Berliner Frauen an der Spitze: „Niemand sieht mir an, dass ich Raumschiffe baue“

Das Buch „Big in Berlin“ porträtiert 20 erfolgreiche Frauen der Berliner Wirtschaft. Vier davon haben bei der Premiere ihre Geschichte selbst erzählt.

Ein Teil des Covers: Illustrationen der Unternehmerinnen. In der Mitte (v. r.): Nicole Parlow und Irene Selvanathan. 
Ein Teil des Covers: Illustrationen der Unternehmerinnen. In der Mitte (v. r.): Nicole Parlow und Irene Selvanathan. GH Medienhaus Berlin GmbH

Irene Selvanathan räuspert sich und nimmt das Mikrofon in die Hand. „Ich wurde schon mein ganzes Leben unterschätzt“, sagt sie mit einer Stimme, die fest entschlossen klingt. Sie ist 1,52 Meter groß, trägt ihre langen, dunklen Haare offen und einen geblümten Rock. „Leute denken, ich bin Friseurin oder Nageldesignerin“, sagt sie, „dass ich Flugzeuge, Raumschiffe und Satelliten baue, hat mir niemand zugetraut.“ Irene Selvanathan ist Entwicklerin für Weltraumssysteme und die Gründerin des Berliner Unternehmens Neurospace.

An diesem Abend sitzt sie auf der Avus-Tribüne in Berlin und erzählt, wie sie von einer Geflüchteten aus Sri Lanka zur erfolgreichen Unternehmerin in Berlin wurde. Der Anlass des Abends ist die Premiere des Buches „Big in Berlin“ von Tanja Buntrock, die darin 20 erfolgreiche Frauen aus der Wirtschaft Berlins vorstellt und über die Hürden, denen man als Frau in der Wirtschaft begegnet, berichtet. Sie hatte 2020 das Gefühl, dass Frauen durch Corona plötzlich wieder nur für Haushalt und Familie zuständig sein sollten. „Dem wollte ich etwas entgegensetzen.“ Deshalb hat sie für ihr Buch verschiedenste Frauen, von jung bis alt, der Berliner Wirtschaft ausgesucht, die bisher noch nicht von der Öffentlichkeit wahrgenommen wurden.  Zur Premiere lud sie vier der Unternehmerinnen auf die Bühne ein.

Irene Selvanathan: Nach den Sternen greifen

Irene Selvanathan wurde ihr ganzes Leben lang unterschätzt, so sagt sie das selbst. „In meinem Leben haben mir immer wieder Leute erzählt, was ich alles nicht schaffe, dass ich wieder aufgeben sollte“, sagt sie, „aber egal was sie gesagt haben, ich hab’s glücklicherweise doch gemacht.“ Sie erzählt, dass sie in ihrem Berufsfeld, in dem überwiegend Männer arbeiten, bei Konferenzen und Vorträgen zunächst oft gar nicht beachtet werde. Sie rät Frauen, selbstbewusster aufzutreten. „Zuerst sind viele sehr arrogant, aber wenn ich anfange zu reden, merken sie, dass sie nicht mithalten können.“ Selvanathan baut Hardware-Technik für Raumschiffe. Vor Kurzem meldete sich deswegen auch die NASA bei ihr und schlug eine Zusammenarbeit vor. „Niemand sieht mir an, dass ich Raumschiffe baue.“

Manja Schreiner: Keine besonderen Interessen, keine besondere Begabung

Auch Manja Schreiner, die Hauptgeschäftsführerin der Fachgemeinschaft Bau Berlin und Brandenburg, kennt Arroganz am Arbeitsplatz. „Wenn ich am Büro meines Chefs angeklopft habe, kam erst nach einer langen Minute das ‚Herein‘“, sagt sie. „Er blickte nicht vom Papier auf und murmelte: ‚Fangen Sie ruhig schon mal an.‘“ Zuerst habe sie so ein Verhalten geärgert, dann las sie „Das Arroganzprinzip“ von Peter Modler. „Das hat mir wirklich geholfen, mit solchem Verhalten umgehen zu können.“ Als Chefin möchte sie sich anders verhalten. 

„Big in Berlin“ von Tanja Buntrock ist seit dem 15. Oktober im Buchhandel erhältlich.
„Big in Berlin“ von Tanja Buntrock ist seit dem 15. Oktober im Buchhandel erhältlich.GH Medienhaus Berlin GmbH

Nicole Parlow: Es kann auch gut sein, mal nicht zu gewinnen

Dass Niederlagen und Rückschläge auch dazugehören und sogar Gutes mit sich bringen können, hat Nicole Parlow, die auch in der Runde sitzt, lange nicht verstanden. Ihre Eltern hätten sie immer auf Leistung getrimmt. „Ich wollte immer gewinnen“, sagt sie. „Es sollte in unserer Gesellschaft deutlicher gemacht werden, dass Verlieren auch vorkommt und nicht schlimm ist – im Gegenteil: Niederlagen führen dazu, dass man über sich selbst nachdenkt und sich selbst reflektiert.“

Ihre Eltern schickten sie auf ein Sportinternat, doch sie wollte das nicht. „Ich habe den Talentscout, der mich damals entdeckt hatte, verflucht und auf dem Schulhof geraucht, damit ich vom Internat fliege“, sagt sie. Doch ihre Fußballkarriere endete erst, als sie durch eine Verletzung unmöglich wurde. Danach wurde sie Bauingenieurin, heute leitet sie eine Firma und setzt sich für mehr Sichtbarkeit von weiblichen Ingenieurinnen ein. 

Nora Schmidt-Kesseler: Vom Kartenspielen zur Geschäftsführerin

Nora Schmidt-Kesseler, die vierte Rednerin des Abends, sah sich in der Arbeitswelt zunächst unterfordert. Sie arbeitete im Saarland als Finanzwirtin, aber hatte dort zu wenig zu tun. Sie studierte nebenbei Jura und begann ihre Karriere als Juristin in der Wirtschaft. So verschieden die vier Frauen auf dem Podium und ihre Karrierewege auch sind, in der männerdominierten Wirtschaft hatten sie es alle nicht leicht. Mittlerweile wissen sie, dass Rückschläge, Vorurteile und Niederlagen unvermeidbar sind. Es mache den Unterschied, wie man damit umgehe. Irene Selvanathan sagt: „Man sollte niemals aufgeben, schon gar nicht, weil jemand anderes es sagt.“