Eine Sache war klar: Das Leben von Abertausenden Menschen kann man nicht mit ein paar Fotos erfassen. Und doch sollte es im Schloss Biesdorf eine Fotoausstellung zum 40. Jubiläum von Marzahn-Hellersdorf geben. Dafür arbeitete die dortige Chefin Karin Scheel mit der berühmten Ostkreuzschule für Fotografie in Weißensee zusammen. Den 20 jungen Leuten, die mitmachten, stellte sie eine einfach Aufgabe: „Fahrt dort hin und schaut, was ihr seht und was euch berührt.“

Nun zeigen die Bilder zum Beispiel eine spielende Katze oder trocknende Wäsche oder einen Pfeiler der Seilbahn in den Gärten der Welt. Kleine Dinge, die viel über das große Ganze erzählen und die bald in der Ausstellung „Fernwärme“ im Schloss Biesdorf gezeigt werden.

Eine Fotoausstellung ohne Imagefotos oder Klischees

Die Idee für eine Ausstellung zum 40. Jubiläum des jüngsten Berliner Bezirks entstand vor einem Jahr, erzählt Karin Scheel. Der Titel „Fernwärme“ sei einerseits eine Anspielung auf die ersten Bewohner der Plattenbauten, die sich über die modernen Heizungen freuten. „Andererseits verstehen wir den Titel als Wortspiel: Etwas Unbekanntes, das aber gleichzeitig freundlich und warm ist.“

Das offene Konzept sei entscheidend für einen unvoreingenommenen Blick der Fotografen auf Marzahn-Hellersdorf gewesen. Scheel ging es weder um Imagefotos noch darum, klischeebehaftete Elendsgeschichten zu erzählen. Mehr als 100 Fotos werden in der Ausstellung hängen, die ab 16. Februar zu sehen ist. Sie zeigen Menschen, Tiere, Natur und Architektur, erforschen die Romantik im Alltäglichen oder erzählen kleine Geschichten.

Vom plötzlichen Erwachsenwerden

Einige der Künstler haben den Bezirk noch nie zuvor betreten, so wie die Zehlendorferin Tamara Eckhardt. Für ihre Serie „vom plötzlichen Erwachsenwerden“ suchte die 23-Jährige mit Hilfe eines Müttertreffs junge Mütter. „Mich hat schon immer fasziniert, wie man es schafft, ein Kind großzuziehen, wenn man selbst fast noch eines ist“, sagt sie. Sie nahm sich viel Zeit, um ihre Protagonistinnen kennenzulernen, traf sich mehrmals mit ihnen.

Das Bild der 20-jährigen Pia entstand bereits beim ersten Treffen. „Wir saßen im Wohnzimmer und plötzlich war da dieses tolle Licht, die Katze saß ganz zufällig am Fenster“, sagt Tamara Eckhardt. Ihre Fotos zeigen in idyllischer Bildsprache und warmen Farben die Liebe zwischen Mutter und Kind. „Es war mir wichtig, den Fokus nicht auf Probleme zu richten, sondern auf diese liebevolle Beziehung.“ Auf Stillleben aus dem Haushalt deutet sie die Herausforderungen des Elterndaseins sanft an. Aber sie arbeitet auch mit Texten: Jede Mutter hat einen Brief darüber geschrieben, was sie sich für ihre Zukunft mit ihrem Kind wünscht.

Vom Box-Club auf die Straßen von Marzahn

Robert Gemming hatte eigentlich vor, den Boxclub Eintracht Berlin zu porträtieren. Acht Wochen lang fuhr er regelmäßig in die Trainingshalle am Blumberger Damm, aus Neugier nahm er immer wieder unterschiedliche Anfahrtswege. „Irgendwann ist mir aufgefallen: Ich fotografiere auf dem Weg dorthin mehr als im Boxclub“, sagt der 37-Jährige. Er verabschiedete sich von den Boxern und wanderte fortan monatelang durch Marzahn-Hellersdorf. 

„Ich glaube, ich habe zwei Paar Schuhe durchgelaufen“, sagt Gemming. Er habe sich dort sehr wohl gefühlt: „Marzahn ist ein weitläufiger, grüner und friedlicher Ort.“ Besonders faszinierte ihn die Architektur. So entstand die Serie mit dem Titel „hier/irgendwo/dazwischen“ – sie zeigt die architektonischen Kontraste vom Plattenbau über das Einfamilienhaus mit Vorgarten hin zu einer Metallstütze der Seilbahn in den Gärten der Welt. 

