Salwa Houmsi: „Überlegt euch das gut, ob ihr nach Berlin ziehen wollt“

Unser Berlin-Fragebogen, diesmal mit der Moderatorin Salwa Houmsi. Die 26-Jährige erzählt von ihrer Liebe zur U1 und beklagt die „Zalandoisierung“ Kreuzbergs.

Im Urban-Krankenhaus geboren und seither mit Kreuzberg fest verbunden: Salwa Houmsi
Im Urban-Krankenhaus geboren und seither mit Kreuzberg fest verbunden: Salwa HoumsiMarius Faulhaber

Berlin hat rund 3,7 Millionen Einwohner, und jede(r) hat seinen eigenen Blick auf die Stadt. Was macht Berlin aus, wieso lebt man hier – und tut man es überhaupt gern? In unserer Rubrik „Fragebogen Berlin“ fragen wir bekannte Hauptstädterinnen und Hauptstädter nach ihren Lieblingsorten und nach Plätzen, die sie lieber meiden. Sie verraten, wo sie gern essen, einkaufen oder spazieren gehen. Aber auch, was sie an Berlin nervt und was man hier auf keinen Fall tun sollte.

Diesmal hat die Moderatorin und Journalistin Salwa Houmsi unsere Fragen beantwortet. Die Berlinerin begann ihre Karriere beim Radiosender Fritz, arbeitete dann für verschiedene Formate bei funk, Spotify, Arte und dem WDR. Seit vergangenem Jahr ist sie Teil des Moderatorenteams von „aspekte“, dem wöchentlichen Kulturmagazin im ZDF.

Darüber hinaus ist die 26-Jährige als Podcasterin aktiv, aktuell zum Beispiel gemeinsam mit Sebastian Hotz bei „Hotz & Houmsi“, einer Studio-Bummens-Produktion. Neue Folgen gibt es immer samstags überall, wo es Podcasts gibt.

1.       Seit wann sind Sie schon in der Stadt?

Ich bin in Kreuzberg im Urban-Krankenhaus geboren und demnach schon seit exakt 26 Jahren und sechs Monaten in Berlin.

2.       Welcher ist Ihr Lieblingsort in Berlin?

Ich glaube, einer meiner Lieblingsorte ist tatsächlich der Park am Gleisdreieck. Ich bin gar nicht so oft da, aber jedes Mal, wenn ich da bin, denke ich mir so: Krass, das ist wie ein kleines Stück New York mitten in Kreuzberg.

Ich hab so eine komische, übertriebene Liebe zur U1 – eigentlich schon seit meiner Kindheit. Ich fand es immer irgendwie zauberhaft, dass es keine S-, sondern U-Bahn als Hochbahn war. Es gibt so viel zu gucken und die Strecke, die die U1 fährt, verbindet meine liebsten Teile von Berlin: die Strecke von Kreuzberg 36, über 61, bis nach Charlottenburg zum KaDeWe und Kurfürstendamm – also halt auch zwei komplett gegensätzliche Welten. Ich kann das gar nicht erklären, aber diese U-Bahn hatte schon immer etwas Versöhnliches für mich. Und wenn man im Park am Gleisdreieck spazieren geht, fährt sie – wie eine Brücke – einmal über den Park.

Als ich ein Kind war, war das noch eine brachliegende und abgesperrte Fläche. Wir sind da früher über den Zaun geklettert und fanden es natürlich saucool, dass es mitten in Kreuzberg so einen Nicht-Ort gibt. Und das ist auch etwas Besonderes: dass einem eine Neuerung in der Stadt mal so richtig gut gefällt. Der Gleisdreieck-Park ist wirklich gelungen!

