Berlin - Wie viel Historie darf rund um das neue Berliner Schloss entstehen? Wie viel Moderne ist erlaubt? Senatsbaudirektorin Regula Lüscher sagt, welche Vorgaben es für den Freiraumwettbewerb auf dem Schlossplatz geben soll.

Frau Lüscher, im September wollen Sie den Wettbewerb zur Gestaltung der Flächen rund um das neue Berliner Schloss ausloben. Haben Sie schon eine Vorstellung, wie das Gebiet einmal aussehen sollte?

Nein, ich mache ja einen Wettbewerb, um das herauszufinden.

Sie gelten als Anhängerin einer  zeitgenössischen Architektur. Hat die Historie trotzdem eine Chance?

Natürlich hat die Historie eine Chance. Sie hat einen großen Stellenwert. Wir werden die Details der Ausschreibung im Preisrichter-Colloquium am 23. August gemeinsam besprechen.

Das heißt, die Wettbewerbsvorgaben stehen zurzeit noch nicht fest?

Sie stehen zum größten Teil fest, aber zum Schluss sind immer noch Detailabstimmungen notwendig. Es ist wichtig, dass man eine Ausschreibung formuliert, in der möglichst viel Offenheit besteht, aber gleichzeitig auch die gestalterischen Einschränkungen ganz klar definiert sind. Damit man die Wettbewerbsteilnehmer nicht in die falsche Richtung schickt. Und das ist im Moment meine Hauptverantwortung bei diesem Wettbewerb. Ich muss klarstellen, was ist finanzierbar, was ist machbar. Sonst machen die Teilnehmer schöne Entwürfe und die sind am Schluss nicht umsetzbar.

Sie haben erklärt, dass der Neptunbrunnen, der früher vor dem Schloss stand, zunächst nicht an den alten Standort zurückkehren soll. Warum?

Es gibt drei Gründe: Der Landeskonservator empfiehlt, dass man Skulpturen wie den Neptunbrunnen oder die Rossebändiger, die heute wieder in einem gewachsenen historischen Kontext stehen, an ihrem jetzigen Standort belässt. Andere Skulpturen, die in Depots stehen, kann man dagegen natürlich zurückführen. Der zweite Grund ist: Der Neptunbrunnen ist heute an einem Standort, an dem er sehr beliebt ist. Er ist eigentlich das Zentrum des Rathausforums, der Achse zwischen Rathaus und Fernsehturm.

Ich bin der Meinung, dass die Frage einer Versetzung des Brunnens sehr breit diskutiert werden müsste. Und dann gibt es drittens funktionale Gründe: Für eine Versetzung des Neptunbrunnens an den ursprünglichen Standort müssten im Untergrund Umbauarbeiten getätigt werden, weil wir dort große Fernwärmeleitungen haben. Und das ist einfach ein riesiger Kostenaufwand und würde Mehrkosten von 1 bis 1,5 Millionen Euro bedeuten. Und das Geld haben wir im Moment nicht im Budget.

Aber wenn das Geld da wäre, wäre eine Rückkehr vorstellbar?

Nach dem jetzigen Wettbewerbsprogramm soll der historische Ort des Brunnens benannt und freigehalten werden. So dass wir für die Zukunft die Möglichkeit haben, den Brunnen zu versetzen – etwa, wenn das Rathausforum neu gestaltet wird und der Neptunbrunnen dort nicht mehr stehen soll.

Bei welchen historischen Figuren könnten Sie sich die Rückkehr zum Schlossplatz vorstellen?

Zum Beispiel bei der Adlersäule. Das Kapitell der Adlersäule ist auch noch erhalten. Darüber hinaus  gibt es noch andere Skulpturen, die eingelagert sind.

Wenn Sie selbst an dem Wettbewerb teilnehmen könnten: wie würden sie die Flächen gestalten? Eher modern? Eher Historisch? Oder würden Sie moderne und historische Elemente miteinander kombinieren?

Ich würde eine Kombination bevorzugen. Weil ich persönlich immer Spuren suche, wenn ich mich mit einem Ort beschäftigte. Und das sind natürlich historische Spuren. Spuren sind meist baulicher Art, aber manchmal auch im übertragenen Sinne Geschichten, die vor Ort stattgefunden haben. Beim Entwerfen geht es darum, reale Spuren, wie zum Beispiel Ausgrabungen, einzubeziehen. Aber es geht auch darum, geistige Spuren in Formen umzusetzen. Das macht man mit Mitteln, die einem vertraut sind. Meine Mittel sind zeitgenössische Gestaltungsformen. Wenn ich aber etwas integrieren kann, nehme ich am liebsten das Original.

Der Bereich an der nördlichen Seite ist ein großes Areal. Fast so groß wie der Lustgarten. Kommen dort die früheren Schloss-Terrassen zurück?

Die Vorgaben sind im Moment so, dass diese Terrassen in irgendeiner Weise zumindest  interpretiert werden. In welcher Form dies geschehen soll, ob in einer zeitgenössischen Gestaltung oder in einer historisierenden Sprache, das ist freigestellt. Am Schluss wird das Preisgericht entscheiden, welcher Entwurf am besten überzeugt.

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Werden die Flächen am Schloss öffentlich zugänglich sein?

Das ist eine der wichtigsten Forderungen in dieser Ausschreibung. Die  Betreiber des Humboldtforums, die Stiftung Preußischer Kulturbesitz, die Humboldt-Uni und die Zentral- und Landesbibliothek, legen ganz großen Wert darauf, dass das Haus offen wirkt. Das ist ein öffentlicher Ort, das ist nicht mehr der Sitz von Kaisern und Königen.

Zurzeit verläuft zwischen Museumsinsel und Schlossplatz eine riesige Straße. Hier werden künftig mehrere tausend Besucher am Tag entlang laufen. Wie wollen sie es schaffen, dass das Überqueren der Straße gefahrlos möglich sein wird?

Wir erwarten von den Landschaftsarchitekten, dass sie uns Lösungen vorstellen, wie die oberirdische Überquerung der Straße verbessert werden kann. Aber es ist klar: diese Vorstellungen müssen mit den Verkehrsplanern auf ihre Machbarkeit überprüft werden.

Dann müssen Sie auch das geplante Freiheits- und Einheitsdenkmal einbeziehen, das an der westlichen Seite des Schlossplatzes entstehen soll. Ist das machbar?

Das ist auch eine Vorgabe. Das hängt davon ab, welche Konzeption die Landschaftsarchitekten für den Raum haben.

Die Ostfassade des Humboldtforums wird ja modern gestaltet. Wie wird die Uferseite dort geprägt sein?

An dieser Stelle besteht viel Gestaltungsspielraum. Dort soll ein Bezug zum Wasser hergestellt werden. Ziel ist, dass es ein Aufenthaltsraum wird. Im Erdgeschoss sollen Cafés und Restaurants einziehen, die dann auch eine Außenbestuhlung haben. Es soll aber auch Plätze geben für all diejenigen, die nichts konsumieren möchten.

Im Jahr 2019 soll das Schloss fertig sein Die Umsetzung der Planung wird noch lange dauern?

Erst muss der Hochbau fertig sein, die Freiflächen folgen immer als Letztes in der Ausführung.

Noch ein Wort zum Wettbewerb: Kann jeder teilnehmen?

Ja. Der Wettbewerb ist offen, und er ist anonym. Wir wissen nicht, wer die Entwerfer sind. Ich erwarte, dass sich viele Architekten beteiligen. Man muss aber nachweisen, dass man Landschaftsarchitekt ist.

Das Gespräch führte Ulrich Paul