Renate Künast: „In Berlin wird zu wenig ordentlich geplant“

Bekannte Bewohner der Stadt blicken auf Berlin. Heute: Grünen-Politikerin Renate Künast über Vielstaaterei und Restaurants außerhalb des Rings.

Seit 46 Jahren in Berlin: Renate Künast.
Seit 46 Jahren in Berlin: Renate Künast.Anne Hufnagl

Berlin hat rund 3,7 Millionen Einwohner, sie sind so verschieden wie die Stadt selbst. Was also macht Berlin aus, wieso lebt man hier – und tut man es überhaupt gern? In unserer Rubrik „Fragebogen Berlin“ fragen wir bekannte Hauptstädterinnen und Hauptstädter nach ihren Lieblingsorten und ihren persönlichen No-go-Areas. Sie verraten ihre Gastro-Tipps, Shopping-Favoriten und Kiezgeheimnisse. Aber auch, was sie an Berlin nervt und was man hier auf keinen Fall tun sollte.

Diesmal hat Renate Künast unsere Fragen beantwortet. Die bekannte Grünen-Politikerin kam einst als frisch studierte Sozialarbeiterin nach Berlin und hat hier später Rechtswissenschaften studiert. Lange Zeit war die 66-Jährige auch Mitglied im Berliner Abgeordnetenhaus. Sie kennt also die hiesige Politiklandschaft, aber als überzeugte Schönebergerin auch die Kieze ihres Lieblingsbezirks.

1.            Seit wann sind Sie schon in der Stadt?

Irgendwie schon ewig. Am letzten Septembertag 1976 kam ich her und machte mein Anerkennungsjahr als Sozialarbeiterin. Das hieß Jugendgerichtshilfe in Reinickendorf und dann die Justizvollzugsanstalt in Tegel. Damit war ich echt angekommen. Und Wohngemeinschaft als Lebensmodell war logisch.

2.           Welcher ist Ihr Lieblingsort in Berlin?

Es ist die Mischung, nicht ein einzelner Ort. Und da hat dann jeder Ort seine Zeit. Samstags unbedingt der Winterfeldtmarkt. Fürs Gemüse, Thailändisch essen und zum Kaffee mit Freundinnen treffen. Nahezu meditativ sind übrigens die dreistündigen Schifffahrten durch die Mitte Berlins. Da sieht man nicht nur Sehenswürdigkeiten, sondern bekommt einen neuen Blick. Verwunschene Orte, Menschen, die offenbar am Ufer ihr Zelt aufschlagen und kostenlos in Berlin wohnen. Beim Vorbeifahren bewunderst du die Wäscheleine und bekommst noch Gitarrenmusik.

3.           Wo zieht es Sie hin, wenn Sie entspannen wollen?

Zum Shiatsu oder irgendwo Rumlaufen. Bewegung hilft, ob an der Havel oder im Botanischen Garten. Übrigens hilft es auch, im Naturkundemuseum die alten Steine oder Abdrücke zu betrachten. Das erdet.

4.           Welche Ecken der Stadt meiden Sie?

Hmmm ... Meiden würde ich nicht sagen, aber es gibt schon ein paar Stellen, wo man sich nicht wohlfühlt und nicht wieder hinwill.

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Berliner Zeitung/Markus Wächter
Zur Person
Renate Künast, geboren 1955 in Recklinghausen, ist Politikerin, Juristin und Sozialarbeiterin. Von 2000 bis 2001 war sie Bundesvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen und von 2001 bis 2005 Bundesministerin für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft; von 2005 bis 2013 Vorsitzende der Bundestagsfraktion ihrer Partei und von 2014 bis 2017 Vorsitzende des Ausschusses für Recht und Verbraucherschutz. Sie ist seit 2002 Mitglied des deutschen Bundestages und lebt in Berlin.

In der aktuell 20. Wahlperiode ist Renate Künast Mitglied im Ausschuss für Ernährung und Landwirtschaft sowie Mitglied im Rechtsausschuss. Weiterhin ist sie Vorsitzende der Deutsch-Südasiatischen Parlamentariergruppe und Mitglied in der Gemeinsamen Kommission von Bundestag und Bundesregierung für die Opfer der Colonia Dignidad.

5.           Ihr ultimativer Gastro-Geheimtipp?

Als Erstes mal hin und wieder eine oder einen der ausgezeichneten „Meisterköche“ aufsuchen. Berlin ist eine beeindruckende gastronomische Stadt, den Genuss dürfen wir doch nicht allein den Touristen überlassen. Und da gibt es von Sterneküchen bis Kiezmeister alles im Angebot. Ich esse gerne Besonderes. Das kann die edle Variante sein, aber auch das einfache Traditionelle aus der Region oder aus aller Welt. Vor allem: Es gibt auch vieles außerhalb des Berliner S-Bahn-Rings.

6.           Ihr ultimativer Shopping-Geheimtipp?

Kauft Dinge, die wirklich nachhaltig sind, also öko und fair hergestellt. Übrigens ist weniger mehr. Es gibt genug Läden dafür und auch überall Kennzeichnungen, die helfen.

7.           Der beste Stadtteil Berlins ist …

Natürlich Schöneberg. Eine wunderbare Mischung von Menschen und verschiedenen Kiezen. Außerdem heißt das Lied ja auch: „Es war in Schöneberg im Monat Mai“. Und das ist schließlich der vielversprechendste Monat des Jahres.

8.           Das nervt mich am meisten an der Stadt:

Dass wir quasi die Vielstaaterei nicht überwinden. Berlin hat vor über 100 Jahren eben diese Bezirksstruktur bekommen, weil die Schaffung der politischen Einheit Groß-Berlin anders nicht durch den preußischen Landtag gekommen wäre. Aber wir müssen doch endlich eine angemessene und schnellere Entscheidungsfindung und Kooperation hinkriegen. Die Stadt muss zentrale Zukunftsfragen auf den Weg bringen. Und als Zweites nervt mich, dass an manchen Stellen zu wenig ordentlich geplant wird. Zum Beispiel die Wahlen: Da hätte es auch zur Rechtsaufsicht gehört, eine gute Planung frühzeitig einzufordern und zu unterstützen.

9.         Was muss sich dringend ändern, damit Berlin lebenswert bleibt?

Wie ich gerade sagte, die Entscheidungen angehen und umsetzen. Wir haben enormes Potenzial, heben wir es. Vom Mietrecht – da ist allerdings der Bund zuständig – bis hin zu neuen Jobs durch Klimaschutz liegt alles auf dem Tisch.

10.         Ihr Tipp an Unentschlossene: Nach Berlin ziehen oder es lieber bleiben lassen?

Kommt gerne her. Die Stadt ist herausfordernd, aber hier gibt es die Tradition, andere gerne aufzunehmen und damit noch klüger und stärker zu werden.

11.         Cooler als Berlin ist nur noch ...

… nichts! Außer man zieht ans Meer.