Berlin vor hundert Jahren: 1918, ein Schicksalsjahr brach an, wie es nur wenige je gegeben haben wird: neue Gesinnungen, ein leeres Schloss und volle Straßen. Gesäumt von Menschen und ihren Forderungen.

Gewalt hing in der Luft wie Gas, ein Funken genügte. Mitten hinein in diese aufgewühlte Zeit zwischen Alt und Neu stieß ein junger Pressefotograf, der über die nächsten Jahre und Jahrzehnte das Leben dieser Stadt im Auge des Sturms festhalten sollte wie kein Zweiter: Willy Römer.

Eine seiner großen historischen Aufnahmen zeigt Karl Liebknecht, kurze Zeit vor seinem gewaltsamen Tod. Von einem Wagen aus spricht er zu seinen Anhängern. Ein flüchtiger Moment nur und doch trotzte ihm Römer eine große Komposition ab.

Die Dramatik der Situation

Aus der Mitte ragt die imposante Figur Liebknechts empor, rechts hinter ihm haben sich Menschen auf eine kleine Erhöhung gestellt und klammern sich an den Ästen eines kahlen Baumes fest, um nur ja einen Blick zu erhaschen. Hinter Liebknecht dicht gedrängte Menschenmassen und so wie er den Kopf hebt, als würde er in die Ferne sprechen, lässt Römer uns ahnen, dass hinter der Kamera noch viele Hunderte, gar Tausende stehen.

Man spürt in allem was uns das Bild gibt, die Dramatik der Situation, die Dringlichkeit der Geschehnisse. Geschichte wird hier gemacht – und wir sind dabei. Es ist nicht überliefert, warum der junge Römer sich überhaupt für die Fotografie entschieden hatte, für die Pressefotografie zumal, musste die Berufswahl doch als reichlich ungewöhnlich gegolten haben.

Römer war 1887 in Berlin geboren worden, die Technik selbst war da kaum älter als ein halbes Jahrhundert. Wo heute schnell die Smartphones gezückt sind, wurden gegen Ende des 19. Jahrhunderts noch regelrechte Bilderfabriken durch die Straßen gezerrt und auf Stative gehievt.

Das Politdrama Berlins

Erst durch bessere Kameraverschlüsse und lichtempfindlichere Negativplatten war es ab Ende der 1890er überhaupt möglich geworden, auch flüchtige Situationen einzufangen: die „Momentfotografie“ war geboren. Zeitgleich erlaubten es neue Druckverfahren, auch Zeitungen massenweise mit Bildern zu versehen.

Römers Einstieg in die Fotografie fiel genau in diese ersten großen Jahre der Pressefotografie. Vielleicht hat er sich deshalb gegen die staubige Atelierarbeit entschieden, gegen das mühselige Drapieren von wächsernen wilhelminischen Bürgerfiguren. Und für das sich täglich überschlagende Politdrama Berlins.

Römer kehrte 1918 aus dem Kriegsdienst in seine Heimatstadt zurück, da bebte die Erde schon. Genug zu tun für einen Pressefotografen und so übernahm er noch vor Ende der Jahresfrist gemeinsam mit seinem Partner Walter Bernstein die Bildagentur Photothek. In den folgenden Jahren entstanden Aufnahmen, die noch heute den Grundstock unseres politischen Bildgedächtnisses jener Zeit bilden.

Seine Fotos zeigen das Auf und Ab dieser Monate 

Er fotografierte aus dem uferlosen Menschengedränge am Brandenburger Tor heraus, als Philipp Scheidemann zu den heimkehrenden Truppen sprach, hockte mit seiner Kamera dicht an der Seite schießender Spartakisten im Zeitungsviertel und fotografierte die Frankfurter Allee hinunter, als Hunderttausende Rosa Luxemburg das letzte Geleit gaben.

Endlose Demonstrationszüge, Massenstreiks und zerschossene Häuserzeilen, Revolution und Konterrevolution. Dazwischen nur Chaos. In Römers Fotos lässt sich das Auf und Ab dieser Monate und Jahre nachzeichnen. Wie brutal der Kampf war, mit dem sich das Kaiserreich vor hundert Jahren in eine zarte Demokratie häutete, ist mitunter vergessen worden.

Wer wüsste denn noch von Panzern und Feuerwerfern auf dem Alexanderplatz oder von Maschinengewehren Unter den Linden, von tausenden Toten und den langen Leichenzügen auf den Boulevards? In Römers Fotografien ist die blutige Geburt eines neuen Landes in einem stürmischen Bilderreigen festgehalten – er wurde zum Auge der Weimarer Republik.

Man war Knipser von Beruf

Jeden Morgen durchforstete sein Firmenpartner die Tagespresse, um nach den wichtigsten Ereignissen zu suchen. Römer eilte dann mit seiner Plattenkamera durch die Stadt, auf der Suche nach dem, was später als Weltgeschichte verschlagwortet worden ist. Politisch neutral und der Wahrheit im Bilde verpflichtet, so verstand Römer sein Geschäft.

Gleichwohl wissen wir heute, dass die Fotografen von damals Ereignisse auch nachstellten, wenn sie sich trotz modernster Kameras nicht gleich hatten festhalten lassen. Stillgestellt nannte man diese Bilder, als könnte jemand die Geschichte einfach anhalten. Mit journalistischer Sorgfalt hatte das freilich weniger zu tun, als mit dem unbedingten Willen, ein Chronist der eigenen Zeit zu sein. Beides hat seinen Platz.