3.       Wo zieht es Sie hin, wenn Sie entspannen wollen?

Also als Berlinerin hat man natürlich das Problem – ich weiß nicht, ob’s anderen auch so geht, aber ich hab auf jeden Fall das große Problem –, dass ich eigentlich seit meiner Kindheit immer in den gleichen Ecken abhänge. Man hört das meistens eher von Menschen vom Land, dass sie ihr Leben lang im gleichen Dorf bleiben – aber mir geht es als Stadtkind ähnlich: Ich komme echt viel zu wenig aus meinen Heimatkiezen raus. Deswegen habe ich mir irgendwann mal vorgenommen, auch die Orte in Berlin anzugucken, die so richtig touristisch sind, weil man so was ja nie in der eigenen Heimatstadt macht. Irgendwie schade!

Letztes Jahr hab ich zum Beispiel einen Ausflug zum Fernsehturm gemacht – entspannend ist der Alexanderplatz zwar nicht wirklich, aber es ist schön, seine eigene Heimatstadt mal aus anderen Augen zu betrachten. Vor kurzem war ich zum Drehen im Nikolaiviertel, auch ein super touristischer Ort, den ich aber in seiner Absurdität irgendwie sehr empfehlen kann.

Infobox image
Nils vom Lande
Zur Person
Salwa Houmsi kam 1996 als Tochter einer deutschen Mutter und eines syrischen Vaters in Berlin-Kreuzberg zur Welt. Von 2017 bis 2019 war sie Teil des investigativen Webvideo-Formats „Jäger & Sammler“ von funk. Für ihren Beitrag „Frauen im Pop – Wo ist die Gleichberechtigung?“ gewann sie 2018 den International Music Journalism Award.

Für die Kultursendung „aspekte“ und das Debattenformat „13 Fragen“, das in der ZDF-Mediathek und auf YouTube zu sehen ist, wurde die 26-Jährige beim Deutschen Fernsehpreis 2022 mit einem Förderpreis ausgezeichnet. Zur Begründung hieß es, die Berlinerin bringe als Moderatorin ihren eigenen Stil ein: „Mit souveräner, ruhiger Gesprächsführung und präzisen Fragen hat sie auch schwierige und anspruchsvolle Diskussionen jederzeit im Griff.“

4.       Welche Ecken der Stadt meiden Sie?

Alle, wo man nur Bus fahren kann. Es gibt ein paar richtig zentrale Teile in Berlin, wie zum Beispiel in die Richtung Alt-Treptow, wo man sich entweder nur mit S-Bahn oder Bus richtig gut fortbewegen kann, und das nervt mich zu sehr ab. Für mich gibt es kaum Dinge, die ich in Berlin weniger gerne machen würde als Busfahren. Deswegen versuche ich, entweder diese Bezirke zu meiden oder ich fahre E-Scooter.

5.       Ihr ultimativer Gastro-Geheimtipp?

Das libanesische Restaurant Azzam auf der Sonnenallee. Das ist das erste Restaurant gewesen, das den Hummus genau so macht, wie ich ihn von meinem Vater kenne. Es gibt natürlich viele andere, aber das war der erste Laden, den ich als Jugendliche entdeckt habe, und deswegen ist es mein persönlicher O.G. Hummus-Laden. Ansonsten kann ich auch sehr Refueat nahe dem Bahnhof Yorckstraße empfehlen, wo ehemalige Geflüchtete aus Syrien ein Restaurant betreiben mit original syrischer Küche. Sehr lecker!

6.       Ihr ultimativer Shopping-Geheimtipp?

Ich glaube, ich hab keinen. Manchmal würde ich mir wünschen, dass wir schönere Einkaufsstraßen in Berlin hätten. Mit schön meine ich: kleiner, niedlicher, geselliger, romantischer – irgendwie freundlicher. Also mehr von einem amerikanischen Weihnachtsfilm und weniger von absoluter Reizüberflutung und Konsumwahn.

7.       Der beste Stadtteil Berlins ist …

... natürlich Kreuzberg! Mindestens, weil ich über meinem Ellenbogen die Postleitzahl 361 tätowiert habe – wär ja unangenehm, wenn ich jetzt einen anderen Bezirk nenne. Nee, es ist tatsächlich Kreuzberg für mich, ich bin da geboren und aufgewachsen und hab die längste Zeit meines Lebens in Kreuzberg verbracht. Das verbinde ich mit Familie, meinen Freund:innen. Ich verbinde einfach den Großteil meiner Erinnerung in meinem Leben mit diesem Stadtteil und fühle mich dort sehr zu Hause.

