Verrucht, verstörend und dreckig - und doch auf Hochglanz poliert. So präsentieren Touristenführer und Fotografen üblicherweise Berlin in Broschüren und auf Instagram-Kanälen.

Mal kommerziell, mal künstlerisch, mal beides zusammen. Zumeist reichlich inszeniert.Das ist ganz zweifellos hübsch anzuschauen, kommt aber jedoch viel zu oft nicht mehr wirklich originell daher.

Eben diese Klischees möchte Romeo Alaeff vermeiden, wenn er des Nachts mit Kamera und Rucksack loszieht. Der Fotograf aus dem New Yorker Stadtteil Brooklyn lebt seit fünf Jahren in Berlin und möchte mit seinen Motiven die anderen Facetten der dunklen Hauptstadt-Nächte illustrieren.

Alaeffs Faszination gilt dem Alltäglichem, dem Nahbaren und dem Authentischem, das sich wie beiläufig dem Beobachter präsentiert, wenn er sich für die Magie des Unerwarteten offen genug zeigt. Auf seinen Streifzügen hat es ihm besonders die „witching hour“ angetan: der eigentümliche Moment irgendwo zwischen dem Ende der Nacht und dem Tagesanbruch. Für uns hat Romeo Alaeff eine Auswahl seine Lieblingsbilder zusammengestellt und kommentiert.

Leerlauf in der Waschanlage

Dieses Bild finde ich ziemlich surreal. Die Farben, der Slogan „Perfect Wash“ und die Dame, die den Betrachter ziemlich misstrauisch beäugt. Die Aufnahme dieser Kreuzberger Tankstelle bildet meiner Meinung nach das komplette Gegenteil dessen ab, wie die Menschen Berlin erleben und erfahren. Laut Statistik machen aktuell so wenige Leute ihren Führerschein wie nie zuvor in der Geschichte der Stadt. Das zeigt aber auch, wie gut der öffentliche Nahverkehr hier ausgebaut ist.

Protestkultur rund um die Uhr

Glaubt man dem Berliner Polizeipräsidenten gab es 2013 insgesamt 4487 Protestaktionen. Das wären dann durchschnittlich zwölf am Tag gewesen. 2009 waren es über das ganze Jahr gesehen gerade einmal 2912 Kundgebungen. Die Protestkultur scheint also zu einem starken und beständigen Teil Berlins geworden zu sein. Dieses Bild von einer Demo in Friedrichshain steht symbolisch für diese Entwicklung.

Eklektizismus an der Boddinstraße

Dieses Motiv in der Nähe der Neuköllner Boddinstraße finde ich besonders interessant: ein italienisches und chinesisches Restaurant neben einem klassischen Imbiss. Alle zusammen bilden sie einen optischen Rahmen, untergebracht auf der einen Seite in einem Altbau und daneben in moderner, kommerzieller Architektur. Außerdem finde ich die Kombination aus dem Wahlplakat und der Dame im Hidschab spannend. Wie ein charmantes, postmodernes Mash-up.

Silhouetten-Spiel in Tiergarten

Dieses Bild von einer Galerie-Nacht in den Mercator Höfen in Tiergarten erinnert mich an eine Theaterinszenierung oder an ein Filmset wie das in Alfred Hitchcocks Thriller „Das Fenster zum Hof“ aus dem Jahr 1954.

Zwei Männer und ihr Bier

An dieser Aufnahme mag ich die Raumteilung durch den Pfeiler und den Fokus auf die beiden Männer rechts im Bild, als ob dieser Ort am Ring Center in Friedrichshain ihr Lieblingsplatz zum Rumhängen und Biertrinken sei.

Gerangel in der U-Bahn

Dieses Bild zeigt einen echt verrückten Moment. Ich weiß bis heute nicht genau, was da eigentlich der Auslöser für den Kampf war oder wer hier etwas gegen wen hatte. Ich war am S-Bahnhof Jannowitzbrücke mit der Fotografin Ines Lala unterwegs, die ebenfalls Aufnahmen für ein Projekt „urban actors“ machte. Jedenfalls hat sich hier eine seltsame Energie entzündet, die zunächst wieder nachließ und dann drehte die Szenerie wieder auf. In den Momenten zwischen den Auseinandersetzungen schienen alle irgendwie recht entspannt zu wirken und dann ging es plötzlich wieder weiter mit dem Gerangel. Niemand wurde dabei ernsthaft verletzt. Irgendwie wirkte es fast komisch, wie in einem Charlie-Chaplin-Film.

Nachtschattengewächse an der Revaler Straße

Diese Aufnahme mag ich besonders wegen des speziellen Lichts und der Ruhe. Diese Ecke an der Revaler Straße in Friedrichshain habe ich im vergangen Jahr tatsächlich einige Male fotografiert, aber dieser spezielle Shot strahlt eine ansprechende Rätselhaftigkeit aus. Sehr mysteriös.

Auf den zweiten Blick ertappt

Eigentlich bin ich an dieser Szenerie am Europacenter nur schnell vorbeigelaufen und dachte zuerst, dass hier eine Familie lediglich auf den Bus warten würde. Ich habe am Anfang nicht so recht verstanden, was sich hier abgespielt hat und dachte, das Kind würde die Aufmerksamkeit der Mutter wecken wollen. Als ich mir später zuhause das Bild später genauer anschaute, verstand ich: Das Kind wollte die Frau vermutlich beklauen und der Mann muss mit dem Kind zusammengearbeitet haben. Ich fühlte mich wirklich unwohl, als ich das bemerkte. Aber es ist definitiv ein bemerkenswerter Schnappschuss.

Chinatown am Kotti

Dieser Ort mitten in Kreuzberg wechselt von Tag auf Nacht ziemlich radikal sein Gesicht. Der Platz am Kottbusser Tor ist auch ein bisschen trashy und erinnert mich an Chinatown in New York City.

Ans Bein gepinkelt

Ich mag die gewisse Komik in diesem Bild. Wir sehen hier die Statue des Gefallenendenkmal des Reserve- und Landwehr-Offizierskorps gegenüber des Museums für Fotografie in Charlottenburg - und sie versucht scheinbar, sich vor einem Obdachlosen zu schützen, der sich gerade an ihr erleichtert.

Mehr Informationen finden Sie unter http://romeoalaeff.com/, https://www.instagram.com/romeoalaeff/, https://www.flickr.com/photos/romeoalaeff/ und https://twitter.com/romeoalaeff.