Paris - Der Rest der Welt reibt sich verwundert die Augen. Was machen die Franzosen da bloß? Wochenlang streiten sie über Badekleidung. Die Frage, ob der Burkini am Strand zu dulden ist oder nicht, entzweit die Nation. Selbst innerhalb der Regierung gehen die Meinungen auseinander, ob der Ganzkörperschwimmanzug für Musliminnen als Ausdruck radikal-islamischen Machtstrebens zu ächten oder aber zu hinzunehmen ist, weil er strenggläubigen Musliminnen die Teilnahme am Strandleben ermöglicht.

Gewiss, Frankreichs Oberstes Verwaltungsgericht hat am Freitag ein überfälliges Machtwort gesprochen. Die Richter haben klargestellt, dass das schlichte Tragen eines weite Teile des Körpers bedeckenden Badeanzugs die öffentliche Sicherheit und Ordnung nicht bedroht. Sie haben daran erinnert, dass Frankreichs strikt weltlich ausgerichtete Staatsordnung besagten Staat zu religiöser Neutralität verpflichtet, nicht aber den Bürger, der ja gerade unbehelligt vom Staat sein Leben im Einklang mit seinem Glauben gestalten dürfen soll. Ein Funken Vernunft war das in erschreckendem emotionalem Dunkel. Mehr freilich auch nicht. Zu glauben, in Frankreich würde nun Rechtsfrieden einkehren, wäre naiv.

Zwei Drittel der Franzosen waren gegen das Verbot

Knapp zwei Drittel der Franzosen haben sich für ein Verbot des Burkinis ausgesprochen. An Politikern, die dem Wunsch Genüge tun wollen, fehlt es nicht. Die konservativen „Republikaner“, die laut Umfragen im nächsten Jahr die Macht übernehmen dürften, planen Gesetzesänderungen, wonach religiöse, sprich: muslimische Symbole weiter aus dem öffentlichen Leben zurückgedrängt werden sollen.

Ex-Präsident Nicolas Sarkozy, der ein zweites Mandat anstrebt, will das aus öffentlichen Schulen verbannte islamische Kopftuch künftig auch nicht mehr in Universitäten und Unternehmen dulden. Ganz zu schweigen von der als Siegerin der ersten Runde der Präsidentschaftswahlen gehandelten Rechtspopulistin Marine Le Pen. Die Chefin des Front National will dafür sorgen, dass islamische Symbole gänzlich aus Frankreichs Straßenbild verschwinden.

Und es ging und geht in der Auseinandersetzung um die Duldung des Burkinis ja auch nicht wirklich um diesen im Rest der Welt mit Gleichmut hingenommenen Badeanzug. Wenn die Debatte zuletzt immer aberwitzigere Züge angenommen hat, dann deshalb, weil das Kleidungsstück daran erinnert, was in dem Europas größte islamische Gemeinde beherbergenden Land gesellschaftlich aus den Fugen geraten ist. Und das ist eine ganze Menge.

Das beginnt beim Selbstverständnis der Nation oder, wie Sarkozy zu sagen pflegt, deren Identität. Theoretisch ist sie abschließend definiert. Fasziniert von den Werten der Revolution, werden die Franzosen ungeachtet ihrer kulturellen und religiösen Zugehörigkeit unter dem Dach einer allein Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit verpflichteten Republik zusammenfinden. Das ist der hehre Anspruch.

Glauben ist reine Privatsache in Frankreich

Ausdruck gefunden hat er unter anderem in einer strikten Trennung von Staat und Kirche. Glauben ist reine Privatsache, die Staatsgewalt hat sich in religiösen Angelegenheiten strikt neutral zu verhalten.
Das Fatale ist nur. Die Wirklichkeit fügt sich diesem Ideal immer weniger. Zumal die in Vorstädten gestrandeten Nachfahren muslimischer Einwanderer und die alteingesessenen Franzosen finden nicht zueinander. Die an den Rand Geratenen, wenn nicht Ausgegrenzten grenzen sich ihrerseits ab, stellen ihr religiöses Anderssein heraus.

Salafisten und die Terrormilizen des „Islamischen Staates“ versuchen erfolgreich, den sich öffnenden Graben zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen zu vertiefen, rufen auf zum Religionskrieg. Was den Staat vor die Herausforderung stellt, sich mit der Religion auseinanderzusetzen, einen Islam à la Francaise zu konzipieren – was er von Rechts wegen ja gar nicht darf.

So verfahren die Situation indes auch ist, am überkommenen Staatsverständnis mag niemand rütteln. Und so begeben sich die Politiker auf Nebenkriegsschauplätze – mit zum Teil aberwitzigen Folgen. Dass Bürgermeister im Namen von Sicherheit, Hygiene und effizienter Seenotrettung den muslimischen Ganzkörperanzug verbieten, ist eine davon.

Die Alternative wäre, sich den wahren Problemen zuzuwenden. Eine Herkulesaufgabe wäre das. Da ist zunächst die Herausforderung, die Nachfahren nordafrikanischer Einwanderer zu integrieren, ihnen auf dem Wohnungs- und Arbeitsmarkt die gleichen Chancen einzuräumen wie alteingesessenen Franzosen. Dass Frankreichs Muslime als potenzielle Terroristen stigmatisiert werden, macht den Brückenschlag noch schwieriger. Dann gilt es, den zur Gewalt aufrufende Salafisten entgegenzutreten, sie dort zu attackieren, wo sie am erfolgreichsten sind: im Internet.

Charismatische Muslime aufbieten, hieße das etwa, die in den sozialen Netzwerken die von Hasspredigern umworbene Jugend für einen moderaten Islam gewinnen. Aber wie soll ein Staat das leisten, der sich aus religiösen Angelegenheiten strikt herauszuhalten hat? Zu verbieten, was an Versäumtes erinnert, ist da deutlich einfacher.