Beim ersten Mal war Berlin für Mélinée, 29, noch nichts Besonderes. Beim zweiten Mal aber entdeckte die französische Musikerin das Künstlerhaus „Tacheles“, traf andere Musiker, spielte auf der Straße und wollte nicht mehr weg. Das war 2010. „Es ist die Stadt meines Lebens“, sagt sie und lacht ein bisschen heiser. „Es fühlt sich so an, als wäre ich mit Berlin verheiratet. Wenn ich weg bin, fehlt sie mir. Wie Anderen der Mann.“

Mit Berlin fühlen sich zurzeit viele Franzosen verbunden, zirka 16 000 wohnen in der Stadt, darunter viele Künstler, die hier mit wenig Geld besser leben können als in ihrer Heimat.

Der Theaterautor Philippe Braz, 53, und die Autorin und Regisseurin Brigitte Athéa, 56, leben schon seit elf Jahren in Berlin, in Moabit. Athéa sagt, Berlin sei eine natürliche Wahl gewesen. „Hier gab es etwas, was man in Paris nicht mehr finden konnte: einen urbanen Raum im ständigen Umbruch.“ Ihr Mann Philippe Braz erhoffte sich in Berlin mehr Modernität für seine Kunst. „Ich wollte den französischen Schubladen entkommen“, sagt er. Die Grenzen zwischen den Künsten hier seien fließender. In Berlin haben sie den deutschen Musiker Markus Lang kennen gelernt und mit das Kollektiv „50-50“ gegründet.

Der Maler Xavier Krilyk, 45, kam bereits 1992 aus Paris, um hier konzeptueller zu arbeiten. Er beschreibt die ersten Jahre im Prenzlauer Berg so: „Alles sah aus wie vor 50 Jahren, es roch nach Kohle, das war eine Zeitreise in die Vergangenheit.“ Krilyk nimmt regelmäßig an Ausstellungen teil. Es sei zwar schwer, einen festen Platz in den Berliner Galerien zu finden, sagt er, trotzdem bereue er es nicht, hergekommen zu sein. „Berlin hat die Kunst, die in mir steckte, zum Vorschein gebracht“.

Die Geschichte der Stadt fasziniert auch Mélinée, die in Berlin-Mitte lebt. Sie verließ ihre Heimatstadt Toulouse nicht nur, um vor alten „Dämonen“ zu flüchten, sondern auch, weil sie sich in die Reste des alten, abgeblätterten Berlins verliebte. Der Jazzkomponist und Gitarrist Jonathan Bratoëff, 39, begleitet Mélinée auf ihren Konzerten. Er kam nach vielen Jahren in London vor einem Jahr nach Berlin, angezogen vom guten Ruf der Jazzszene. Seit ein paar Monaten spielt er im „Waldo“ oder „Bei Ernst“ und sagt, er habe herausgefunden, was so besonders sei an deutschen Musikern: „Sie sind gut ausgebildet und sie verbinden Intellekt und Gefühl. Das ergibt eine ganz besondere Expressivität.“ Es klingt so, als würde er noch eine Weile bleiben.

Philippe Braz hat über die Stadt das Buch „Berlin weit weg vom Meer“ geschrieben – eine Liebeserklärung. Ihn habe vor allem der Austausch mit deutschen Künstlern sehr bereicher. Die Franzosen seien eher begabt fürs Improvisieren, die Deutschen seien besser ausgebildet. Er selbst setze seine Ideen jetzt rascher um, vielleicht weil hier alle viel mehr schaffen müssten um zu überleben.

Frankreich findet man überall in Berlin

Mélinée komponiert neue Lieder über das, was sie in Berlin erlebt und möchte immer mehr in die deutsche Sprache eintauchen. „Ich wollte meine französische Identität eigentlich ablegen, aber das hat noch nicht geklappt“, sagt sie. Einige ihrer Lieder hat sie jetzt ins Deutsche übersetzen lassen und feilt an ihrer Aussprache. „Gar nicht einfach“, sagt sie mit ihrem französischen Akzent und lacht.

Brigitte mag den Gedanken, eine Französin in Berlin zu sein. Trotzdem suche sie nicht ständig den Kontakt zu anderen Franzosen, sondern profitiere eher davon, dass sie in Berlin Künstler aus aller Welt treffen könne. Im Institut Français oder in der französischen Buchhandlung „Zadig“ könne sie französische Autoren treffen, wann immer sie Lust dazu habe. Für französische Musiker ist das „corbo“ in Treptow in den letzten Jahren ein wichtiger Ort geworden, dort ist auch Mélinée gerade aufgetreten.

Frankreich findet man überall in Berlin, das französischsprachige Magazin „Berlin Poche“, das seit 2008 erscheint, zeigt es monatlich aufs Neue. Vermissen die Franzosen trotzdem ihre Heimat?

„Nein“, sagt Philippe Braz. Er pendle ja oft hin und her, gebe Schreibworkshops in Paris, und mit ihrem Kollektiv seien sie viel unterwegs in Frankreich. Trotzdem spiele die Familie mit dem Gedanken zurückzugehen. Die Tochter mache nächstes Jahr ihr Abitur am Französischen Gymnasium, dann könnte sich die Familie wieder auf den Weg machen. Und Berlin sei gerade auf dem Weg eine normale Hauptstadt zu werden Sie komme ihm manchmal schon vor wie St. Germain des Prés, das bourgeoise Künstlerviertel in Paris. „Ich hoffe nur, es wird keine „clon-city“, eine Stadt wie viele andere“, sagt er.

Auch Mélinée ist beunruhigt, wenn sie an die Zukunft der Stadt denkt. Für sie ist Berlin oft ganz kurz vor dem finalen Crash. In ihrem Lied „Fernsehturm“ drückt sie es folgendermaßen aus: Berlin, kurz vor der Überdosis/So viele Wechsel ein Verhängnis/Der Riss deiner Identität/Versinkt in Uniformität. Trotzdem wird sie bleiben. In der Stadt ihres Lebens. Wenn man schon mal verheiratet ist.