Franziska Giffey war vor einigen Wochen zu Gast in der Talkshow von Maybrit Illner. Es ging um die Armutszuwanderung aus Südosteuropa, um Roma-Familien in den Problemkiezen deutscher Großstädte. Und Giffey, die Neuköllner Bildungsstadträtin, konnte glänzen. In einem pinkfarbenen Blazer und mit Golduhr am Handgelenk gab sie die besorgte Lokalpolitikerin, die Probleme offen anspricht, mehr Hilfen fordert und auf Integration durch Bildungsangebote setzt.

Früher hätte hier der Neuköllner Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky (SPD) gesessen. Jetzt darf Franziska Giffey ran. Das zeigt ihre gewachsene Bedeutung. Es scheint in letzter Zeit immer alles auf Franziska Giffey zuzulaufen in Neukölln.

Das Gegenüber fest im Blick

Franziska Giffey ist 36 Jahre alt, sie würde niemals in Jeans zu offiziellen Anlässen gehen, unseriös findet sie das. Sie bevorzugt Blazer und Hose und legt außerdem Wert auf den Doktortitel vor ihrem Namen. Vor vier Jahren schon wurde sie überraschend die jüngste Stadträtin im Bezirk; vor einigen Wochen musste sie den SPD-Kreisvorsitz übernehmen, nachdem der bisherige Kreischef Fritz Felgentreu nach einer Abstimmungsniederlage entnervt hingeschmissen hatte. Und 2016 – oder auch ein bisschen früher – könnte Franziska Giffey sogar Bezirksbürgermeisterin von Neukölln werden. Das munkelt man auf den Rathausfluren und anderswo.

Spätestens in zwei Jahren muss Franziska Giffeys politischer Ziehvater Heinz Buschkowsky seinen Posten nämlich endgültig aufgeben. Altersbedingt. Und man darf wohl sagen, dass Buschkowsky seine wahrscheinliche Nachfolgerin selbst groß gemacht hat. Darauf angesprochen, will Franziska Giffey in ihrem Bezirksamtsbüro lieber nichts sagen. Ihr persönliches Verhältnis zu Heinz Buschkowsky sei unverändert „sehr gut“, erklärt sie. „Ich habe viel von ihm gelernt.“

Ganz wichtig sei eine pragmatische Sicht auf die Dinge. „Es gab mal einen guten Spruch“, sagt Franziska Giffey in ihrem hellen, ein wenig säuselnden Sprechton. „Wirklich die Zukunft zu gestalten, ist, nicht nach rechts oder links zu schauen, sondern nach vorne.“ Eltern an ihre Pflichten erinnern, energisch gegen Schulschwänzer vorgehen, möglichst verbindliche frühkindliche Bildung einfordern und auch mal per Wachschutz für Ordnung an Neuköllner Schulen sorgen – da ist Giffey ganz bei Buschkowsky.

Nur in der Art, wie sie die Dinge benennt, wirkt sie anders: betont freundlich, für ihre Sichtweise werbend, das Gegenüber stets fest im Blick. „Es macht immer der Ton die Musik, man kann bestimmte Dinge auch anders sagen“, sagt Franziska Giffey.

Traumberuf Lehrerin

Anders als Heinz Buschkowsky und andere Bezirkspolitiker ist sie keine gebürtige Neuköllnerin, sondern kam 1978 in Frankfurt (Oder) zur Welt. Aufgewachsen ist sie mit einem Bruder in einem Dorf zwischen Fürstenwalde und Frankfurt, der Vater war Kfz-Meister, die Mutter als Buchhalterin tätig. „Eine wunderschöne Kindheit“, sagt sie. Am Ende der 6. Klasse dann kam der Mauerfall und die Wende und nur kurz darauf der Wechsel aufs Gymnasium nach Fürstenwalde. „Für die Lehrer war alles neu, und wir waren die Versuchskaninchen“, sagt sie.

Doch Franziska Giffey fand sich in der neuen Zeit schnell zurecht. Sie begann, neben Russisch auch Englisch und Französisch zu lernen. Im Rückblick sieht sie die Wende mit Dankbarkeit und als große Chance, auch wenn die Eltern erst einmal arbeitslos wurden, glücklicherweise nur für kurze Zeit.

Ihre Leidenschaft für Fremdsprachen wollte sie dann zum Beruf machen. Sie studierte nach dem Einser-Abitur Englisch und Französisch auf Lehramt an der Berliner Humboldt-Universität. „Lehrerin war eigentlich mein Traumberuf“, sagt Franziska Giffey. Sie gibt viel Nachhilfe und stellt dabei irgendwann fest, dass sie Stimmprobleme bekommt, wenn sie viel und etwas lauter spricht. Eine Stimmuntersuchung ermittelt die Ursache: Kehlkopfmuskelschwäche.

Mehrere Ärzte raten ihr davon ab, als Lehrerin vor einer lauten Klasse zu stehen, das mache ihre Stimme auf Dauer nicht mit. Giffey studierte daraufhin Verwaltungswissenschaften. Zügig und zielstrebig, wie es ihre Art ist.
Zunächst arbeitete sie im Rathaus von Treptow-Köpenick, doch dann kommt es zu einer Begegnung, die ihr Leben verändern sollte. Neukölln suchte eine Europa-Beauftragte, Franziska Giffey bewarb sich, Bezirksbürgermeister Buschkowsky lud sie zum Bewerbungsgespräch ein.

