen-Geschäftsführung soll in diesem Frühjahr einen neuen Terminplan vorlegen.

Dass diese Eröffnung wie von Müller  in Aussicht gestellt im nächsten Jahr stattfinden wird, glaubt aber nur eine Minderheit der Befragten. Lediglich 18 Prozent schenken solchen Ankündigungen Glauben.   48 Prozent glauben zwar daran, dass der BER eines Tages fertiggestellt wird,  aber nicht daran, dass es im nächsten Jahr so weit ist. 28 Prozent der Befragten haben resigniert und die Hoffnung auf eine Eröffnung des BER aufgegeben.

Kritische Sicht auf Müller

Auch das Engagement von Michael Müller für den BER bewerten viele der Befragten kritisch. Erst kürzlich  wurde er in seinem Amt als Aufsichtsratsvorsitzender der Flughafengesellschaft bestätigt. Doch er sollte in seiner Doppelfunktion mehr tun, finden die Teilnehmer. Nur 20 Prozent halten Müllers Engagement für ausreichend. 50 Prozent finden, dass er aktiver sein sollte. Ein relativ hoher Anteil von 30 Prozent hat zu dieser Frage keine Meinung.

Dass die Berliner wieder kritischer auf den Flughafen schauen, zeigt auch die Frage nach den größten Problemen der Stadt, die Forsa jeden Monat stellt. 17 Prozent der Befragten zählen den BER dazu, das sind doppelt so viele wie noch im Dezember. Vorne in der Liste  der Probleme  liegen die Integration (28 Prozent), die Wohnungsnot (26) und Verkehrsprobleme (25).

Forsa befragte für die Studie 1004 Berliner per Telefon. Die Umfrage fand zwischen dem 13. und dem 23. Februar statt.