Samuel Finzi: „Es gibt zu viel Grobheit in Berlin“

In unserer Fragebogen-Rubrik blicken bekannte Bewohner dieser Stadt auf Berlin. Heute mit dem Film- und Theaterschauspieler Samuel Finzi.

Lebt mit seiner Familie in Charlottenburg: Schauspieler Samuel Finzi.
Lebt mit seiner Familie in Charlottenburg: Schauspieler Samuel Finzi.Rafaela Pröll

Berlin hat rund 3,7 Millionen Einwohner, sie sind so verschieden wie die Stadt selbst. Was also macht Berlin aus, wieso lebt man hier – und tut man es überhaupt gern? In unserer Rubrik „Fragebogen Berlin“ fragen wir bekannte Hauptstädterinnen und Hauptstädter nach ihren Lieblingsorten und ihren persönlichen No-go-Areas. Sie verraten ihre Gastro-Geheimtipps, Shopping-Favoriten und Kiezgeheimnisse. Aber auch, was sie an Berlin nervt und was man hier auf keinen Fall tun sollte.

Diesmal hat Samuel Finzi unsere Fragen beantwortet. Der vielfach ausgezeichnete Film- und Theaterschauspieler hat bereits in über 150 Produktionen mitgespielt, von der Til-Schweiger-Komödie über „Das Wunder von Bern“ bis hin zum „Tatort“. Auch auf Berliner Theaterbühnen steht der 56-Jährige, der mit seiner Familie in Charlottenburg lebt, regelmäßig. Demnächst kann man Samuel Finzi in der preisgekrönten Serie „Das Haus der Träume“ um die Geschichte eines Berliner Kaufhauses sehen.

1.           Herr Finzi, seit wann sind Sie schon in der Stadt?

Ich bin kurz nach der Wende im Dezember 1989 nach Berlin gekommen.

2.           Welcher ist Ihr Lieblingsort in Berlin?

Mein Zuhause.

3.           Wo zieht es Sie hin, wenn Sie entspannen wollen?

Als Erstes in die Straßen, die Seen, die Bahnen von Berlin, die alle ein wenig wie die Adern der Stadt funktionieren. Und ich mag darin den Puls der Stadt spüren.

4.           Welche Ecken der Stadt meiden Sie?

Die Ecken, die zu sehr die Kluft zwischen Arm und Reich verstärken. Ich frage mich jedes Mal, wenn ich am Zeltdorf unter dem U-Bahnhof Görlitzer Bahnhof vorbei nach Friedrichshain fahre und dort die neu gebauten Hochhäuser an der Spree sehe, ob es den Städteplanern Berlins nicht bewusst ist, dass die Stadt immer stärkere Wunden verpasst bekommt, aus denen wir Einwohner rausbluten?

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dpa/TVNOW/Stephan Zwickirsch
Zur Person
Samuel Finzi kam 1966 im bulgarischen Plowdiw zur Welt. Über Frankreich kam er im Dezember 1989 nach Berlin. Er spielte in Theater-Inszenierungen von Benno Besson, Dimiter Gotscheff, Dušan David Pařízek und Frank Castorf. Im Film machten ihn seine Zusammenarbeiten mit Oliver Hirschbiegel, Oskar Roehler, Sönke Wortmann und Til Schweiger bekannt. Letzterer besetzte Finzi in seinen „Kokowääh“-Filmen und in „Klassentreffen 1.0“.

Für seine Darstellungen wurde der 56-Jährige mehrfach ausgezeichnet, etwa mit dem Theaterpreis Berlin und dem Deutschen Schauspielerpreis. Neben seinen Theater- und Kinoengagements spielt Samuel Finzi in vielen großen TV-Produktionen. So kennt man ihn auch als Rechtsmediziner aus dem Kieler „Tatort“ oder aus der Krimiserie „Flemming“. Derzeit ist er am Deutschen Theater in Berlin und am Divadlo-Na-zábradlí-Theater in Prag zu sehen. Am 18. September startet die neue Streaming-Serie „Das Haus der Träume“ auf RTL+ (Foto).

5.           Ihr ultimativer Gastro-Geheimtipp?

Ich bin derzeit sehr gerne im Kimchi Princess und in der Long March Canteen in Kreuzberg sowie im Lon Men's Noodle House in Charlottenburg. Eigentlich kann ich jeden Tag Wan-Tan-Suppe essen – unbedingt scharf. Ich mag in dem Noodle House die präzise Geschwindigkeit und die unglaubliche Arbeitsorganisation des Familienbetriebs auf dem kleinen Platz.

6.           Ihr ultimativer Shopping-Geheimtipp?

Die vielen Second-Hand-Möbelläden in der Suarezstraße in Charlottenburg. Die fädeln sich wie Kettenglieder eins nach dem anderen auf der Straße ein und man kann herrlich stöbern, entdecken, die Berliner Geschichte in den Händen halten und sogar manchmal mit nach Hause nehmen.

7.           Der beste Stadtteil Berlins ist … 

Jeder, in dem sich die Menschen wohlfühlen. Wenn man sich nicht mehr wohlfühlt, zieht man einfach um in einen Stadtteil, in dem man sich dann wohlfühlt. Das kann Berlin. Ich habe das schon sechs Mal hinter mir. Das bekommt mir und der Stadt.

8.           Das nervt mich am meisten an der Stadt:

Volksvertreter, die nur ihre eigenen Interessen vertreten. Was soll diese Zimmerlautstärkisierung der Stadt? Was soll diese grausame Spaltung der Gesellschaft in Arm und Reich? Was soll dieser unbarmherzige Wille von einigen wenigen, Berlin in eine andere Großstadt zu verwandeln, in der die Leute „mit“ den Leuten „ohne“ ihr „mit“ vors Gesicht schlagen? Ich kann nicht mehr hören: „Aber in New York, London, bla, bla, bla ...“ Bitte, zieh dann einfach da hin. Und dass es immer mehr Menschen an einem Gefühl für die Umwelt und die anderen mangelt und unter dem Deckmantel des Gutmenschen jeder seinen Stiefel durchzieht. Das ist nur eine andere Form von Grobheit, von der es sowieso schon zu viel gibt in der Stadt und die als Coolness missverstanden wird.

9.           Was muss sich dringend ändern, damit Berlin lebenswert bleibt?

Mein Agent meinte mal, dass die Stadtteile der Drei-Drittel-Regel folgen sollten: ein Drittel Wohnraum, ein Drittel Kulturraum, ein Drittel Industrieraum. Warum sind die Kinos und Theater vom Kurfürstendamm verschwunden? Warum können sich die Menschen, die die Stadt betreiben, wie Krankenpfleger:innen, Müllarbeiter:innen, Supermarktverkäufer:innen usw., nicht mehr das Leben in der Stadt erlauben? Warum können kleine Betriebe hier nicht mehr im Zentrum überleben?

10.         Ihr Tipp an Unentschlossene: Nach Berlin ziehen oder es lieber bleiben lassen?

Wenn man die Größe, Disziplin und Flexibilität hat, die Berlin fordert, dann komm gerne. Wenn Du aber Dein Dorf verlässt, es hier dann weiterlebst und versuchst, Dein Dorf der Stadt aufzudrängeln … Das wird nicht funktionieren.

11.         Cooler als Berlin sind nur noch …

Meine beiden Kinder.