Berlin - Ins Abgeordnetenhaus könnte im Herbst eine siebente Partei einziehen: die Freien Wähler, die Umfragen zufolge bei drei Prozent liegen. Derzeit läuft der Aufbau der Partei in Berlin auf Hochtouren.

Auf der Kandidatenliste stehen Menschen mit unterschiedlichsten Charakteren: Spitzenkandidat ist Marcel Luthe. Der 43-Jährige wurde 2020 aus der FDP-Fraktion des Abgeordnetenhauses ausgeschlossen, weil das Vertrauensverhältnis zerrüttet war. Im Herbst trat Luthe auch aus der Partei aus. Er blieb weiter Abgeordneter und ist der Parlamentarier, der mit Abstand die meisten Anfragen an den Senat richtet. Auf weiteren Listenplätzen der Freien Wähler folgen der Vize-Landeschef Tobias Eder und Ramona Treder, die den Volksentscheid zu Tegel mit organisiert hat. Auf Platz vier tritt der Anti-Mobbing-Coach Carsten Stahl an.

Auf Platz fünf steht Michael Knape. Er leitete früher die für den Osten zuständige Polizeidirektion 6. Der Polizeidirektor machte sich unter anderem einen Namen im Kampf gegen Rechtsextremisten. Bei diesen ist er so verhasst, dass die Naziband „Landser“ ihm ein eigenes Lied widmete. Heute ist er Professor für Polizeirecht und findet die Sicherheitspolitik des Senats „grottenschlecht“. Unter anderem kritisiert er die neue Organisationsstruktur der Polizei.

Auch ein Opernsänger kandidiert bei den Freien Wählern

„Wäre ich heute noch Direktionsleiter, ich würde auf die Barrikaden gehen“, sagt Knape. „Fragen Sie mal die Bürger außerhalb des S-Bahn-Ringes, wann sie einen Streifenwagen sehen!“ Knape kritisiert das zögerliche Vorgehen der Polizei gegen die Linksautonomen in der Rigaer Straße. Auch den Einsatz gegen Rechts vermisst er. „Zu meiner Zeit sind wir alle 14 Tage gegen Neonazi-Treffen und rechte Konzerte vorgegangen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es diese jetzt nicht mehr gibt.“

Derzeit läuft in den Bezirken auch die Kür der Kandidaten für den Bundestag. Klaus-Peter von Lüdeke, einst langjähriger FDP-Politiker, wurde am Montag auf dem Kreisparteitag der Freien Wähler für den Wahlkreis Wannsee nominiert. In Reinickendorf schaffte es Dirk Steffel auf die Liste. Der 51-Jährige trat Ende April nach 35 Jahren aus der CDU aus. Er ist der jüngere Bruder des CDU-Bundestagsabgeordneten Frank Steffel und war zuvor stellvertretender CDU-Kreisvorsitzender.

Die Freien Wähler aus Pankow stellten den Opernsänger Ilja Martin als Bundestagskandidaten auf. Der 42-Jährige ist Frontmann der „Drei jungen Tenöre“. In der Corona-Pandemie kaufte er einen Foodtruck, in dem er Pizza macht und unter dem Motto „Genuss & Entertainment“ für die Kunden singt. „In der Corona-Zeit habe ich gemerkt, dass wir Freiberufler keine Lobby haben, und sehe, wie meine Kollegen in Hartz IV rutschen. Deshalb wollte ich selbst eine Partei gründen.“

„Der SPD geht es nicht um mehr Gerechtigkeit, sondern um mehr Gleichheit“

Dann habe er gesehen, dass 99 Prozent des Parteiprogramms der Freien Wähler seinen Vorstellungen entsprächen. Hier finde er eine herrliche Mischung – vom maulenden Ostrentner bis zum Beleuchter im Theater oder Unternehmensberater. Martin, der vier Kinder hat, will sich für Kultur und Kinder einsetzen. „Ich finde das Konzept der Bürgerexperten gut.“

In anderen Kreisverbänden müssen die Kandidaten noch gewählt werden. So will Michael Knape auch für den Bundestag antreten, und zwar in Treptow-Köpenick. Dort soll am 20. Juni eine Bezirksgruppe gegründet werden. Carsten Stahl will in Marzahn-Hellersdorf für den Bundestag kandidieren. Allerdings muss auch dort noch ein Kreisverband aufgebaut werden, genauso wie in Spandau.

Andreas Diezmann wurde in Steglitz-Zehlendorf als Kandidat für die BVV nominiert. Der Lehrer war 21 Jahre lang in der SPD. „Doch ihr geht es nicht mehr um mehr Gerechtigkeit, sondern um mehr Gleichheit“, sagt er. „Die Freien Wähler wollen, dass die Menschen aus der Unmündigkeit entlassen werden. Die Leute wollen nicht ideologisch beglückt werden, sondern eine funktionierende Verwaltung. Sie wollen ihr Leben leben.“

Ex-CDU Politikerin: „Bürgernah und ideologiefrei“

Einen Stadtratsposten haben die Freien Wähler schon: Cornelia Flader, Stadträtin für Schule, Kultur und Sport in Treptow-Köpenick, trat nach 15 Jahren aus der CDU aus. Sie störte die aus ihrer Sicht intransparente Hinterzimmerpolitik zur Sicherung von Machtansprüchen. Speziell die CDU Treptow-Köpenick sei eine Männerwelt, Frauen hätten es schwer, sagt die 57-Jährige. Am 4. Juni trat sie den Freien Wählern bei.

„An ihnen fasziniert mich, dass sie bürgernah und ideologiefrei sind“, sagt sie. Ihre Erfahrung im Bildungswesen will sie in der neuen Partei einbringen. Acht Jahre leitete sie in Gesundbrunnen eine Schule, an der 98 Prozent der Schüler einen Migrationshintergrund hatten und mit denen sie den Deutschen Präventionspreis gewann. Vier Jahre leitete sie dann eine Schule in Bohnsdorf. Als Bezirksstadträtin verantwortete sie unter anderem die Renovierung des Nachwuchsleistungszentrums des 1. FC Union.

Laut Marcel Luthe haben die Freien Wähler in Berlin etwa 160 Mitglieder. Die Partei steht nach seinen Worten „für eine unideologische, rationale Politik“. Der Staat müsse als Dienstleister für den Bürger funktionieren, wo er unbedingt notwendig sei, und den Bürger ansonsten in Ruhe lassen.