Berlin - Die Rohrpost war 21 Kilometer lang. Sie verband die 150 Kassen in der Friedrichstraßen-Passage mit der Zentralkasse im Erdgeschoss. Zusätzlich gab es in dem monumentalen Haus in Mitte eine eigene Paketanlage für den Versand von Waren. Legendär ist auch die Kuppel – 48 Meter hoch, 28 Meter im Durchmesser. Es war seinerzeit die weltgrößte Kuppel aus Stahlbeton und Glas.

Einen Eindruck dieses gigantischen Hauses, das die Friedrichstraße und die Oranienburger Straße miteinander verband und von dem nur noch das Tacheles übrig ist, vermittelt eine Fotoausstellung, die das Deutsche Technikmuseum seit Oktober 2016 in seiner Fotogalerie zeigt. Es seien Schätze aus dem historischen Archiv, die erstmals gezeigt werden, sagt Museums-Chef Dirk Böndel.

Die Passagen-Fotos stammen vom Berliner Fotografen Franz Kullrich (1864–1917). Er hat sie kurz nach der Eröffnung des Kaufhauses 1908 aufgenommen. Sieht man Kullrichs Fotos, fühlt man sich sofort wie in der Galleria Vittorio Emanuele in Mailand oder in der Galleria Umberto in Neapel, die aber Jahrzehnte zuvor errichtet wurden. Berlin wuchs mit Beginn des 20. Jahrhunderts rasant und war auf dem Weg zur größten Industriemetropole Europas. „Die Friedrichstraße war das Einkaufszentrum der Stadt. Mit der Passage und ihrer Funktionalität wollte man den weltstädtischen Ansprüchen gerecht werden“, sagt Justine Cherniak, die Kuratorin der Ausstellung.

Möbelfabrikant Otto Markiewicz und sein Architekt, der Kaiserliche Baurat Franz Ahrens, haben 1908 die Tradition der großen Passagen aufgegriffen, die als Wahrzeichen moderner Städte galten. In Italien sind sie noch heute vor allem bei Stadttouristen beliebt. In Berlin erinnern jedoch nur Kullrichs Fotos an die Pracht des Konsumtempels. Er hat die kostbaren Fußböden festgehalten, er zeigt, dass Palmen unter der Glaskuppel einen Hauch von Exotik nach Berlin brachten.

Doch der Shopping-Traum zerplatzte kurz nach der Eröffnung, die Gesellschaft ging pleite. Wolf Wertheim wurde im Frühjahr 1909 neuer Mieter und betrieb die Passage bis 1914. Nach einer weiteren Pleite wurde sie zwangsversteigert.

Besetzung im Februar 1990

Mit der Entwicklung von elektrischen Geräten auch für Privathaushalte wurde der Komplex für AEG interessant, der Konzern richtete ab 1928 Ausstellungs- und Verkaufsräume ein. Kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges wurde die Passage fast vollständig zerstört und ab 1980 abgerissen. Als die Mauer fiel, stand nur noch ein Flügel an der Oranienburger Straße. Um dieses Haus vor der Sprengung zu retten, besetzten Künstler im Februar 1990 das Gebäude und machten daraus das Kunsthaus Tacheles. Dokumentiert hat diesen Abschnitt der Berliner Fotograf Andreas Rost.

An die wechselvolle Geschichte der Friedrichstraßen-Passage wollen die neuen Eigentümer der Firma Perella Weinberg (pwr) anknüpfen. Sie planen, die Shopping-Tradition mit einer neuen Passage, die nicht überdacht wird, wiederzubeleben mit Läden, Boutiquen und Gaststätten. Bis 2019/20 soll am Tacheles ein neues Viertel entstehen. Ein Hotel mit 130 Zimmern gehört dazu, auch Büros und 360 Wohnungen.

Vom Kaufhaus zum Tacheles

Fotografien der Friedrichstraßen-Passage

Ausstellung bis 04. 04. 2017

Deutsches Technikmuseum, Trebbiner Straße 9

Di–Fr 9–17.30

Sa, So 10–18 Uhr