Den Widrigkeiten symbolisch trotzen und im leeren Stadion live singen - Frank Zander macht es möglich.
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BerlinAm Sonnabend um 18.30 Uhr hätten sich zu normalen Zeiten, als der Coronavirus noch nicht die Welt in Atem hielt, rund 75 000 Menschen ins seit Wochen ausverkaufte Olympiastadion begeben. Das Derby zwischen Hertha BSC und dem 1. FC Union sollte für beide Bundesligisten und deren Fans das Spiel des Jahres werden. Nach dem 1:0 für Union im Hinspiel an der Alten Försterei wollten beide Teams auch den Titel eines „Stadtmeisters“ holen.

Bei beiden Mannschaften geht es noch immer um den Klassenerhalt, obwohl Aufsteiger Union mit 30 Punkten besser dasteht als Hertha mit 28 Zählern. Gastgeber Hertha rechnet nach der Absage des Duells wegen der fehlenden Zuschauereinnahmen mit einem Verlust von rund zwei Millionen Euro netto. Was tun Berliner, die bei diesem Derby in unterschiedlichen Funktionen involviert gewesen wären, stattdessen am Sonnabend zur Anstoßzeit? Eine Umfrage.

Derby in der Konserve

„Es ist Samstag, 18.30 Uhr, Erste Fußball-Bundesliga im Berliner Olympiastadion. Berliner, Brrrrrandenburger, Herthaner – hier kommt euer Team, die Mannschaft von Hertha….“ Sofort schallt das „BSC“ von den Rängen zurück. Die Ansage kommt bei jedem Heimspiel von den beiden langjährigen Stadionsprechern Fabian von Wachsmann und Udo Knierim.

Diesen Sonnabend ist alles anders. Knierim, als Radiomann in Diensten bei rs2, sagt, er habe bis gegen 18 Uhr Dienst im Sender. Danach werde er sich seiner Familie widmen. „Mir kam aber noch eine gute Idee“, sagt er auf Nachfrage der Berliner Zeitung, „ich schaue mir als Konserve noch mal das Stadtderby vom 3. September 2012 an.“ Damals siegte Hertha beim 1. FC Union mit 2:1 nach Treffern von Sandro Wagner und Derby-Held Ronny. Knierim sagt, er und von Wachsmann hätten auch als Stadionsprecher agiert, wenn das Derby als Geisterspiel ausgetragen worden wäre. „Wir hätten dann die Tore sehr einsam gefeiert, aber lautstark.“

Normalerweise hört man den Torschrei aus dem Stadion bis an die berühmte Currywurstbude von Claudia Rose auf der Olympischen Brücke. „Uns wird das Spiel fehlen, das Gewusel der vielen Fans vor unserer Bude“, sagt die Besitzerin, die ihren Stand derzeit noch geöffnet haben darf. „Mittags haben wir noch Stammkundschaft“, sagt Claudia, die wie ihre Mitstreiterin derzeit mit Handschuhen arbeitet, wenn Würste oder Bouletten verkauft werden. „Noch halten sich die Verluste in Grenzen, aber das Derby vermissen wir schon, obwohl das für uns Stress bedeutet hätte.“

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Nach den Ansagen im Stadion durch von Wachsmann und Knierim ist im Normalfall unmittelbar vor dem Anpfiff Entertainer und Hertha-Urgestein Frank Zander an der Reihe, um die Vereinshymne „Nur nach Hause“ vor der Ostkurve zu singen. Zander, der derzeit natürlich auf Auftritte verzichten muss, sagt: „Ich bin Optimist in der Krise, nutze die Zeit, um wieder zu malen.“ Der Künstler ist eben ein vielseitiger Mann. Auch er war bereit, bei einem Geisterspiel live zu singen im leeren Stadion, um den Widrigkeiten symbolisch zu trotzen.

Sohn Marcus berichtet, wie die Zanders am Sonnabend ans ausgefallene Derby denken: „Frank wird per Video die Hymne singen und gegen 18.30 Uhr auf Facebook stellen – für alle Fans und alle Berliner. Vielleicht singen dann einige sogar mit.“

Manfred Sangel, langjähriger Chef und Moderator des ehemaligen „Hertha-Echos“ , dem Radio von Fans für Fans, kommentiert seit dieser Saison zusammen mit Thomas Reckermann die Heimspiele der Hertha live und betreibt zusätzlich den Podcast „Hertha OnAir“. Sangel ist Co-Kommentator und sitzt auf der Pressetribüne. „Es ist bitter, dass das Derby ins Wasser fällt, aber eben notwendig“, sagt der treue Anhänger der Blau-Weißen. „Wir kommentieren ja immer das komplette Spiel, beginnen rund zehn Minuten vor Anpfiff mit Hintergrundinformationen. Das wird mir sehr fehlen. Ich weiß noch nicht, was meine Frau, die auch Hertha-Fan ist, und ich am Sonnabend zur Anstoßzeit machen. Vielleicht erinnern wir uns an alte Erfolge. Ich hatte im Derby auf einen Hertha-Sieg getippt, egal wie.“

Fußballer-Familie komplett

Auf einen Sieg hoffte auch Pal Dardai. Der Ungar hat erst am 16. März seinen 44. Geburtstag gefeiert. Im Sommer vorigen Jahres war Schluss für ihn als Cheftrainer nach viereinhalb recht erfolgreichen Jahren. Herthas Rekordspieler mit 286 Erstligaeinsätzen kann laut Vertrag im Sommer wieder als Coach im Nachwuchsbereich der Hertha einsteigen – oder nimmt er ein lukratives Angebot eines anderen Vereins an?

Die Dardais wären natürlich zum Derby als Fußballer-Familie komplett im Stadion erschienen. Was sie am Sonnabend stattdessen tun? „Wir sind vorbildlich und spielen zu Hause in unserem Garten Fußball“, sagt Monika Dardai, die Chefin ihrer vier Männer. „Wir spielen zwei gegen zwei!“

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Mit wem Vater Pal Dardai ein Mini-Team bilden wird, wurde nicht verraten. Alle drei Söhne sind spielstark: Profi Palko, 20, und Marton,18, (beide im Moment U23 von Hertha) und Bence, 14, der in der U15 auftrumpft. Der Jüngste ist Mittelstürmer und im Moment der torgefährlichste der Dardai-Familie.

Dietmar Teige, langjähriger Sportreporter beim rbb, hätte die Dardais liebend gern beim Derby interviewt. Er wäre als sogenannter „Beitragsmacher“ am Spielfeldrand unterwegs gewesen, um für den rbb zu liefern und für die Sportschau am Sonntag. „Ich arbeite im Moment im Homeoffice“, sagt Teige, „vielleicht werde ich am Samstagabend-Abend für den rbb ein Handyvideo produzieren mit Freizeit-und Bewegungstipps für die Berliner. Aber: Das nächste Derby kommt bestimmt.“