Berlin - Die Aktion am Donnerstagabend passiert so schnell wie unerwartet. Es ist die Eröffnungsfeier der Berlinale. Plötzlich stürzen Alexandra, Theresa, Klara und Debbie von der Feministinnengruppe Femen auf den roten Teppich. Mit nackten Oberkörpern, auf die sie mit schwarzer Farbe Botschaften gepinselt haben, protestieren sie laut schreiend gegen Genitalverstümmelung. Schnell greifen Sicherheitsmänner ein. Drei Frauen werden zu einem Polizeiwagen gebracht, wo sie eine Anzeige kassieren. Für Debbie geht es böse aus. Ein Fotograf prügelt auf sie ein, sie muss mit Prellungen ins Krankenhaus, wird aber bald wieder entlassen. Verhaftet wird der Mann zunächst offenbar nicht.

Nackt auf dem Petersplatz

Einen Tag vor der Aktion sitzen die vier Frauen in der Ankerklause in Kreuzberg. Sie tragen Femen-T-Shirts. Es gibt Yogi-Tee und Cappuccino. Ja, es werde demnächst weitere Aktionen in Berlin geben. Was genau, das wollen sie noch nicht verraten. Das Überraschungsmoment ist immer noch die stärkste Waffe der Gruppe.

Immer wieder sorgt Femen für medial hocheffektives Aufsehen. Als Dienstmädchen verkleidet, haben sie vor der Villa von Dominique Strauss-Kahn demonstriert. Auf dem Petersplatz in Rom haben sie sich während einer Messe ausgezogen und gegen die Homophobie des Papstes angeschrien. Auch beim Weltwirtschaftsgipfel in Davos traten sie auf. „Sextremismus“ nennen sie ihre Art des Auftretens und ihre Botschaft.

Soldatinnen gegen die sexuelle Unterdrückung der Frau

2008 in der Ukraine gegründet, ist Femen mittlerweile international vernetzt. So gibt es Dependancen in den USA, Kanada, Brasilien, Frankreich. Sogar in Tunesien haben sich ein paar Frauen zusammengeschlossen. Dort ziehen sie sich aber nicht aus. Es wäre lebensgefährlich.

Etwa 20 Mitglieder hat Femen in Deutschland. In Berlin sind es sieben. Meistens treten sie aber in kleineren Einheiten auf. Sie verstehen sich als Soldatinnen gegen die sexuelle Unterdrückung der Frau und wollen gegen „die patriarchalen Strukturen, die sich in der Gesellschaft manifestieren“ kämpfen. Als Hauptmerkmale des Patriarchats betrachten sie sexuelle Sklaverei, Diktaturen und Religion.

Ihre Aktionen erinnern an Guerillataktiken. Das öffentliche Ausziehen betrachten die Aktivistinnen als mehr denn bloße Generierung von Aufmerksamkeit. Sie wollen die Bedeutung, die ein nackter Frauenkörper in der Öffentlichkeit hat, ändern. „Nackte Frauenkörper werden immer als schwach dargestellt. Unser Protest soll dieses Bild neu besetzen.“ Wer die schreienden, protestierenden Frauen in den Nachrichten sehe, werde mit der Zeit eine andere Assoziation mit nackten Brüsten haben, so die Idee.

„Es ist absurd“, sagt Alexandra Shevchenko, „man sieht so häufig halb nackte Frauen. Ich sehe nicht ein, warum unsere Körper als schmutzig und obszön gelten, wenn wir sie selbst in der Öffentlichkeit zeigen.“ Die 24-Jährige, die meist Sasha genannt wird, hat eine Mission. Sie ist Mitbegründerin und eine Ikone der Femen-Bewegung. Jetzt wird sie für einige Zeit in Berlin leben. Sie sieht sich als Botschafterin von Femen in Deutschland, die so lange hier bleibt, bis die deutschen Aktivistinnen selbstständig arbeiten können. Dann will sie weiterziehen.

Sympathischer Auftritt, aber auch fragwürdige Aktionen

Seit letztem Sommer gibt es die Gruppe in Deutschland. Ein Büro, beziehungsweise ein Trainingszentrum hat sie in Berlin noch nicht. Auch sei man noch nicht als gemeinnütziger Verein eingetragen. Das erschwert die Finanzierung, da keine Spenden angenommen werden dürfen. „Unsere Reisen zahlen wir aus eigener Tasche“, sagt Klara.

Die internationalen Femen finanzieren sich sowohl über Spenden als auch über den Verkauf von Merchandise – T-Shirts etwa oder auch selbst gemachte Kunstwerke, die Boob-Prints. Die Aktivistinnen tauchen ihre Brüste in Farben und verkaufen den Abdruck als Gemälde.

Das Training, dem sich die Frauen unterziehen, behandelt nicht nur Abwehrtechniken gegen Polizisten und lautes Schreien. Vor jeder Aktion, sagt Shevchenko, werde ausführlich diskutiert, wie man die Aktion ausführt, damit man möglichst eindrucksvolle Bilder in die Medien bekommt. Gegen die Kälte im Winter gebe es hingegen kein Training. „Da ist man voller Adrenalin“, sagt Klara. „Die Kälte bemerkt man erst später.“

So sympathisch das engagierte Auftreten von Femen wirken mag, so fragwürdig sind manche ihrer Aussagen und Aktionen. In Hamburg sorgten die Aktivistinnen im Januar für einen Eklat. Dort demonstrierten sie in der Herbertstraße. In der beidseitig eingezäunten Straße sitzen die Prostituierten an Schaufenstern. Die Gasse dürfen nur volljährige Männer betreten. Mit brennenden Fackeln ausgestattet marschierten die Aktivistinnen halbnackt hindurch. An den Eingang pinselten sie den zynischen KZ-Spruch „Arbeit macht frei.“

Die Aktion brachte zu Recht viel Kritik ein, auch von anderen Feministinnen. Alexandra Shevchenko sieht darin kein Problem: „Wir sind genauso gegen Faschismus wie gegen die Sexindustrie.“ Theresa versucht, die Aktion einzuordnen: „Wir wollten mit dieser Aktion keinesfalls den Holocaust banalisieren. Wir wollten eher darauf hinweisen, dass Zwangsprostitution banalisiert wird.“

Bleibt die Frage, ob die eigentliche Botschaft hinter den öffentlichen Aktionen verloren geht.