Fotografin Ezgi Polat mit ihrer analogen Canon-Kamera.
Foto: BLZ/Markus Wächter

KreuzbergFast zärtlich legt Ezgi Polat die handliche Canon-Kamera mit dem alten F1-Schriftzug auf dem Tisch ab, der braune Ledergurt baumelt von der Tischkante. Einen Lichtschirm hat sie auf den Boden gegen den Stuhl gelehnt. Equipment, das sie später für ein Shooting braucht. Menschen und Stillleben ablichten, das ist Ezgis große Passion seit ihrer Jugend. Dafür ist sie nicht nur in den Foto-Ateliers dieser Stadt unterwegs, sondern auch in der Welt von Social Media. 

Ezgi ist eine sogenannte Influencerin, ihr folgen bei Instagram über 400.000 Menschen. Unternehmen bezahlen sie daher für Werbe-Kampagnen und Produktplatzierungen, manchmal muss sie dafür nicht einmal das Haus verlassen. Die Schattenseiten: Der Druck, regelmäßig Content zu liefern, und die Kommerzialisierung ihrer Kunst haben sie in der Vergangenheit so manches Mal zweifeln lassen. Doch im Moment ist sie über ihre Bekanntheit bei Social Media dankbarer denn je. Anderen freischaffenden Künstlern sind die Auftragsbücher in der Krise eingebrochen, Ezgi dagegen sichert Instagram ihren Lebensunterhalt. Ein „Privileg“, wie sie sagt. Für ihren Erfolg hat die 30-Jährige indes hart gearbeitet.

Im Alter von sieben Jahren nahm Ezgi das erste Mal eine Kamera ihrer Mutter in die Hand. Fasziniert drückte sie darauf herum, was nicht unbemerkt blieb. Als Teenagerin avancierte sie schnell zur Haus-Fotografin ihrer Verwandschaft. Auf Familienfeiern musste sie stets zur Stelle und mit dem Finger am Auslöser sein. Ihre Vorliebe für analoges Fotografieren stammt aus dieser Zeit. Mit fünfzehn kaufte sie sich die erste Spiegelreflex-Kamera, die sie noch heute besitzt. 

Nach der Schule wollte Ezgi ihre Leidenschaft zum Beruf machen und Fotografie studieren. Auf der Privat-Uni „Neue Schule für Fotografie“, die sie vor sechs Jahren abschloss, sagte man ihr, dass nur zwei bis fünf Prozent der Absolventen später von der Fotografie leben können: „Doch das hat mich eher gepusht“, behauptet die 30-Jährige selbstbewusst. Ihre Schwester riet ihr nach der Schule, sich doch selbst zu promoten. Ezgi haderte zunächst mit der Idee: „Ich kam einfach nicht damit klar, Handyfotos von meinem Alltag zu schießen.“

„Ich kam einfach nicht damit klar, Handyfotos von meinem Alltag zu schießen.“

Ihre ersten Arbeiten von der Uni teilte sie bereits auf einschlägigen Fotografie-Plattformen im Netz, warum also nicht auch auf Instagram? Nach kurzer Zeit zählte sie bereits 20.000 Follower. „Ich wusste überhaupt nicht, wo plötzlich all die Leute herkamen“, beschreibt sie die erste Zeit. Mit jedem Monat stiegen die Zahlen, nach einem Jahr folgten ihr bereits 100.000 Menschen. „Irgendwann wurde Instagram zu meinem Portfolio.“

Unternehmen nutzen Instagram und andere Social Media-Plattformen vermehrt, um auf ihre Produkte aufmerksam zu machen. Mit steigender Reichweite wuchs auch deren Interesse an Ezgi. Reiseveranstalter, Restaurants und Alkohol-Marken meldeten sich schon bald bei ihr, um sie für Kampagnen und Produktplatzierungen zu gewinnen. Unter anderem wurde ein Cognac-Produzent auf sie aufmerksam und lud sie nach Frankreich zu einer Stippvisite ein, auf dem Programm stand die Besichtigung einer Destillerie. Ezgi bebilderte den Ausflug und teilte ihn auf ihrem Instagram-Account. Gegen Bezahlung natürlich. 

Je mehr Aufträge von Unternehmen eingingen, desto weniger blieb Zeit für ihre eigene Kunst: „Man muss ständig aktiv sein, ansonsten fragen die Follower schnell: Ezgi, was ist los mit dir, wo bleibst du?“ Springen sie ab, verliert man Reichweite, und die Aufträge gehen zurück. So bleibe kaum Zeit, mal ein paar Tage nichts zu tun und Inspiration beim Lesen und Filmeschauen zu finden. Manchmal ein Teufelskreis, wie sie sagt.

Auch die Vermischung der „beiden Welten“ Kommerz und Kunst hat sie lange beschäftigt: „Es gab immer eine Trennung und gleichzeitig eine Balance“. Im Laufe der Jahre ist sie einen Kompromiss eingegangen, indem sie die Ästhetik ihrer Bilder – verträumte, manchmal verspielte Porträts und Stillleben mit kräftigen Farbarrangements – auch in die Auftragsarbeiten hat einfließen lassen. „Mittlerweile werde ich gerade für meine eigene Bildersprache gebucht“, sagt sie stolz.

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Seit April hat sich auch bei Ezgi einiges verändert. Sowohl Anfragen von Stammkunden als auch Social-Media-Aufträge sind zurückgegangen. „Natürlich habe ich erstmal gedacht, wie geht es jetzt weiter“. Alle Reisen und Veranstaltungen wurden abgesagt. Der Verdienst litt merklich: „Man musste auf einmal die Tagessätze durch zwei, teilweise durch drei teilen.“ Weich fiel die Influencerin durch ihre Reichweite trotzdem. Blumen, Essen und Getränke auf einem Tisch drapieren und dazwischen Markenprodukte platzieren, funktioniert unabhängig von Krisen. „Seit diesem Jahr sehe ich die Welt der Werbung, vor allem die Produktvermarktung auf Instagram, mit anderen Augen“, sagt sie. Da die Aufträge zudem weniger geworden seien, könne sie den einzelnen Kunden mehr Aufmerksamkeit schenken: „Ich habe viel intensiver gearbeitet und gemerkt, wie viel mehr Qualität meine Arbeiten haben, wenn ich mir mehr Zeit lasse.“

Natürlich vermisst sie das Reisen und den Kontakt mit den Kunden. Doch es überwiegt dieser Tage eine andere Begleiterscheinung der Krise: Die Entschleunigung in der sonst so schnelllebigen Zeit von Social Media. „Die Energie für das eigene künstlerische Schaffen hat in der stressigen Zeit vor Corona manchmal gefehlt.“ Sie kann sich jetzt mehr freien Projekten widmen, ihr künstlerischer Anspruch gilt vor allem Porträt-Fotos. Auch an diesem Tag wird sie zwei Models vor die Linse stellen. „Ich habe sie bei Instagram gesehen und sie angeschrieben, ich hatte einfach Lust darauf.“

Weitere Arbeiten von Ezgi Polat sind auf ihrem Instagram-Account zu sehen, außerdem auf ezgi-polat.com