Am Montag findet zum 19. Mal die große Weihnachtsfeier für Obdachlose und Bedürftige im Estrel-Hotel in Neukölln statt. Organisiert hat die Veranstaltung wie immer Frank Zander. Zu einem Gespräch darüber treffen wir den Sänger und Entertainer in einer seiner Stammkneipen in Charlottenburg. Sie ist zweistöckig, Fußball wird übertragen, auf der Karte stehen Burger. Zander kommt rein, geht zur Bar, bestellt sich ein Bier und sagt, dass es losgehen kann.

Herr Zander, mittlerweile bewirten Sie 3000 Gäste. Überfordert Sie das nicht irgendwann?

Nein. Die Menschen, die ich einlade, sind alle zu bedauern, die Wohnungslosen oder auch die Alkoholkranken, für die es anscheinend keinen Ausweg gibt. Ich lasse mich dabei vom christlichen Glauben leiten: Es ist Weihnachten, da sollte man nie aus dem Blick verlieren, das man für andere da sein sollte.

Nicht alle kommen frisch geduscht in das Hotel.

Na und? Es macht mir Spaß, ich werde nicht krank davon und habe auch keine Berührungsängste. Viele umarmen mich. Einmal hat mich ein Betrunkener voll gespuckt. Also habe ich mir die Hände gewaschen und was Frisches angezogen– und weiter ging’s. Und ich werde ja dadurch auch nicht ärmer. Schließlich haben wir Sponsoren mit Sach-und Geldspenden. Aber es ist schon kurios. Es gibt immer noch Firmen, denen müssen wir sagen: Nein, Sie können bei uns nicht werben. Das ist eine Feier für Bedürftige.

Den Berlinern gefällt anscheinend, was Sie da machen.

Ja, das kann man so sagen. Ich fühle mich wohl in der Rolle, und die Unterstützung ist irre. Mal ist da ein Taxifahrer, der mich umsonst mitnimmt und sagt: Das ist für die Obdachlosen. Mal steckt mir einer einen 50-Euro-Schein zu. Immer wieder höre ich von irgendwo: Bleiben Sie uns erhalten. Dann umarmt mich einer. Da kommen einem schon mal die Tränen. Jetzt bin ich bei der Feuerwehr eingeladen. Die wollen sich bedanken, weil ich geholfen habe. Es war diesen Sommer bei mir in Charlottenburg. Das Fenster war offen und draußen war Geschrei. Ich sah draußen viele Feuerwehrleute. Da lag ein Betrunkener auf dem Bürgersteig. Die Feuerwehr wollte ihn mitnehmen, er hat sich geweigert. Ich gehe zu ihm hin, er sieht mich und sagt: Zander, bist’n Juter. Ich habe ihm zugeredet – und er ist mitgegangen.

Die Berliner mögen Sie wegen Ihres Engagements wirklich.

Ja. Ich mochte früher den Pfitzmann, der war auch so. Der hatte auch den nötigen Ernst. Damals dachte ich: Da kommst du nie ran. Aber jetzt bin ich es. Es gibt eben diese Tradition, dass Berlin noch etwas anderes ist als dicke Hotels und Empfänge. Und diese Tradition pflege ich. Aber eins macht mich sauer.

Was denn?

Es gibt so viele Leute, die sagen: Mensch, finde ich toll, was du machst. Zuletzt wieder Axel Prahl, Anna Loos und Jan Josef Liefers, mit denn ich einen „Tatort“ gedreht habe. Dennoch bin ich noch nie eingeladen worden zu einer Bambi-Verleihung. Dabei wird beinahe jeder Schwanz dazu eingeladen. Und auch die goldene Henne flattert immer dick und fett an mir vorbei. Und das, obwohl ich längst weit mehr als eine Million Tonträger verkauft habe. Das bedeutet, dass ich auch als Künstler Erfolg habe. Aber die ignorieren mich. Einmal hieß es bei der Goldenen Henne: Zander, wir haben was mit dir vor. Ich dachte: Okay, werde ich wenigstens mal im Fernsehen eingeblendet. Aber Null.

Wir können nicht miteinander reden, ohne über Hertha BSC zu sprechen. Über ihre Hymne, dieses „Nur nach Hause. Nur nach Hauuuuuuse. Nur nach Hause – geh“n wir nicht“ – nach „I Am Sailing“ von Rod Stewart. Das singen die Fans bei jedem Spiel im Stadion. Wie kam es dazu?

Erstmal muss ich sagen, dass ich nicht der große Fußballer bin, das war immer mein Sohn Marcus. Dann kam das Olympiastadion mit einem Privatsender: Herr Zander, wir kennen Ihr Lied „Nur nach Hause“. Das können Sie doch vielleicht auf Hertha umtexten… Okay. Das Stadion war voll, 1993, Pokalhalbfinale, Hertha-Bubis gegen Chemnitz: Ich habe mit „Hier kommt Kurt“ angefangen. Das kam auch ganz gut an, aber man hörte keinen Applaus – so was kennt man ja aus dem Fußballstadion. Und dann kam zum ersten Mal „Nur nach Hause für Hertha“. Wir hatten das Ding über Nacht umgetextet, ich hatte einen Schnupfen und es klang sehr näselnd. Nach dem zweiten Refrain tippte mir mein Sohn auf die Schulter und sagte: „Guck mal, die Fans.“ Die hoben ihre Schals, schwenkten sie und sangen mit. Das war wie eine Spritze. „I Am Sailing“ hat nichts mit Fußball zu tun. Aber mit Sehnsucht. So fing das an.

Die Fans singen es immer noch voller Inbrunst, direkt vor jedem Spiel.

