Berlin - Sie sind Zeugnisse der Geschichte und sie erzählen Geschichten. Manchmal sind sie abgeranzt, und manchmal so beschaulich, dass man die Stadt da draußen fast vergisst – Berlins Hinterhöfe. Wer tagtäglich seinen eigenen Hof durchquert, dabei Müll in die Tonne wirft oder über einen Haufen von Fahrradleichen stolpert, der übersieht sie gern – die Schönheit dieser Orte. Wer aber, wie der Fotograf Marc Gruninger, neu in die Stadt kommt, der entdeckt darin Lebenswelten und eine besondere Poesie, die die Berliner Höfe in ihrer Vielfalt dann wiederum einzigartig machen.

Vor anderthalb Jahren ist Marc Gruninger, der in Zürich aufwuchs und als Mitte Zwanzigjähriger in die Staaten auswanderte, aus Los Angeles nach Berlin gekommen. Er wollte die Stadt mit der Kamera erkunden – und landete in ihren Hinterhöfen. Dazu beigetragen hat sein eigenes Wohnhaus an der Kastanienallee in Prenzlauer Berg: „Meine Nachbarn feiern im Sommer immer Grillfeste im Hof, so habe ich viele von ihnen kennengelernt. Dieser soziale Aspekt hat mich fasziniert. Aus L.A. kannte ich so etwas nicht.“

Manchmal auch beschimpft

Mehrere Monate war der 34-Jährige unterwegs, in Mitte, Kreuzberg, Neukölln, Prenzlauer Berg, Friedrichshain, Schöneberg und Charlottenburg. Um die hundert Höfe hat er für seine „Hinterhof“-Serie fotografiert – unsanierte und durchsanierte, schlichte und opulente, grüne und graue. Kein Hof ist wie der andere, gleichbleibt nur die Perspektive. Gruninger hat seine Bilder immer aus der Untersicht aufgenommen, auf dem Boden liegend, das Weitwinkelobjektiv nach oben gen Himmel gerichtet.

So entstehen faszinierende Sichtachsen und Einblicke. „Ich mag die unperfekte Architektur dieser Orte, die schrägen Achsen, und die Geschichte dahinter. Früher lebten im Hinterhaus die Armen, die Arbeiterklasse, heute sind diese Wohnungen wegen der ruhigen Lage total gefragt“, sagt Gruninger.

Für etliche Aufnahmen hat er lange warten müssen, sich manchmal auch beschimpfen lassen. Meist sind die Höfe ja verschlossen, er musste also warten, bis einer der Bewohner nach Hause kam – oder klingeln und sich den einen oder anderen Spruch anhören. Welcher Ort sehens- und fotografierenswert sein könnte, entschied Gruninger entweder nach der Umquerung der Häuser, die Blicke in die Hinterhöfe freigab, oder er ging nach dem Aussehen der Fassaden. Oft geben sie einen Vorgeschmack auf das, was hinter der Tür wartet.

Die beste Stadt

Das „Hinterhof“-Projekt ist nicht abgeschlossen, immer wieder können neue Plätze hinzukommen. Das schwierigste Motiv allerdings ist Gruninger schon gelungen. „Ich wollte auf jeden Fall einen Hof finden, von dem aus man den Fernsehturm sieht.“ Kein leichtes Unterfangen. Denn auch wenn die Häuser noch so nah am Alexanderplatz stehen, dass man in ihrer Mitte einen schönen Blick hat auf das höchste Bauwerk Deutschlands, ist eine Seltenheit.

Gruninger hat mehrere Wochen lang gesucht – und wurde schließlich in der Nähe des S-Bahnhofs fündig. Derzeit sucht der freie Fotograf, der für seine Arbeiten ständig zwischen der Schweiz, Deutschland und den USA pendelt, eine Berliner Galerie, die seine Hofbilder ausstellen würde. Auch ein Bildband ist geplant.

Neue Projekte gibt es natürlich auch längst: Für seine „Liquor Store“-Serie reiste Gruninger, der am kalifornischen Santa Monica College Fotografieklassen belegte und dann als Bandfotograf unter anderen mit Rapper Snoop Dogg arbeitete, durch 40 US-Bundesstaaten und fotografierte Spirituosen-Geschäfte.

Am Ende zieht es den Fotografen aber immer wieder zurück nach Berlin: „Es ist die beste Großstadt, die ich kenne. Berlin ist keine klassische Schönheit, aber für Künstler gibt es gerade deswegen kaum einen interessanteren Ort.“