Berlin - Klaus Wowereits Ansehen bei den Berlinern hat massiv gelitten. Hintere Plätze in der Beliebtheitsskala zeigen dies schon länger, neuer Tiefpunkt im Januar ist der drittletzte Rang für den Regierenden Bürgermeister. Hinter ihm stehen nur noch zwei Piraten-Politiker, wie eine aktuelle repräsentative Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Forsa im Auftrag der Berliner Zeitung ergibt. Forsa befragte zwischen dem 21. und dem 30. Januar 1007 Berliner.

Erstmals seit der vergangenen Wahl gibt es genaue Erkenntnisse darüber, was die Hauptstädter über ihren Regierungschef denken. Das Urteil fällt – im Vergleich zu einem halben Jahr vor der Abgeordnetenhauswahl im Frühjahr 2011 – desaströs aus: In fast allen positiv besetzten Zuschreibungen sind Wowereits Werte gesunken, und zwar teils dramatisch.

So finden ihn nur noch 60 Prozent der Menschen sympathisch (statt vorher 73 Prozent), nur noch 47 Prozent halten ihn für kompetent (statt 64), nur noch 29 Prozent würden von dem Sozialdemokraten sagen, er stehe auf der Seite der "kleinen Leute" (statt 44). Den stärksten Einbruch muss der Senatschef bei der Glaubwürdigkeit hinnehmen, in der Politik ein zentrales Kriterium. Nur noch ein Drittel der Berlinerinnen und Berliner (32 Prozent) halten den Regierenden Bürgermeister für glaubwürdig; im April 2011 waren es mit fast 60 Prozent fast doppelt so viele.

Zugelegt hat Wowereit lediglich bei negativen Zuschreibungen wie "launisch" und "sprunghaft". Die Sozialdemokraten stehen allerdings zu ihrem Regierungschef, unter SPD-Anhängern ist die Beurteilung fast durchweg positiv – im Gegensatz zu den Christdemokraten, der Partei des Koalitionspartners. Nur ein Drittel der CDU-Anhänger hält Wowereit zum Beispiel für kompetent, für glaubwürdig nicht einmal jeder Vierte. Ähnlich kritisch sehen den Regierungschef nur die Piraten.

Dass es eine Nachfolgedebatte gab und gibt, ist angesichts dieser Wowereit-Werte und der Tatsache, dass die Berliner die Flughafenfrage nach wie vor als wichtigstes Thema der Hauptstadt einstufen, fast zwingend. Unter den derzeit diskutierten SPD-Nachfolgekandidaten geht der beliebteste Politiker Berlins, Finanzsenator Ulrich Nußbaum (parteilos, für SPD), als klarer Favorit hervor. 46 Prozent würden sich für ihn entscheiden. Dass er mangels Parteibuch niemals Spitzenkandidat werden wird, solange es ambitionierte SPD-Politiker gibt, stört die Berliner nicht.

Hinter Nußbaum wird am ehesten Ex-Parteichef und Stadtentwicklungssenator Michael Müller das Amt des Regierenden Bürgermeisters zugetraut (30 Prozent). Der Parteivorsitzende Jan Stöß (23 Prozent) landet auf dem dritten Platz, kurz vor Arbeitssenatorin Dilek Kolat und Fraktionschef Raed Saleh (beide 20 Prozent). Wie schwach die Werte sind, zeigt der Vergleich mit Wolfgang Thierse, der in Berlin kein Amt inne hat und außerhalb jeder Konkurrenz um die Wowereit-Nachfolge steht. Ihn würden dennoch 40 Prozent der Befragten bevorzugen.

Zwar hat sich das Ansehen des Senats nach dem letzten Tiefpunkt im November etwas erholt, statt 30 sagen jetzt 35 Prozent, dass sie mit der Arbeit der Koalition zufrieden sind. Doch das ist ein vergleichsweise niedriger Wert. Wie gering der Rückhalt von Rot-Schwarz in der Bevölkerung ist, zeigt sich daran, dass die Mehrheit eine andere Regierung will. Neuwahlen wünschen sich 30 Prozent der Befragten, eine andere Koalition im Abgeordnetenhaus (ohne Neuwahlen) immerhin noch 25 Prozent.

Dieser Mehrheit von insgesamt 55 Prozent stehen 38 Prozent gegenüber, die Rot-Schwarz weiter an der Regierung sehen wollen. Unter Anhängern von SPD und CDU findet sich jeweils eine Mehrheit fürs Weitermachen, die Grünen wollen eher Rot-Grün statt Neuwahlen, die Linken vor allem kein Weiter-so. Die Piraten sprechen sich mehrheitlich für Neuwahlen aus.

Auffällig verschoben hat sich insgesamt die Perspektive: Erstmals seit der Wahl sind mehr Befragte (38 Prozent) mit der CDU zufrieden als mit der SPD (35).

Bei der Sonntagsfrage fürs Berliner Abgeordnetenhaus ergibt sich im Januar ein Unentschieden unter gleich drei Parteien. Die Grünen liegen inzwischen gleichauf mit der SPD und der CDU. Dabei ist auffällig, wie wenig es der CDU gelingt, ihr Potenzial auszuschöpfen. 31 Prozent würden bei einer Bundestagswahl die CDU wählen, fünf Prozentpunkte mehr als im Land. Die SPD hingegen wird wohl vom Bundestrend heruntergezogen.