Berlin -  Die Oma saß Model, damit ihr Enkel, der Bildhauer Reinhold Begas (1831–1911), sein Werk, das Schillerdenkmal für Berlin, fertigstellen konnte. Seine Frau Margarethe tat es ihr gleich und ebenso zwei weitere Damen aus dem Bekanntenkreis des Künstlers: die Ehefrau des Malers und Schriftstellers Ludwig Pietsch sowie eine heute nicht mehr näher identifizierbare, die in der zeitgenössischen Presse „Fräulein Busse“ genannt wurde.

Zum Monument auf dem Gendarmenmarkt gehören fünf Vollplastiken: eine von Friedrich Schiller auf dem als Brunnen gestalteten Sockel sowie vier symbolische Sockelfiguren an jeder Ecke, welche sich auf seine Arbeitsfelder beziehen. Als Schiller 1805 starb, war Begas noch nicht geboren und wusste daher nicht, wie Ersterer ausgesehen hatte. Der Bildhauer dürfte daher für die Gestaltung seiner Schillerplastik bereits vorhandene Porträts des Dichters als Inspirationsquellen verwendet haben.

Von Schillers vier Wirkungsgebieten waren einerseits drei in der antiken Mythologie eng mit der Vorstellung von den Musen verknüpft. Der Dichter andererseits hatte unter anderem durch bestimmte Stoffe und Begriffe in seinen Werken (zum Beispiel die Gedichte „Hektors Abschied“, „Die Kraniche des Ibykus“; die Zeitschriften „Die Horen“, „Musen-Almanach“) verdeutlicht, wie bedeutend die Antike für ihn war. Was lag für Begas daher näher, sich bei seiner Gestaltung der Symbolfiguren für das Denkmal an die antike Ikonografie der drei Musen Klio (Geschichte), Melpomene (Tragödie und Trauergesang) sowie Erato (Lyrik, besonders Liebeslyrik) anzulehnen und für die Philosophie eine ähnliche zu erfinden?

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Geschichte

Allegorische Figur 1: Die Skulptur, die die Geschichte verkörpert, hält eine Schreibtafel, auf deren Rückseite die Namen von Lessing, Kant und Goethe verzeichnet sind.

Klio erscheint auf seinem Werk mit einer beschrifteten Tafel (analog zur üblichen geöffneten Bücherrolle) und einem Griffel in den Händen sowie neben weiteren Tafeln links neben sich. Melpomene hat als überliefertes Symbol rechts neben sich eine Maske mit herabhängenden Mundwinkeln. Dazu gehörte ursprünglich noch ein inzwischen verloren gegangener Dolch in der linken Hand. Erato dagegen wird ebenfalls traditionell mit einer neunsaitigen Leier dargestellt. Sie selbst wird auf dem Denkmal außerdem statt mit dem Pfeil des Eros in einer Hand modernisierend mit halb nackter Brust präsentiert, wohl um betrachtende Männer zu erotisieren. 

Vermutlich als Anspielung auf die zahlreichen Werke bedeutender Gelehrter erscheint die Philosophie mit einer Schriftrolle in der Hand, die mit einem der legendären, angeblich eingemeißelten Sprüche des Apollontempels von Delphi in Altgriechisch beschriftet ist, auf Deutsch: „Erkenne dich selbst.“

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Lyrik

Allegorische Figur 2: Die Figur, die die lyrische Dichtung darstellt, stattete der Bildhauer Begas mit einer Schwanenhalsharfe aus.

Da die vier Schaffensgebiete Schillers sprachlich alle weiblich und die drei Musen mythologisch Frauen sind, war eine entsprechende Darstellung für den Bildhauer obligatorisch. Durch seine Arbeit und das vorbildhafte Mitwirken der vier mit ihm verwandten und bekannten Damen setzte er auch ihnen bis heute ein Denkmal: seiner Großmutter in der würdevollen Seniorinnengestalt der Philosophie, seiner damals 22-jährigen Frau in der jungen, ähnlich wie ihr Vorbild mit lockigem, nach hinten gekämmten (hier jedoch längerem) Haar frisierten Figur der Klio, Frau Pietsch in der Plastik der Melpomene als reifer Frau und „Fräulein Busse“ in jener jugendlichen der Erato.

