Frankfurt (Oder) - Der rundliche Mann mit dem geringelten Pullover ignoriert den Stuhl, der für ihn bereit steht. Er steht vor der Frau hinter dem Schreibtisch und wedelt mit seinen kräftigen Händen. Arbeit braucht er. Seine letzte Anstellung auf dem Bau war befristet. Deshalb sucht er etwas Neues. Wieder auf einer Baustelle oder in der Landwirtschaft. Die Unterhaltung findet auf Polnisch statt. Der Mann ist Pole und möchte in Deutschland arbeiten. Die Frau, Regina Gebhardt-Hille, ruft die Webseite mit der Jobbörse der Bundesagentur für Arbeit auf. Ein Angebot aus Bad Freienwalde gibt es. Dort werden Leute gesucht, die bei der Maisernte helfen. Saisonkräfte. „Dziekuje“, sagt der Mann. Danke.

Regina Gebhardt-Hille kommt vom Arbeitsamt Frankfurt (Oder) und berät Polen, die auf der deutschen Seite der Grenzregion Arbeit suchen. Sie ist groß und schlank, ihr kurzes dunkles Haar ist grau meliert, ihre hochhackigen Schuhe sind so pink wie die Strickjacke, die sie heute trägt. In den 80er Jahren war Regina Gebhardt-Hille Dolmetscherin, daher ihre Polnischkenntnisse. Seit 1990 arbeitet sie bei der Agentur für Arbeit. Zweimal in der Woche hält sie Sprechstunden in polnischen Arbeitsämtern in der Grenzregion ab, in Slubice, Gorzow, Chojna oder Gryfino. Heute ist sie in Kostrzyn. Regina Gebhardt-Hille ist Eures-Beraterin.

Auf der Webseite der Europäischen Kommission werden Eures-Berater als Fachkräfte definiert, die Menschen, die sich für den europäischen Arbeitsmarkt interessieren, beraten und vermitteln. Eine besonders wichtige Rolle spielen diese Berater in Grenzregionen, in denen sich Pendler mit unterschiedlichen nationalen Gegebenheiten und Rechtssystemen konfrontiert sehen, heißt es. Menschen, die in einem Land wohnen und in einem anderen arbeiten. In Brandenburg gibt es zwei Eures-Berater, einer in der Region Cottbus und Regina Gebhardt-Hille. Sie ist für Frankfurt (Oder) und Eberswalde zuständig. Fast 4000 Beratungsgespräche haben sie und ihr Kollege seit Mai 2011 geführt. Laut einer Statistik der Bundesarbeitsagentur arbeiten rund 6000 Polen in Brandenburg.

700 Euro im Monat

Ein Mann mit einem Pferdeschwanz betritt den Raum. Robert Niedzwiecki heißt er, ist 41 Jahre alt und hat schon Arbeit in Deutschland. Aber zufrieden ist er nicht damit. Eine deutsche Zeitarbeitsfirma hat ihn an das Zalando-Lager in Großbeeren vermittelt. Für 700 Euro im Monat bearbeitet er im Internet bestellte Ware, die zurückgeschickt worden ist. „Jeden Morgen stehe ich um drei Uhr auf“, sagt er auf Deutsch. Er hat es bei der Arbeit gelernt. 120 Kilometer weit ist sein Arbeitsweg von dem Dorf bei Kostrzyn, in dem er lebt. Sie haben eine Fahrgemeinschaft gegründet, es arbeiten noch mehr aus der Gegend bei Zalando.

Es kann passieren, dass Niedzwiecki in Großbeeren ankommt und erfährt, dass er nur drei Stunden lang gebraucht wird. An der Bezahlung ändert das nicht, sie arbeiten mit Zeitkonten. Aber frustrierend ist es. Regina Gebhardt-Hille gibt ihm zwei Angebote mit. Eine Firma in Altlandsberg sucht einen Fahrzeugpfleger mit Lkw-Führerschein. Ein Unternehmen in Fürstenwalde braucht einen Fahrer für Lebensmitteltransporte nach Polen. Regina Gebhardt-Hille zeigt die Orte auf der laminierten Brandenburg-Karte, die sie mitgebracht hat.

Von dem Fenster aus, vor dem ihr Schreibtisch steht, sieht man die Grenzanlagen. Eine überdachte Straße, die Gebäude für den Zoll, für die Kontrollbeamten. Hier an der Oder zwischen Küstrin-Kietz und Kostrzyn verlief einmal die Grenze zwischen dem EU-Land Deutschland und Polen. Das ist lange her. Seit 2004 ist Polen Mitglied der Europäischen Union. Seit 2011 herrscht volle Arbeitnehmerfreizügigkeit für Polen. Das heißt, dass sie in jedem EU-Land arbeiten können.

Aber die Grenzgebäude stehen noch, nur werden sie jetzt anders genutzt. In einem ist das polnische Arbeitsamt untergebracht. In einem anderen hat eine Zahntechnikfirma ihren Sitz. Fotos von blendend weißen Gebissen hängen an der Fassade. Auch deutsche Zahnärzte lassen hier gerne arbeiten. So manifestiert sich das Gefälle zwischen deutschen und polnischen Gehältern. Andererseits lässt es Polen in Deutschland nach Arbeit suchen. Dort sind die Löhne oft höher als in Polen. Auch bekommt Kindergeld, wer in Deutschland arbeitet. „Da gilt das Beschäftigungsland“, sagt Regina Gebhardt-Hille. Und die Arbeitslosigkeit ist in Polen ziemlich hoch. Aber sie sagt auch, dass Polen von deutschen Arbeitgebern manchmal schlechter bezahlt werden, als wenn sie einen Deutschen beschäftigen würden.

Fachkräfte sind gefragt

Die junge Frau, die als nächste an der Reihe ist, braucht nur ein paar Minuten Zeit. Sie ist Altenpflegerin, würde gern in Deutschland arbeiten. „Sprechen Sie Deutsch?“, fragt Regina Gebhardt-Hille. „Nicht viel“, antwortet die Frau. Dann müsse sie einen Deutschkurs machen, sagt Regina Gebhardt-Hille. In sozialen Berufen gehe es nicht ohne Sprache.

Regina Gebhardt-Hille sagt, dass meist niedrig Qualifizierte in die Sprechstunde kommen. „Fachkräfte sind auch in Polen gefragt und verdienen dort nicht schlecht.“ Oder sie arbeiteten schon im Ausland. „Sie gucken, wo die Bedingungen am besten sind.“ Das sei nicht unbedingt in Deutschland. Theoretisch ist Regina Gebhardt-Hille auch für Deutsche da, die es nach Polen zieht. Aber in den vier Jahren, die sie als Eures-Beraterin arbeitet, hat es nicht einmal eine Handvoll deutscher Interessenten gegeben.