Es musste schnell gehen als Pressefotograf, man war Knipser von Beruf. Und es verblüfft wie oft Römer zur richtigen Zeit am richtigen Ort war. Er muss seine Stadt gekannt haben, dieses Gemenge aus mittelalterlichem Stadtgedärm und kaiserlichen Prachtalleen. Und er muss – bei aller gebotenen Eile – doch auch ein instinktives Gespür gehabt haben für die große Inszenierung.

Es gibt Bilder, die hat Römer nicht geschossen

So schön, wie er das nebelverhangene Brandenburger Tor fast beiläufig ins Bild zu tauchen vermag, wie er auf Dächer steigt und ganze Panoramen um das Berliner Weltgeschehen drapiert, ganz der Mann der großstädtischen Szene. Bei Römer sucht man die Dramatik des Geschehens weniger in den Großaufnahmen einzelner Akteure, sondern im Spiel verschiedener Bildpole. Hier ist die Stadt kein Kammerstück, sondern allergrößte Oper.

Es gibt Bilder, die hat Römer nicht geschossen. Er ist nie zum Fotografen der wilden Zwanziger geworden, der großen kulturellen Blüte der Stadt. Vielmehr hat er sich für die einfachen Menschen interessiert, dafür wie das Hochpolitische im täglichen Leben einen Niederschlag fand. Es zog ihn in die Gassen und Hinterhöfe, zu den Straßenhändlern und hinab in die düsteren Souterrainstuben.

Vor allem die Armut hat Römer ins Bild gebracht, den harten Lebenskampf, aber auch den trotzigen Lebensmut der Menschen und die pure Skurrilität des Großstadtlebens. Von unschätzbarem Reichtum sind gerade hier die Notizen Römers, mit denen er seine Fotografien versah.

Er fing die epochalen Veränderungen ein

Oft wissen wir nur durch sie etwas über die eigentümlichen Charaktere der Stadt, über Vater Tresp etwa, den schwimmenden Händler von der Spree, den Krögel-Oskar, den ältesten Bewohner des mittelalterlichen Stadtkerns oder Anna Greiser, Berlins älteste Blumenfrau vom Halleschen Tor – „das Mütterchen hatte noch das Jahr der Revolution 1848 erlebt“, wie Römer bewundernd auf der Rückseite des Fotos vermerkte. Ohne seine Notizen wären diese Figuren längst ins Fußnotendunkel der Geschichte gesunken.

Über kaum eine Stadt ist der Wandel so brutal hinweggefegt wie über Berlin. In den Fotografien Römers lassen sich diese epochalen Veränderungen verfolgen, mal zufällig festgehalten im Hintergrund, mal bewusst ins Bild gerettet. Treu begleitete er mit seiner Kamera das langsame Sterben des Krögel, jener tief gebeugten Halbruinen im Kern des mittelalterlichen Berlins.

Aber auch das Gären der modernen Millionenstadt: Ein Bild vom Dach des neuen Karstadt am Herrmannplatz lässt die Türme des Warentempels 1930 hoch aufragen, bis weit über den Horizont der alten Stadt.

Die Welt blickte in diesen Jahren auf Berlin, und Römers Photothek wusste zu liefern. Mehrmals wöchentlich verließen große Umschläge mit Fotoabzügen den Firmensitz am heutigen Mehringdamm 58 in Richtung New York, London, Amsterdam oder sogar Tokio. Mehr als 250 Redaktionen in aller Welt wurden zu Spitzenzeiten bedient. Man ahnt da schon, wie umtriebig Römer und seine angestellten Fotografen gewesen sein müssen. Weit mehr als 60.000 Fotos sind heute erhalten.

Boykott gegen „Judenfirma“

Die Blütezeit Römers währte so lange wie die junge Republik selbst. Die Nationalsozialisten riefen zum Boykott gegen seine „Judenfirma“ auf, kaum waren sie an der Macht. Es genügte, dass Römers Partner Bernstein einen jüdischen Vater hatte – das Ende der Photothek war damit besiegelt. Auch danach versuchte Römer weiter, sich als Fotograf zu verdingen.

Getrieben von der Notwendigkeit, sich einen Unterhalt zu verdienen, aber vielleicht auch von seiner Leidenschaft für das Bild und diese Stadt – auch wenn es düsterer wurde, was es festzuhalten gab. So wie Römer die Geburtswehen der Weimarer Republik fotografierte, so hat er auch ihr langes Sterben in Berlin festgehalten.

Römer selbst überlebte den Krieg gemeinsam mit seiner Frau und seiner Tochter. Seine Fotos wurden immer noch massenweise gedruckt, Honorare sah er dafür kaum. Die wenigsten Bildredakteure glaubten ihm überhaupt, dass er noch am Leben sei, wenn er sich gelegentlich in Erinnerung rief.

Er starb 1979 in Berlin

Dass sein einzigartiges Archiv erhalten geblieben ist – bis heute – gleicht einem Wunder. Allein ein einziges Regal mit Glasnegativplatten ging im Krieg zu Bruch, der Rest überstand im Keller Römers in der Körtestraße 2 unbeschadet den Krieg.

Viel war in den letzten Wochen und Monaten von Weimarer Verhältnissen die Rede, wenn die Rede auf die heutige Berliner Republik kam. Willy Römer ist es zu verdanken, dass die Dramatik jener Jahre festgehalten worden ist. Man kann diese Weimarer Verhältnisse studieren in seinen Bildern, vom Anfang bis zum Ende – und sich selbst ein Bild machen von diesem geflügelten Wort.