Ja, dieser Song ist eigentlich auf Ibiza entstanden, in unserem Haus. Ich saß da mit Gitarre, trank wie immer ein bisschen Hierba, das ist ein Likör aus Ibiza, ein bisschen Sekt und Bier, und dann singe ich „Nur nach Hause.“ Alle haben mitgesungen. Es ist so entstanden, am Strand von Ibiza.

Sind Sie denn glücklich mit Hertha, und wie der Verein mit Ihrem Lied umgeht?

Na ja. Da hieß es ja immer mal: Schreib‘ doch mal eine neue Hymne. Aber was soll ich tun? Hymnen entstehen. Ich kann neue Lieder schreiben. Aber wenn die Ostkurve mich will, kannst du das Ding irgendwo hinschreiben. Und es ja wirklich immer wieder erstaunlich. Wenn diese Musik kommt, das ist wie vor einer Schlacht: Dieses sich Anfassen, dieses Schwanken. Wie ein Indianergesang.

Sind Sie stolz darauf?

Ja, darauf bin ich stolz. Dieses gemeinsame Singen ist wie ein Gebet. Deswegen gehe ich auch immer zu den Fans, wenn ich mal im Stadion bin. Ich kann da nicht im VIP-Bereich sitzen und so tun, als wär’ s mir egal. Vor allem ist es schön, weil es eine Liebe ist, die gewachsen ist. Es ist ja nicht so, dass ich vorher riesig viel mit Hertha zu tun gehabt hätte. Jetzt merke ich immer mehr: Dieses Lied gehört zu Berlin. Alle singen es, Araber, Türken, Deutsche…

Bringt Ihnen das zusätzliche Fans, jenseits des Schlagers?

Ganz eindeutig ja. Ich habe im April in Kreuzberg ein Video für meine CD „Typisch Wassermann“ gedreht. Da kamen irgendwann abgefahrene Leute an, Punks, irgendwelche Mädels, ganz normale Berliner. Die wollten sich mit mir fotografieren lassen. Das wäre nicht möglich gewesen, wenn ich, sagen wir mal, Roland Kaiser wäre. Sorry, Roland!

Sie sagen, „Nur nach Hause“ verbinde Sie mit Berlin. Was verbinden Sie mit Berlin?

Ich brauche dieses Durcheinander, dieser Durchwurschteln. Aber manchmal habe ich auch die Fresse voll von meiner Stadt, überall diese neuen Hotels und so. Muss wahrscheinlich so sein, aber Mensch, da geht auch so viel kaputt. Fülle macht auch blind.

Was meinen Sie?

Ich meine, dass ich Berlin auch ganz anders kenne. Ich bin in Neukölln geboren und aufgewachsen. Ich bin ein Nachkriegskind. Wir haben am Karl-Marx-Platz gewohnt. Ich sehe noch den ganzen Schutt vor mir, den zerstörten U-Bahnhof. Ich habe neulich für die ARD einen Film gemacht: „Meine Erinnerungen an Weihnachten“. Da habe ich mich sehr auf diese Zeit konzentriert, deswegen habe ich das jetzt so präsent. Weihnachten war dunkel und sehr kalt. Ich kann mich an den Winter 48/49 erinnern, da sind wir zur Kirche am Karl-Marx-Platz gegangen. Auf dem Weg waren nur zwei, drei Laternen. Danach sind wir zurück, rein in die warme Stube und haben ein bisschen was gesungen. Es war gefühlvoll und einfach. Heute trauern dem viele nach. Ich bin da übrigens immer noch gerne, am Karl-Marx- und am Richardplatz.

Verstehen Sie sich als politischen Menschen?

Eigentlich bin ich ein politischer Mensch und die Obdachlosenfeier ist mein Podium. Ich stehe nun mal auf der Seite der Ärmeren. Die haben von dieser Entwicklung nichts, von all diesen Hotels und Galas.

Wo fühlen Sie sich wohl?

Na, zum Beispiel am Tresen. Das hängt sicher auch mit dem Lied zusammen, mit „Nur nach Hause“. Das war ja eigentlich ein Kneipenlied, ein Rausschmeißer. So wie früher „Ich trink auf dein Wohl. Marie“ oder „Ja wenn wir alle Englein wären“. Ich bin sogar mal von einer Brauerei zum Botschafter der Kiezkneipe gekürt worden. Ich stehe gerne am Tresen mit den Leuten, quatsche und lasse mich schnell verleiten.

Ist das nicht sehr anstrengend, immer der zum Anfassen zu sein?

Ach nee. Langeweile kenne ich nicht. Mir kommen jeden Morgen Gedanken darüber, was ich machen könnte. Was kann ich für eine neue CD machen? Was für neue Songs? Mit wem kann ich zusammenarbeiten? Wo kann ich demnächst wieder meine Bilder zeigen? Oder auch neulich der „Tatort“ – das hat mir Spaß gemacht. Endlich mal wieder Film. Ich weiß gar nicht, wie man Langeweile schreibt.

Ihre raue Stimme verdanken Sie einer verschleppten Mandelentzündung. Jetzt hatten Sie eine Hüft-Operation. Haben Sie keine Angst, dass es irgendwann zu viel wird?

Nein, das mit der Hüfte war ein Kolbenfresser auf der rechten Seite. Aber ich habe mich schnell erholt. Ich fühle mich gut.

Sie haben erzählt, die Leute rufen Ihnen zu: Bleiben Sie uns erhalten! Was tun Sie denn dafür?

Eine ganze Menge. Ich esse Äpfel und Bananen. Und seit neun Jahren wasche ich mich morgens mit einem ganz harten Schwamm bei kaltem Wasser. Das hilft.

Das Gespräch führten Michael Jahn und Elmar Schütze