Frank Steffel hat sich mit seiner Dissertation viel abverlangt, aber das  war ihm offenbar bewusst. „Als aktiver mittelständischer Unternehmer und Wirtschaftspolitiker eine Dissertation fertigzustellen, bringt einige besondere Schwierigkeiten mit sich“, lautet der erste Satz im Vorwort. „Wenig zusammenhängende Zeit“ habe er gehabt und die Gefahr vor Augen, „den wissenschaftlichen Anspruch zu vernachlässigen“.

1999 reichte der CDU-Politiker seine Arbeit an der Freien Universität (FU) ein, zwei Jahre bevor er als Spitzenkandidat bei der Abgeordnetenhauswahl gegen Klaus Wowereit antrat – und verlor. Er war ehrgeizig, galt als politisches Talent. Aber war Steffel auch ein guter Wissenschaftler?

Es gibt klare Hinweise darauf, dass er sich jedenfalls nicht an die Regeln guter wissenschaftlicher Praxis gehalten hat. Der Berliner Zeitung liegen Belege dafür vor, dass Steffel lange Passagen seiner Arbeit abgeschrieben hat, ohne die Zitate als solche zu kennzeichnen.

Mindestens 15 Seiten des rund 260-seitigen Textes sind aus anderen Quellen übernommen – zu großen Teilen wortwörtlich. Dies ist das Ergebnis mehrerer stichprobenartiger Überprüfungen. Eine umfassende Prüfung steht noch aus, dafür wäre die FU zuständig. Der Hochschule sind die Vorwürfe  seit November vorigen Jahres bekannt. Derzeit würden sie geprüft, heißt es. Und auch Frank Steffel weiß darum.

In seiner wirtschaftswissenschaftlichen Arbeit beschäftigte sich Steffel mit der „Bedeutung und Entwicklung der Unternehmer in den neuen Bundesländern nach der Deutschen Einheit 1990“, so der Titel. Das Thema war für ihn naheliegend – er selbst expandierte mit dem Handel für Fußbodenbeläge, den er von seinen Eltern übernommen hatte, nach Brandenburg. Größere Erkenntnisse beinhaltet die Arbeit nicht. „Für eine abschließende Stellungnahme und Prognose hinsichtlich  der Unternehmerschaft in den neuen Bundesländern ist es noch zu früh“, schrieb er.

Dass ihm keine bahnbrechende wissenschaftliche Leistung gelungen war, fiel nicht nur Steffel selbst auf, sondern auch anderen aufmerksamen Lesern. 2001, während des Wahlkampfs, schrieb der Tagesspiegel, Steffel führe in seiner Arbeit keine wissenschaftliche Diskussion. „Was er getreulich referiert, dem schließt er sich auch an – was bis in den Stil hineinwirkt“, heißt es in dem Artikel. „Hat man an einer Stelle das Gefühl, eine Selbstdarstellungs-Broschüre der Treuhand zu lesen, klingt Steffel an einer anderen glatt nach einem veritablen Anti-Kapitalisten.“

Nicht referiert, sondern abgeschrieben

Dass Steffel mindestens in Teilen seiner Arbeit nicht einfach nur referiert hat, sondern abgeschrieben, hat der Plagiatsexperte Martin Heidingsfelder festgestellt. Er ist Gründer der Plattform Vroniplag Wiki, die unter anderem die Plagiate in den Dissertationen von FDP-Politikerin Silvana Koch-Mehrin und von Veronica Saß aufdeckte, der Tochter von Edmund Stoiber.

Laut Heidingsfelders Einschätzung, die der Berliner Zeitung vorliegt, hat sich   Frank Steffel   im ersten Kapitel seiner Arbeit – Titel: „Grundlage und historische Betrachtung des Unternehmers“ – großflächig bei anderen Autoren bedient.

Besonders hat es ihm offensichtlich der US-Psychologe David C. McClelland angetan. Vielleicht ja auch deshalb, weil ihm die Titel zweier seiner Standardwerke so gut gefielen: „Die Leistungsgesellschaft“ und „Macht als Motiv“.

„Missachtung geistigen Eigentums“

Ein ganzes Unterkapitel hat Steffel den Theorien McClellands gewidmet. Sie befassen sich – vereinfacht gesagt – mit der Frage, ob bestimmte Menschen ein höheres Leistungsbedürfnis haben als andere und darum Unternehmer werden. Eigentlich ist es Aufgabe von Wissenschaftlern, die Theorien kritisch zu analysieren und zu begründen, warum sie  Standpunkte teilen oder nicht.

Steffel verzichtet darauf weitgehend. Tatsächlich sind mehrere Seiten der 13-seitigen Textpassage wörtliche Plagiate und zeugen davon, dass Steffels wissenschaftliches Leistungsbedürfnis offenbar gering ausgeprägt war. Er verweist zwar mit Fußnoten auf das zugrunde liegende Originalwerk. Anführungszeichen verwendet er jedoch nicht.

Warum solch unkorrektes Zitierverhalten problematisch ist, erklärt der Wirtschaftswissenschaftler Markus Nöth. An der Universität Hamburg gehört er dem Ständigen Expertenausschuss an, der Verdachtsfällen von wissenschaftlichem Fehlverhalten nachgeht. 

„Wer Zitate nicht korrekt kennzeichnet, gibt als Eigenleistung aus, was keine ist“, sagt er. „Das ist eine Missachtung geistigen Eigentums.“ Zudem seien bestimmte Auffassungen in der Wissenschaft ja umstritten. „Man muss sich als Wissenschaftler mit ihnen auseinandersetzen. Aber das geht nicht, wenn man sie einfach kopiert.“ Seitenlanges Abschreiben sei in jedem Fall nicht akzeptabel.

