„Free Palestine!“: Kleinere Tumulte auf der Sonnenallee nach dem WM-Halbfinale

Schon nach dem Viertelfinale demonstrierten Neuköllner Marokko-Fans ihre Solidarität mit Palästina. Nach dem verlorenen Halbfinale brannten sie erneut Pyros ab.

Nach dem Einzug ins Halbfinale zündeten Marokko-Fans auf der Sonnenallee Pyrotechnik und schwenkten Palästina-Flaggen.
Nach dem Einzug ins Halbfinale zündeten Marokko-Fans auf der Sonnenallee Pyrotechnik und schwenkten Palästina-Flaggen.Paul Zinken

Bei Mr. Grill, dem irakischen Kebab-Laden auf der Sonnenallee, vermischt sich am Mittwoch gegen halb elf Uhr abends der typische Geruch von gebratenem Fleisch mit dem von Schwarzpulver in der Luft. Mit ein bisschen Sorge, aber vor allem mit Belustigung schauen die Männer des Grills hinter der Theke durch eine Glasscheibe auf die Sonnenallee. Dort draußen brüllt ein kleiner Pulk schon seit längerem: „Fa-la-stine! Fa-la-stine“, das arabische Wort für Palästina. Dann knallt es laut, Feuerwerkskörper explodieren in der Luft.

Vor rund einer halben Stunde ist das erste WM-Halbfinale mit afrikanisch-arabischer Beteiligung in der Geschichte des Fußballs zu Ende gegangen. Überall auf der Sonnenallee, in den Shisha-Bars, den arabischen Cafés, sogar in den Friseursalons saßen hauptsächlich Männer und schauten angespannt, die Wasserpfeife im Mund oder einen Tee in der Hand, wie Marokko einen leidenschaftlichen Kampf gegen Frankreich ablieferte und am Ende trotzdem glücklos 0:2 unterlag. „Wir sind alle für Marokko, denn wir sind alle Palästinenser“, sagte ein Friseur-Salon-Inhaber.

Nur wenige Minuten nach Abpfiff waren die ersten kleineren Detonationen zu hören. Vor der mit Palästina-Flaggen behängten Shisha-Bar Café Salam sammelte sich schnell eine Gruppe von mehreren Hundert Männern. Sie zündeten die roten Pyros, die sie eigentlich für den Sieg besorgt hatten, aber nun natürlich trotzdem abfackeln wollten und sangen auf Arabisch: „Marokko ist stark, auch wenn es unterliegt.“

Freudenfeier auf der Sonnenallee war auch eine politische Demonstration

Schon nach dem Einzug ins Halbfinale, nach dem Sieg gegen Portugal am vergangenen Samstag, hatten sich junge Männer hier versammelt und gefeiert. Da waren es allerdings noch weit über 1000 Menschen gewesen. Unbehelligt konnten die Fans fast zwei Stunden feiern und dabei auch einen arabischen Schulterschluss demonstrieren, der in Katar schon seit Beginn des Turniers zu beobachten war und der vor allem ein Ziel hatte: uneingeschränkte Solidarität mit Palästina.

Auf der Sonnenallee sind damit die Freudenfeiern über das außergewöhnliche sportliche Abschneiden Marokkos auch immer eine politische Veranstaltung. An diesem Mittwochabend, nach dem Spiel gegen Frankreich, aber dauerte der wilde Tanz keine ganze Stunde. Denn auch die Polizei war diesmal besser vorbereitet und unmittelbar nach den ersten abgebrannten Feuerwerkskörpern mit mehr als einem Dutzend Einsatzwagen zur Stelle. Und während es in anderen europäischen Großstädten, in Brüssel und Montpellier zu heftigen Ausschreitungen und sogar einem toten Fan kam, war auf der Sonnenallee um elf Uhr wieder alles wie immer. In die Imbisse kamen die Hipster und bestellten einen späten Kebap. Nur der Geruch von Schwarzpulver blieb noch länger in der Luft.