Als am 10. November 1871 um elf Uhr anlässlich Schillers 112. Geburtstages aber Begas’ Werk, das Schillerdenkmal auf dem Gendarmenmarkt, mit einer Feier eingeweiht wurde, waren die Denkmalmusen die einzigen weiblichen Wesen auf dem Festplatz. Weder ihre Patinnen noch sonst eine Frau waren dort.

Die zeitgenössische Presse bezeichnete wiederholt Friedrich Schiller als „Dichter der Frauen“. Hatte er doch (in seinem Gedicht „Würde der Frauen“) geschrieben: „Ehret die Frauen! Sie flechten und weben himmlische Rosen ins irdische Leben“. Ein Journalist des Berliner Figaro hätte es deshalb schön gefunden, wenn Schiller bei der Enthüllung seines Denkmals „von einem Kranze junger Mädchen, die ihm zu Füßen Blumen streuten, umgeben worden wäre“. Doch ach! Wie anders war die Realität!

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Philosophie

Allegorische Figur 3: Die als missmutig dreinblickende Frau dargestellte Philosophie hält in der Hand eine Schriftrolle mit dem altgriechischen Text „Erkenne Dich selbst“. 

Auf den beiden Tribünen und den Podien auf dem von einem Bretterzaun umgebenen Festplatz vor dem Schauspielhaus standen dicht gedrängt die Männer, schließlich hatten der Berliner Magistrat und das Schillerkomitee als Organisatoren nur solche eingeladen: Reichstagsabgeordnete, Stadträte und Stadtverordnete, weitere Kommunalbeamte, Lehrer, den Vorstand des Berliner Zweiges der Deutschen Schillerstiftung und 25 Journalisten. Da für den Bau des Denkmals sowohl die Stadtverordneten und Kaiser Wilhelm I. als ehemaliger preußischer Prinzregent je 10.000 Taler bewilligt, als auch die Berliner Bevölkerung 12.860 Taler gespendet hatte, war die Einweihungsfeier nicht nur eine lokale, sondern auch eine nationale Angelegenheit.

Als Ehrengäste waren deshalb unter anderem der Handelsminister, der Kultusminister und der Justizminister anwesend. Auch am Festprogramm waren nur Männer beteiligt: 13 Männerchöre sangen auf der Freitreppe des Schauspielhauses am Anfang „Eine feste Burg ist unser Gott“ von Martin Luther und am Ende die „Ode an die Freude“ von Friedrich Schiller und Ludwig van Beethoven. Der Militärkapellmeister Johann Heinrich Saro mit seiner Kapelle beschloss den Event mit dem „Schillermarsch“ von Giacomo Meyerbeer. Währenddessen marschierten Berliner Burschenschaftler in Wichs und in den Händen mit Fahnen des Akademischen Turnvereins und der Akademischen Liedertafel zu Berlin dreimal um das Monument.

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Tragödie

Allegorische Figur 4: Mit entschlossener Miene tritt die Allegorie der Tragödie auf. Ursprünglich hatte Reinhold Begas sie mit den Attributen Dolch und Maske versehen, nur die Maske ist noch vorhanden.

Zwischen den Musikstücken übergab Reinhold Begas, mit seinen Gehilfen vor dem Denkmal stehend, sein Werk an die Stadt Berlin, vertreten durch ihren Oberbürgermeister Karl Theodor Seydel, seinen Stellvertreter Heinrich Philipp Hedemann sowie einige Stadträte und Stadtverordnete. Der Stadtsyndikus Hermann Duncker hielt danach eine Rede über die Bedeutung Schillers, des Monuments für ihn und dessen Geschichte. Anschließend fiel unter Posaunenklängen und Mitwirken von Schillers Enkel, dem Maler Ludwig Freiherr von Gleichen-Rußwurm, die Verhüllung des Denkmals.