Thema Zuwanderung als Reizthema erkannt

Schon kurz nach dem Gespräch kam der Anruf aus Buschkowskys Büro: Sie habe die Stelle sicher. Das war der Beginn ihrer Zusammenarbeit. Im November 2002 wurde Franziska Giffey die jüngste Europa-Beauftragte Berlins.
„Ich habe dann acht Jahre lang EU-Mittel nach Neukölln geholt“, sagt sie. Sie lernte viel kennen dabei: die Verwaltungsstrukturen, aber auch die Berliner und viele Projekte, die für kurze Zeit von den Zuschüssen aus Brüssel zehren und wahrlich nicht immer eine nachhaltige Wirkung entfalten. Aber sie sah auch, wie wichtig ein Quartiersmanagement sein kann, das damals den übel beleumdeten Bezirk stützte.

Erst 2007 trat Franziska Giffey in die SPD ein. Sie wurde dann, weil sie ja schon mit EU-Geld umgehen gelernt hatte, gleich Kreiskassiererin und damit sofort Mitglied im Neuköllner Parteivorstand. Mit Parteieintritt war sie also Teil des inneren Zirkels. 2010 dann, als der legendäre, mittlerweile verstorbene Neuköllner Bildungsstadtrat Wolfgang Schimmang (SPD) aus dem Amt schied, fragte wieder Buschkowsky, ob Franziska Giffey nicht die Nachfolge antreten wollte.

Da war ihr Sohn noch nicht mal ein Jahr alt, und sie hatte soeben ihre Promotion abgegeben. „Gerade eine Riesenaufgabe geschafft, kam dann diese Frage“, sagt Franziska Giffey. Nach einigen Gesprächen mit ihrem Mann, einem Veterinärmediziner, sagte sie schließlich zu.

Nun muss man wissen, dass der Posten des Schulstadtrates unter Bezirkspolitikern keineswegs zu den begehrtesten zählt. Ständig hat man es mit aufgebrachten Eltern und genervten Schulleitern zu tun, muss nötige Schulsanierungen wegen Geldmangels aufschieben und gleichzeitig auf den demografischen Wandel reagieren. Viele Stadträte haben sich eine Menge Ärger eingehandelt.

Spricht man jetzt mit Neuköllner Schulleitern über ihre Stadträtin fallen die Einschätzungen hingegen überaus positiv aus. Sie kümmere sich, könne gut verhandeln, kenne den Schulalltag. „Vom aufopferungsvollen Kampf unserer Stadträtin“, spricht Lothar Semmel, amtierender Schulleiter der Clay-Sekundarschule, die nach 25 Jahren im Provisorium nun endlich einen Neubau erhalten soll. Giffey habe dem Senat das noch fehlende Geld abgerungen. Natürlich nutzt sie das Amt auch, um sich politisch zu profilieren. Sie besucht gerne den Bildungscampus Rütli, das Vorzeigeprojekt.

Sie hat die Roma-Zuwanderung früh als Reizthema erkannt, besuchte sogar deren Herkunftsorte in Rumänien. Und öffentlichkeitswirksam führte sie jüngst auch Junglehrer aus anderen Bundesländern per Reisebus durch ihren Bezirk.

Neuköllner Zustände

Auch auf Landesebene mischt Giffey inzwischen kräftig mit. Die Neuköllner SPD unterstützt im parteiinternen Machtkampf um die Wowereit-Nachfolge deutlich Raed Saleh, den SPD-Fraktionschef im Abgeordnetenhaus. Bemerkenswert ist, dass Giffey im vergangenen Jahr gemeinsam mit Saleh ein millionenschweres Programm für Brennpunktschulen durchsetzte, ursprünglich gegen die amtierende Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD), die das Geld anders einsetzen wollte.

Mit Scheeres und ihrem Bildungsstaatssekretär Mark Rackles, die dem Lager von SPD-Landesparteichef Jan Stöß zugerechnet werden, gerät Giffey ohnehin immer wieder aneinander. Tatsächlich ist es ja so, dass Buschkowsky und auch Giffey bei öffentlichen Auftritten gerne die katastrophalen Entwicklungen in ihrem Bezirk herausstellen.

Der streitlustige Rackles hat Giffey und der Neuköllner SPD schon mal in einer scharfen SMS-Nachricht vorgeworfen, dass die „bezirklichen Akteure selbst zu Kronzeugen des Abgesangs auf Neukölln werden“. Dauerhafte Negativkampagnen würden dazu führen, dass der Bezirk weiter an Attraktivität verliere.

Giffey kontert, dass die Situation gerade an Nord-Neuköllner Schulen weiter sehr schwierig sei. Zwar seien in den vergangenen Jahren viele Studenten und Akademiker in die Gegend gezogen, doch bisher mache sich das an den Schulen nicht bemerkbar. Hier dürfe man nicht locker lassen. Ungeduldig ist sie immer noch, vor allem wenn die Dinge nicht vorankommen, wenn etwa Bauprojekte sich hinziehen, weil alle möglichen Verordnungen einzuhalten sind.

Ihr Mentor Buschkowsky hat 2012 das umstrittene Buch „Neukölln ist überall“ über den Bezirk geschrieben. Franziska Giffey hat bisher nur eine Doktorarbeit verfasst: „Die Politik der Europäischen Kommission zur Beteiligung der Zivilgesellschaft am Beispiel von Berlin-Neukölln.“ Vielleicht beschreibt das den Unterschied ganz gut, den es zwischen Heinz Buschkowsky und Franziska Giffey gibt.

Sollte sie tatsächlich bald Buschkowskys Nachfolgerin werden, muss sie womöglich umziehen. Ein Bezirksbürgermeister wohnt in Berlin traditionell in seinem Bezirk. Daran hält sich nahezu jeder. Noch wohnt Giffey aber in Friedrichshain. Die Vor- und Nachteile eines Umzugs sind bei Giffeys zu Hause schon jetzt Gesprächsthema.