Berlin - Die Täter mögen dicht gedrängte Massen im Freien. Wo es unübersichtlich ist und viele Menschen zusammenkommen, werden nicht nur Handys und Portemonnaies geklaut. Immer wieder umzingeln Männer junge Frauen, begrapschen, beschimpfen oder bedrängen sie. Erst gab es massenhafte Übergriffe in der Kölner Silvesternacht, auch in anderen Städten wurden solche Fälle bekannt. Immer wieder wurden dabei auch die ausländischen Wurzeln von Tätern diskutiert.

Jetzt ermittelt auch die Berliner Polizei wegen sexueller Nötigung von Frauen beim StraßenfestKarneval der Kulturen. Zehntausende Menschen waren unterwegs, die allermeisten friedlich.

Mindestens neun Frauen wurden aber von Männergruppen bedrängt. Nun fragen sich viele: Geht das so weiter, wo muss als nächstes mit aggressiven, frauenverachtenden Männergruppen gerechnet werden? Können Frauen noch ohne Angst unterwegs sein? Ist die Gesellschaft hilflos oder was tut sie dagegen?

Nach Köln zeigen mehr Opfer solche Delikte an

Der Berliner Polizeisprecher Thomas Neuendorf sagt: „Nach Köln gibt es bei Geschädigten eine höhere Sensibilität und Bereitschaft, solche Delikte anzuzeigen.“ Die Polizei könne so eher einschreiten. Seit Jahren beobachtet die Berliner Kripo das Phänomen, dass Täter gerade bei großen Veranstaltungen die körperliche Nähe von Opfern suchen, sie „antanzen“ und ablenken - aber Taschendiebe seien meist nicht gewalttätig gewesen.

„Dass nun auch Sexualstraftaten hinzukommen, ist neu für uns“, so der Sprecher. Seit April gibt es eine extra Ermittlungsgruppe „Antänzer“. Sie kümmert sich sowohl um Täter, die nur stehlen, wie um die, die ausschließlich sexuelle Delikte begehen oder beides.

Die Übergriffe beim Straßenfest machte die Polizei schnell öffentlich, sobald belastbare Aussagen der Opfer vorlagen. Nach und nach äußerte sie sich auch zur Herkunft der Täter. „Alle Frauen beschrieben die Täter als junge Männer mit südländischem Aussehen.“ Drei verdächtige Jugendliche und ein Mann wurden ermittelt. Drei von ihnen sind türkische Staatsangehörige.

Festbesucher schritten beim Karneval der Kulturen ein

Vielleicht auch eine Konsequenz aus früheren Fällen: In Berlin schritten unbeteiligte Festbesucher couragiert ein. Als acht junge Männer eine Frau umringten, ihr an den Busen und unter den Pullover griffen, habe ein Afrikaner die Angreifer angebrüllt: „Ich rufe gleich die Polizei.“ Die Gruppe habe von dem Opfer abgelassen und sei geflüchtet, so Neuendorf. Ein anderer Retter filmte Täter und ließ sich nicht einschüchtern.

Ein Opfer berichtete laut Polizei, es sei von einem der Angreifer mit den Worten beschimpft worden: „Na, ihr Schlampen wollt das doch.“ Ein Gefühl von Angst, Wehr- und Hilflosigkeit habe geherrscht. Einige Frauen seien verstört gewesen oder hätten geweint.

Rechtspopulisten benutzen Herkunft der Tatverdächtigen für ihre Zwecke

Die Debatte, ob diese neue Form der sexuellen Nötigung etwas mit der Herkunft der Täter, ihren Familien oder dem Islam zu tun hat, wurde schon nach der Silvesternacht in Köln geführt. Rechtspopulisten reagierten mit schnellen Zuschreibungen, andere versuchten, die Themen zu trennen, um Einwanderer nicht zu diskreditieren.

Nun ist das Thema erneut in die Fokus gerückt. Die AfD versucht, mit markigen Worten zu punkten. Der Berliner Landesvorsitzende Georg Pazderski empört sich schon über das Wort „Antänzer“. Das seien „Verbrecher“.

Oft kein Unrechtsbewusstsein

In Polizeikreisen ist zu hören, dass jugendliche Migranten oft ein Weltbild hätten, in dem Frauen verachtet werden und nichts gelten. So gebe es auch oft kein Unrechtsbewusstsein, wenn Frauen angegriffen würden.

Der Psychologe und Therapeut Ahmad Mansour hatte schon Anfang des Jahres gesagt, mit diesem Bild müssten sich Lehrerinnen, Sozialarbeiter, Polizistinnen seit Jahren herumschlagen. Dass gelte natürlich nicht für alle jungen Muslime, aber viele jungen Männer seien in ihrem frauenfeindlichen Denken „Opfer der patriarchalen Strukturen“.

Vorfälle beeinflussen Sicherheitskonzept bei EM-Fanmeile

Zu 100 Prozent werden sich solche Taten wohl auch in Zukunft nicht verhindern lassen. Doch die Berliner Polizei will bei ihrem Sicherheitskonzept für die Fanmeile zur Fußball-Europameisterschaft am Brandenburger Tor ihre jüngsten Erkenntnisse einfließen lassen.

Auch der Ruf nach drastischen Strafen für Täter ist immer wieder zu hören. In Köln konnte einem Angeklagten die sexuelle Nötigung in der Silvesternacht nicht nachgewiesen werden, weil das Opfer den Angreifer nicht erkannte. Dagegen wurde in Düsseldorf ein Grapscher aus Marokko allein für die Belästigung einer jungen Frau zu neun Monaten Haft verurteilt. In Berlin geschahen die Taten zum Teil noch im Tageslicht. Filme von Handys sollen jetzt ausgewertet werden. (dpa)