Jubelrufe des Volkes

Und „das Marmorbild erschien, verklärt von dem Strahl der Sonne, begrüßt von dem Jubelrufe des Volkes und den Klängen der Musik“, schwärmte die Zeitung Germania. Die Organisatoren hatten sich mit dem Programm, aber auch dem Schmücken des Platzes mit Medaillons mit Schillerzitaten sowie Fahnen und Wimpeln mit den Wappen der deutschen Bundesstaaten auf schwarz-weiß-rot angestrichenen Masten so viel Mühe gegeben. Trotzdem kam die Veranstaltung gerade bei vielen anwesenden Männern nicht gut an. Denn die Figur vom „Dichter der Frauen“ musste dabei ohne Frauen auskommen! 

Eine „offen zur Schau gestellte Antipathie gegen die schönste und bessere Hälfte der Menschheit“ nannte die Zweite Beilage der Königlich privilegierten Berlinischen Zeitung das Fehlen der Frauen bei der Einweihung des Schillerdenkmals. Es gab kaum einen Artikel, der nicht darüber berichtete und direkt oder indirekt den Magistrat zitierte. Er habe befohlen, dass die zahlreichen Polizisten, die zu Fuß und zu Pferd auf und rund um den Festplatz für Ordnung sorgten, Damen von der Feier „unbedingt zurückweisen“ sollten.

Das, so die Berliner Börsen-Zeitung, gelte auch für Damen, die „ein Billet vom Papa oder dem communalverwaltenden Eheherrn erwischt“ hätten. Wahrscheinlich waren es solche Frauen, die laut Staatsbürger-Zeitung trotz des Verbots versuchten, auf den Festplatz zu gelangen. „Aber dem barschen ‚Zurück!‘ des Schutzmanns, der ihnen mit der Breitseite seines Pferdes den Eintritt wehrte, mussten sie weichen.“ Den Grund für den frauenfeindlichen Beschluss hielten die Organisatoren geheim, und Ausnahmen vom Frauenverbot mussten sie nicht machen: Die Mitglieder der kaiserlichen Familie schauten der Schillerfeier von den Fenstern der Beletage der Seehandlung in der Jägerstraße zu.

Dichter der Frauen

So füllte die übrige Bevölkerung die Fenster und Dächer der Straßen rund um den Gendarmenmarkt sowie die Söller der beiden Kirchen, und Hunderte schaulustige Männer, darunter einzelne Frauen, umdrängten von allen Seiten das Festplatzgatter. Erst am Nachmittag konnten alle Menschen das Denkmal näher betrachten. Die negativen Reaktionen der Presse wegen des Frauenverbots waren aber erheblich. Mindestens fand man es äußerst befremdlich, dass es trotz Schillers Charakters als „Dichter der Frauen“ ausgesprochen und durchgesetzt worden war.

„Pfoi!“, urteilte aus demselben Grund einfach der Kladderadatsch. Die Nationalzeitung fand, dass das Frauenverbot „den Anblick der Tribüne eine wenig grau und stumpf“ gemacht hätte, denn Männer wären „vom malerischen Standpunkt aus immer nur eine sehr ärmliche Staffage eines öffentlichen Festes“. Ähnlich meinte die Königlich privilegierte Zeitung, dass sich die leitenden Behörden selbst des schönsten, gratis verfügbaren Festschmuckes beraubt hätten, „dessen, welchen die hübschen und eleganten Frauen einer öffentlichen Feier durch ihre möglichst zahlreiche Anwesenheit auf den Tribünen geben“.

Schließlich bat, von der Haltung der Feierorganisatoren offenkundig peinlich berührt, der Journalist Julius Rodenberg stellvertretend für viele seiner Geschlechtsgenossen in der Neuen Freien Presse die Frauen: „Verzeiht es uns, ihr Holden! Wir sind nicht schuld daran, ihr habt uns sehr gefehlt!“ Hätte jemand damals, als Frauen nicht einmal das Wahlrecht hatten, den Mitgliedern des Berliner Magistrats und des Schillerkomitees gesagt, dass ihre Stadt eines Tages eine Oberbürgermeisterin haben würde – Louise Schroeder und Franziska Giffey – hätten sie wohl auch „Pfoi!“ gesagt. 

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