Wesentliche Informationen ausgelassen

Tatsächlich hat Steffel in den untersuchten Textpassagen auch wesentliche Informationen nicht aufgeführt. So verweist der Psychologe McClelland in seinen Arbeiten auf andere Autoren – diese Quellenhinweise fehlen in der Dissertation des CDU-Politikers.

Eine zweite lange Passage, die Steffel allem Anschein nach übernommen  hat, konnte die Berliner Zeitung im Zuge dieser Recherche identifizieren. Unterkapitel 3.4.2 ist überschrieben: „Die Kombinate und ihr Weg in die Marktwirtschaft“. Steffel gibt darin die mehr oder minder geglückte Privatisierung dreier DDR-Großbetriebe wieder – detailreich und anschaulich.

Die lebhafte Schilderung erstaunt beim Lesen – wie sollte Steffel die Erkenntnisse erworben haben? Schließlich umfasst seine Arbeit keinerlei eigene empirische Forschung, sondern baut auf Literatur und Statistiken auf. Ob Steffel sich tatsächlich  näher mit den Kombinaten befasst hat, ist fraglich. Nicht unwahrscheinlich ist, dass er stattdessen abgeschrieben hat aus mehreren Artikeln in dem Band „Kombinate – was aus ihnen geworden ist“, herausgegeben 1993 vom Verlag Die Wirtschaft.

Auch diese Quelle nennt Steffel in mehreren Fußnoten. Diese Noten stehen aber mitten im Text, als sollten sie einen Beleg für einzelne Absätze liefern. Steffel legt an einer Stelle dem Leser auch nahe, er habe Einblick gehabt in interne Dokumente und gibt die Eingangsnummer eines Schreibens des 1991 ermordeten Treuhandpräsidenten Detlev Rohwedder beim VEB Reisebüro wieder. Doch auch hier entsteht der Eindruck, dass er abgeschrieben hat, denn   das Dokument  steht auf Seite 348 des Originalbandes.

„Ersichtlich keine Täuschungsabsicht“

Horst Winkler ist einer der Autoren, dessen Texte  Steffel übernommen hat. Für den „Kombinate“-Band verfasste der Journalist einen Artikel über die Abwicklung der Handelsorganisation (HO). Er erfuhr von der Berliner Zeitung, dass sich der CDU-Politiker bei ihm bediente.

„Ich bin ein bisschen geschockt, dass es sich der Autor einer Dissertation so leicht gemacht hat“, sagte er nach dem Vergleich von Original und Plagiat. „Es geht aus dem Beitrag nicht hervor, dass er wortwörtlich zitiert. Ich finde das ziemlich anmaßend.“ Auf Anfrage der Berliner Zeitung hat Frank Steffel  reagiert. „Die FU Berlin hat mich darüber informiert, das sie eine Überprüfung meiner Dissertation vornehmen wird“, schreibt er. „Ich habe volles Vertrauen in die Gremien der FU.“

Auch eine Reaktion seines damaligen Doktorvaters schickt der damalige  Doktorand mit. „Ich habe die Synopse von VroniPlag studiert und anschließend die Dissertation noch einmal durchgesehen“, schreibt Professor Doktor Dietrich W. Winterhager: „Zu den von Heidingsfelder erhobenen  Vorwürfen stelle ich fest: Die von Herrn Dr. Steffel gewählte  Zitierweise entsprach den von mir als Erstgutachter gestellten Anforderungen. Sie war damals an meinem Lehrstuhl und nach meiner Kenntnis und Überzeugung  auch im gesamten Fachbereich üblich.“

Insgesamt stelle er fest, „dass die Doktorarbeit den seinerzeit üblichen Zitierregeln folgt. Der Doktorand hat ersichtlich keine Täuschungsabsicht gehabt. Und ich bin auch objektiv nicht getäuscht worden, da ich die zitierten Texte kannte, die Übernahmen erkannte und die Zitierweise für ausreichend erachtete.“

Nicht der erste Fall in der Berliner CDU

In der Berliner CDU gab es schon früher einen Plagiatsfall: Der Fraktionsvorsitzende  Florian Graf musste im Jahr 2012 einräumen, sieben Seiten des Theorie-Teils seiner Promotion abgeschrieben zu haben. Er bat daraufhin die Universität Potsdam, ihm den Titel abzuerkennen. Seine Ämter behielt er.

Und auch Frank Steffel ist schon einmal unter Verdacht geraten, sich mit fremden Federn zu schmücken. Voriges Jahr zur Bundestagswahl warb der Vorsitzende der CDU-Reinickendorf und Wahlkreis-Direktkandidat für sich mit einem  Schreiben, das   Briefkopf und Unterschrift von Angela Merkel trug. 

Nur: Die Unterschrift war nicht von der Parteichefin und Bundeskanzlerin – und sie wusste auch nichts davon. Offenbar hatten Steffel oder seine Mitarbeiter den Brief selbst erstellt und eine Unterschrift darunter gesetzt, die Merkels Unterschrift bei Wikipedia sehr ähnelt. Sein Büro sprach von einem „bedauerlichen Missverständnis“.

Steffel verteidigte bei der Bundestagswahl schließlich das Direktmandat in der CDU-Hochburg Reinickendorf. Im Bundestag sitzt er im Auswärtigen Ausschuss und im Sportausschuss. Im Ehrenamt ist Steffel Präsident des Handballbundesligisten Füchse Berlin.