„Mich faszinieren grafische Elemente und merkwürdiges, auffälliges Licht“, sagt Gemming. Das Bild, bei dem die Fenster eines Hochhauses auf die gegenüberliegende Häuserwand reflektieren, verbindet beide Aspekte. „Es entstand an einem Abend im Mai oder Juni, ich hatte ein Zeitfenster von nur etwa 20 Minuten – danach war das mystische Licht auch schon wieder vorbei.“

„Handzahm“: Die Haustiere von Marzahn-Hellersdorf

Auf der Suche nach einem geeigneten Thema ging Natalia Kepesz viel im Bezirk spazieren. Dabei bemerkt sie, dass auf den Straßen und in den Parks auffallend wenig los war. „Die einzigen Menschen, die ich getroffen habe, waren Hundebesitzer beim Gassi gehen“, sagt die 35-Jährige. Sie fand heraus, dass die meisten Berliner Hunde in Marzahn-Hellersdorf leben. So kam sie auf die Idee, die Haustiere im Bezirk zu fotografieren.

Für ihre Serie „handzahm“ lichtete sie Hunde, Katzen, Meerschweine, Ratten, Pferde ab – und sogar Zierfische. Ihre Bilder drehen sich um die Interaktion zwischen Mensch und Tier. „Es hat mich fasziniert, welche Rolle die Tiere für ihre Besitzer einnehmen“, sagt die gebürtige Polin. Die junge Mutter, die sie mit Kind und Hund auf dem Balkon abgelichtet hat, besitze auch ein Pferd. „Für sie waren die Tiere vollwertige Familienmitglieder, nach denen manchmal auch ein Tagesablauf ausgerichtet wurde“, erzählt sie.

Dass so viele Tiere in den Hochhäusern leben, habe sie zuerst überrascht, doch die vielen Grünflächen im Bezirk seien für Hunde optimal. „Vielleicht hat es auch mit einer gewissen Anonymität in den großen Häusern zu tun, wo Menschen sich einsam fühlen und die Leere mit einem Haustier füllen.“

Die jungen Leute aus Marzahn-Hellersdorf

Mit klarem Konzept näherte sich Stefan Weger dem Thema. Er recherchierte im Internet und fand heraus, dass besonders junge Erwachsene zwischen 18 und 25 Jahren wegziehen. Seine Serie „Vom Kommen, Bleiben und Gehen“ ist dieser Altersgruppe gewidmet. Über Instagram nahm der 32-Jährige Kontakt zu jungen Marzahnern auf und fotografierte sie nahe ihrer Wohnung oder an Orten mit besonderer Bedeutung.

Das Bild von Alenka, Sabrina und Angelina entstand vor einem Teich am Kienberg – in der Nähe eines Tanzstudios, wo sich die drei Frauen kennengelernt haben. Weger wählte bewusst eine analoge Großformat-Kamera: „Die Bilder strahlen eine große Würde aus.“ Er habe die Menschen nicht bloßstellen oder ihre Lebensumstände problematisieren, sondern sie mit Stolz und starker Präsenz zeigen wollen. „Dazu passt auch das Puristische und Reduzierte der Schwarz-weiß-Fotografien.“

Als Neuköllner habe er nicht erwartet, dass es in Berlin solch ruhige Orte gebe. „Man befindet sich an einer Hauptverkehrsstraße, geht um zwei Ecken und steht plötzlich an einem Teich im idyllischen Grün.“ Er war sehr positiv überrascht von den Reaktionen der Leute. Andernorts sorgt die Kamera oft für genervte Blicke und Kommentare. Die Marzahner seien ihm immer mit Interesse und Offenheit begegnet.

In der Ferne eine neue Heimat aufbauen

Mit der Sehnsucht nach Gemeinschaft setzt sich Ekaterina Zershchikova in der Serie „Neue Heimat“ auseinander. Dafür nahm die 38-Jährige, die aus Russland stammt, Kontakt zur russischen Community im Bezirk auf und fotografierte in der russisch-orthodoxen Gemeinde und bei Familienfeiern.

Die Nationalität ist für sie austauschbar. „Es geht um die eigene Identität, wie man Traditionen pflegt und sich in der Ferne eine neue Heimat aufbaut.“ Zershchikova lebt in Prenzlauer Berg, auch sie war vorher nie in Marzahn-Hellersdorf. „Auch bei mir sind in der Community Heimatgefühle aufgekommen.“

Das Bild des tanzenden Paares nahm Zershchikova bei einer Hochzeit auf, es zeigt die Mutter der Braut. „Sie war den ganzen Abends so leidenschaftlich und ausgelassen.“

Vernissage der Ausstellung zum 40. Jubiläum von Marzahn-Hellersdorf, 16. Februar, 18 Uhr. Die Ausstellung läuft bis 29. März im Schloss Biesdorf (Alt-Biesdorf 55). Der Eintritt ist frei.