8.       Das nervt mich am meisten an der Stadt:

Dass mittlerweile ein großer Teil Kreuzbergs – zumindest gefühlt – Zalando gehört. Und dass diese ganzen Riesenbrands und Unternehmen den kompletten Bereich rund ums Schlesische Tor für mich persönlich zu einem Ort gemacht haben, den ich wirklich nur noch betrete, wenn ich muss. Weil es dort mittlerweile einfach sauhässlich und so klinisch kalt geworden ist. Früher war das anders und der Schlesi war einer meiner liebsten Orte in Berlin. Jetzt fühle ich mich dort immer, als wäre ich in einem Zalando-Werbefilm gefangen.

9.       Ihr Tipp an Unentschlossene: Nach Berlin ziehen oder es lieber bleiben lassen?

Ich konnte das nie richtig verstehen, wenn Leute gesagt haben, dass Berlin ja „so doll“ sei. Ehrlich gesagt hab ich auch nie richtig versucht, das zu verstehen – bis vor ein paar Jahren. Eine Freundin von mir ist vom Land weggezogen in immer größere Städte, bis es irgendwann nach Hamburg Berlin wurde. Wir haben uns beim Spazierengehen unterhalten und sie meinte: „Wow. Auf diesem Spaziergang hab ich schon zweimal mitbekommen, wie Leute sich mitten auf der Straße so richtig krass angeschrien haben.“ Ich hatte das nicht mal bemerkt. Dieser Moment hat mir irgendwie gezeigt: Ja, wenn man das nicht kennt, ist es halt auch doll hier.

Ich persönlich mag ja genau das, weil man im Stadt-Alltag mit allen möglichen Realitäten konfrontiert wird und schwer in seiner Blase bleiben kann. Durch die Blicke meiner Freund:innen, die vom Land kommen, konnte ich verstehen, dass Berlin natürlich nicht zu unterschätzen ist und dass man sich – wenn man nicht hier verwurzelt ist – sehr schnell ganz schön allein und überfordert fühlen kann. Deswegen: Überlegt euch das gut. Aber ey, am Ende kann man auch überall wieder zurückziehen.

10.   Cooler als Berlin sind nur noch …

... Palermo und Köln. Ich weiß, komische zwei Städte, um sie in einem Satz zu nennen, aber so ist es für mich. Ich muss ehrlich sagen, mich würde kaum etwas rauskriegen aus Berlin/Brandenburg, das ist wirklich nur eine 0,1-Prozent-Chance, aber in dem Fall würde es sofort Köln werden und keine andere Stadt in Deutschland. Ich kann meine Liebe zu Köln gar nicht richtig erklären, aber ich fühle mich da irgendwie immer so, als hätte ich da schon einen Teil meines Lebens gelebt. Es ist irgendwie Zuhause, obwohl es das nicht ist. Viele von meinen Freund:innen wohnen dort. Die Menschen sind so offen und herzlich und ich liebe natürlich auch total, dass es sozusagen, die O.G. Fernsehstadt ist.

Das Einzige, was mich in Köln stört, ist, dass es so klein ist (im Vergleich zu Berlin), und wenn ich länger dort wohnen würde, würde es mich fertigmachen, dass man andauernd alle möglichen Leute trifft, die man um drei Ecken kennt, wenn man essen oder in eine Bar geht, weil sich das Nachtleben in gefühlt zwei Straßen abspielt. Ich mag es schon sehr, die Möglichkeit zu haben, anonym in einer Stadt zu sein – das bedeutet für mich Freiheit. Und trotzdem schafft es Köln immer, mich total zu entschleunigen und viel mehr unterwegs zu sein, als ich es in Berlin bin – das ist die Köln-Magic.


Empfehlungen aus dem Ticketshop: