Volker Wieprecht: „Die viel beschworene Berliner Mischung muss bleiben“

Bekannte Bewohner der Stadt blicken auf Berlin. Heute: Moderator Volker Wieprecht über Gated Communities, Horrorkreuzungen und Rilke in Wilmersdorf.

Wohnt in Charlottenburg: Volker Wieprecht.
Wohnt in Charlottenburg: Volker Wieprecht.Konzept und Bild/Cathrin Bach

Berlin hat rund 3,7 Millionen Einwohner, sie sind so verschieden wie die Stadt selbst. Was also macht Berlin aus, wieso lebt man hier – und tut man es überhaupt gern? In unserer Rubrik „Fragebogen Berlin“ fragen wir bekannte Hauptstädterinnen und Hauptstädter nach ihren Lieblingsorten und ihren persönlichen No-go-Areas. Sie verraten ihre Gastro-Tipps, Shopping-Favoriten und Kiezgeheimnisse. Aber auch, was sie an Berlin nervt und was man hier auf keinen Fall tun sollte.

Diesmal hat der Moderator Volker Wieprecht unsere Fragen beantwortet. Der 59-Jährige kam vor vielen Jahren aus dem Ruhrgebiet nach Berlin, er lebt in Charlottenburg und ist Fernsehzuschauern als Gesicht der Berliner „Abendschau“ bekannt. Die Nachrichtensendung moderiert er im Wechsel mit Sascha Hingst, Eva-Maria Lemke und Sarah Oswald.

Wieprecht hat außerdem eine eigene Talkshow im RBB, man kennt ihn aber auch als Hörfunkmoderator bei Radioeins, wo er am Ende einer mehr oder weniger „Schönen Woche“ immer freitags politisch-kulturelle Rück- und Ausblicke gibt.

1.       Herr Wieprecht, seit wann sind Sie schon in Berlin?

Ich bin im Juni 1976 mit meinem Vogel Bobby im Käfig auf dem Schoß über die Transitstrecke aus Herne angereist. Meine Mutter hat hier neu geheiratet. Bobby war kurze Zeit später tot. Ein schönes Beispiel für einen korrelativen, aber nicht kausalen Zusammenhang – hoffe ich.

2.       Welcher ist Ihr Lieblingsort in Berlin?

Mein Bett. Ich bin Global Citizen.

3.       Wo zieht es Sie hin, wenn Sie entspannen wollen?

In jede Art von Gehölz. Besser noch mit Wasseranschluss.

4.       Welche Ecken der Stadt meiden Sie?

Die für mich die leider unvermeidliche Kreuzung Messedamm/Ecke Masurenallee. Das liegt leider auf meinem Weg zur Arbeit. Eine für Fußgänger und Radfahrer entwürdigende Verkehrsplanung, die einen entweder zur Flucht vor rasenden Autos oder in die harnsäuregeschwängerten Katakomben der Untertunnelung zwingt. Grauenhaft.

5.       Ihr ultimativer Gastro-Geheimtipp?

Es gibt nur einen Marco Müller!

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Konzept und Bild/Cathrin Bach
Zur Person
Volker Wieprecht kam 1963 in Herne (Nordrhein-Westfalen) zur Welt. Er studierte an der Freien Universität in Berlin Germanistik, Philosophie und Altphilologie und fing Mitte der Achtzigerjahre als Reporter beim SFB an. 1987 begann er mit der Moderation von Kinder- und Jugendsendungen und „hörte seitdem nie wieder auf zu sprechen“, wie er auf seiner Website schreibt. Nach Stationen bei den Jugendwellen Radio 4U und Fritz wechselte er zu Radioeins, wo er mit dem heutigen Programmchef Robert Skuppin lange ein erfolgreiches Moderations-Duo bildete.

Wieprecht erhielt für seine Tätigkeit viele Auszeichnungen, darunter 2013 den Deutschen Radiopreis in der Kategorie „Bester Moderator“. Seit Februar 2019 ist er Teil des „Abendschau“-Teams, auch als Veranstaltungsmoderator hat er sich einen Namen gemacht. In seiner Talkshow „Wieprecht“ schaut er mit prominenten Gästen hinter die Fassade von aktuellen politischen und gesellschaftlich relevanten Themen.

6.       Ihr ultimativer Shopping-Geheimtipp?

Nichts kaufen, dem ein Gedankengang mit „eigentlich“ vorangeht. „Ist doch ‚eigentlich‘ ganz schön/günstig/originell/nützlich …“ Restlose, sofortige Begeisterung geht dem dauerhaft beglückenden Kauf voraus. In meinem Fall.

7.       Der beste Stadtteil Berlins ist …

Immer der, in dem ich gerade bin. Aber nicht, weil ich da bin. Variatio delectat – Abwechslung macht Freude.

8.       Das nervt mich am meisten an der Stadt:

Der Dreck und die Unverfrorenheit, mit der er hinterlassen wird. Ein sehr liebenswürdiger Berufsschullehrer sagte neulich: „Ich muss mir nur anschauen, wie meine Herrschaften mit ihren Kippen vor der Schule umgehen, dann weiß ich, wie sehr die sich auch im Unterricht reinknien. Oder eben nicht.“ ... Ich weiß, es ist immer unpassend, sich über andere zu erheben. Aber es nicht zu tun, fällt mir angesichts der Unmengen von Müll auf den Straßen sehr schwer.

9.       Was muss sich dringend ändern, damit Berlin lebenswert bleibt?

Die viel beschworene Berliner Mischung muss bleiben. Ich möchte nicht in Gated Communities leben.

10.       Ihr Tipp an Unentschlossene: Nach Berlin ziehen oder es lieber bleiben lassen?

Einfach mal vergleichsweise einen Tag in Baden-Württemberg und dann in Berlin mit folgenden Tätigkeiten in möglichst schneller Folge verbringen: 1. Brot beim Bäcker kaufen, 2. nach dem Weg fragen und dann die Öffis nutzen, 3. beliebige Passanten zu beliebigem Thema ansprechen, 4. Hundebesitzer auf die wahren Ursachen des verkrampften Gesichtsausdrucks von Fifi in gehockter Haltung hinweisen, 5. schwäbelnd irgendwas tun, und 6. mein Berliner Lieblingsbonmot in der Konversation einsetzen: „Hau Dir selbst in die Fresse. Ick hab keene Zeit!“

Reaktion abwarten … Wer an beiden Orten gleich viel über die Reaktionen lachen kann, ist berlintauglich.

11.       Cooler als Berlin ist nur noch …

Ach, Leute … Rilke schrieb 1895 in seinem Gedichtband „Larenopfer“: „Der erscheint mir als der Größte, der zu keiner Fahne schwört. Und weil er vom Teil sich löste, nun der ganzen Welt gehört.“ Er hat das nie korrigiert: 16 Jahre zuvor hat er in Friedenau gewohnt, danach unter anderem auch noch zwei Jahre in Wilmersdorf zur Untermiete. Und der Rest Europas war ihm auch gut genug. Will sagen: Cool an sich ist erst mal gar nix. Nur das, was gerade passend scheint.