Eine ordentliche Wohnung steht für einen aufgeräumten Geist. Genau das gilt für Berlin nicht. Hier wird eher nach dem Chaos- und Zufallsprinzip gelebt, gewohnt und gebaut. Dass an diesem Hauptstadt-Klischee mehr dran ist, als dem Ur-Berliner lieb sein kann, beweist ein einfacher Blick auf das Stadtbild.

Pompöse Prachtbauten hier, minimalistische Zweckbauten dort. Dazwischen betonen zahllose Baulücken schonungslos die ästhetischen Widersprüche. Das fordert den Sinn nach Ordnung und Harmonie rücksichtslos heraus. Urlaub fürs angestrengte Auge bieten die im ganzen Stadtgebiet verstreuten Hochhäuser und Plattenbauten. Klare Linien, klare Formen. Wenig hübsch, aber erholsam.

Eigentlich sehen die detailarmen Klotze einander unspektakulär ähnlich. Schaut man aber genauer hin, identifiziert man Unterschiede zwischen ihnen. In seiner Fotoserie „Stacked“ porträtiert der gebürtige Berliner Malte Brandenburg diese Hochhäuser, die in der deutschen Hauptstadt nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden sind. Zu einer Zeit, in der radikal kostengünstige vertikale Verdichtung statt horizontaler Ausdehnung die Stadtplanung bestimmten.

Erst mit den Folgejahren entwickelten sich die architektonischen Zukunftsvisionen zu Problembezirken mit sozialen Brennpunkten. Brandenburgs Fotografie ist daher und ganz besonders auch als sozialer Kommentar zu den monolithischen Berliner Nachkriegsbauten zu verstehen. Wir haben mit dem Künstler über sein Fotoprojekt gesprochen:

Herr Brandenburg, woher kommt die Faszination für Hochhäuser, haben Sie selbst schon einmal darin gewohnt?

Nein, noch nie, ich bin jedoch in der Nähe der Gropiusstadt aufgewachsen und habe dort als Kind den größten Teil meiner Freizeit verbracht. Obwohl die Umgebung und Atmosphäre dort schon ziemlich einzigartig und eigenwillig waren, hat mich das früher erst einmal nicht so sehr beeinflusst, jedenfalls nicht bewusst.

Sie leben jetzt in Kopenhagen. Hat die Distanz zu Berlin Ihren Blick auf das hiesige Stadtbild irgendwie verändert?

Kopenhagen hat natürlich auch Hochhäuser, aber das Stadtbild ist ein ganz anderes. Ich denke dadurch hat sich mein Blick auf Berlin verändert und die Berliner Nachkriegsbauten wurden für mich zu etwas Besonderem, sowohl visuell als auch historisch.

Die Häuser sind auf den Fotos nur einzeln zu sehen. Warum haben Sie die Gebäude von ihrer Umgebung isoliert?

Die Gebäude und ihre Geschichte sind der alleinige Gegenstand dieses Projekts. Andere Objekte oder gar Menschen im Bild hätte ich als störend empfunden. Sie würden das Bild nur verkomplizieren und visuell mag ich es gerne einfach.

Wie aufwändig war es, diese Perspektive technisch umzusetzen?

Das war recht aufwendig, jedoch nicht unbedingt aus technischer Sicht. Ich musste viel Recherche betreiben, um freistehende Gebäude zu finden und dann vor Ort zu Fuß den besten Winkel auszumachen.

Der Bildhintergrund ist immer einfarbig und über alle Bilder hinweg nahezu identisch. Das nimmt den Fotos eine gewisse optische Tiefe, die Gebäude wirken „plakatisiert“. Auffällig ist auch, dass Sie nur Häuser ohne Graffitti ausgesucht haben. Alles wirkt sehr puristisch. Hat dieser Minimalismus einen besonderen Grund?

Das hat auf der einen Seite technische Gründe, der flache Hintergrund gibt dem Gebäude als eigentlichem Motiv mehr Schärfe und Aufmerksamkeit. Auf der anderen Seite finde ich Minimalismus, vor allem bei diesen Hochhaus-Motiven, rein ästhetisch sehr ansprechend. Das Foto drängt sich dadurch nicht so in den Vordergrund. Graffitti-Kunst kann ich persönlich gut leiden, hier passte sie jedoch nicht ins Bild, da ich die Gebäude gerne in ihrer ursprünglichen Form zeigen wollte.

Um - ironischerweise - die Individualität von anonymen Wohnblocks, die für sich genommen eben alles andere als individuell sind, herauszuarbeiten?

Ja, ich wollte hier etwas mit den gedanklichen Konventionen spielen. Ein weiterer Ansatz war, Spuren des menschlichen Individuums anzudeuten. Auf vielen Bildern kann man bei genauerem Hinschauen Sonnenschirme, Gardinen, Topfpflanzen und andere Hinweise auf die Bewohner ausmachen.

Worauf sich dann auch der Titel Ihrer Fotoserie bezieht, „Stacked“ im Sinne von „übereinander gestapelt“?

„Stacked“ erklärt sich tatsächlich aus diesem Wohnkonzept. Hier werden Menschen ihrer Individualität beraubt und zweckmäßig gestapelt, was sich zunächst unmenschlich anhört, jedoch ursprünglich als Fortschritt gesehen wurde. Heute gehen die Meinungen dazu auseinander, sind diesem Wohnkonzept mitunter direkt entgegengesetzt. Ich finde diesen historischen Kontext sehr interessant und wollte ihn in meiner Arbeit reflektieren.

Schaut man sich heutige Wohnkonzepte an, entblößt die Motivauswahl den vergangenen Traum einer architektonischen Zukunft, in der Wohnen fremdbestimmt, anyonym und deindividualisiert bleiben sollte, als geradezu museal. Ist das ein bewusster Fingerzeig oder eine Aufforderung an die aktuelle Stadtplanung?

Gewissermassen beides. Ich wollte zeigen, dass sich eine ehemals fortschrittliche und revolutionäre Idee innerhalb von einigen Jahrzehnten in das genaue Gegenteil verwandelt, da der Faktor Mensch unterschätzt wurde. Ich behaupte mal, dass auch heute noch viele Wohnungs- und Städtebauprojekte den Menschen mit seinen Bedürfnissen nur unzureichendeinplanen.

Als Konsumenten können wir heutzutage über die kleinsten Produktdetails entscheiden. Aber bei so einem wichtigen Gut wie Wohnen, werden häufig immer noch vorgefertigte und wenig flexible Lösungen angewandt, die dann Jahre später wieder zu neuen Problemen führen.

Von allen Hochhäusern kommen Plattenbauten oft am schlechtesten weg. Für viele sind sie absolute Wohlfühl-Killer. Was glauben Sie: Warum kann man die Platte trotz allem lieben?

Ich glaube viele Berliner bauen im Laufe der Zeit eine recht innige Bindung zu ihrem Kiez auf. Dazu gehören eben auch die örtlichen Charakteristika, zu denen ich auch die Plattenbauten zähle. Das ist ein bisschen wie der schrullige Freund, den man seit der Schule kennt. Rein objektiv kann man ihn vielleicht nicht ertragen, aber man mag ihn trotzdem irgendwie.

Das Gespräch führte Clemens Schnur.

Mehr Informationen und Fotos finden Sie unter http://www.maltebrandenburg.com und https://www.instagram.com/maltebrandenburg/.